Der Glanz eines neuen Tages
 
 
Roman
Lucy Dillon
Erscheinungstermin: 17. Dezember 2018
544 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
 
 
Die junge Lorna arbeitet ehrenamtlich in einem Hospiz in London. Zuletzt hat sie die exzentrische Betty gepflegt, die ihr zwei Dinge mit auf den Weg gab: den Rat, dem Leben mit Mut zu begegnen, und ihren Dackel Rudy. Und so wagt Lorna einen Neuanfang und kehrt mit Rudy zurück in ihre Heimat Longhampton, wo sie sich den Traum einer eigenen Galerie erfüllen möchte. Doch in Longhampton lauern auch die Geister der Vergangenheit: Hier zerbrach ihre Familie und auch ihre Jugendliebe, die sie nie vergessen konnte. Erst als Lorna die ältere menschenscheue Künstlerin Joyce bei sich aufnimmt, erfüllt sich das Leben beider Frauen mit neuem Glanz.
 
 
 
Es ist ein Nettes Buch wo eigentlich Lorna im Mittelpunkt stehen sollt für mich aber eher die Schwester Interessanter ist
 
 
Ich erfahre viel über die Schwester und ihre Familie als über Lorna selber da wird es eher immer nur angekratzt.
 
Wen es dann aber über Lorna geht ist es wirklich nett geschrieben. Lorna ist herzensgut und fasst den Entschluss nach dem Tot von Betty ihr Leben umzukrempeln.
 
Und das macht sie auch sie geht zurück in ihre Heimat und wird dort mit vielen alten Sachen positiv aber auch negativ konfrontiert.
 
So fiebert man an gewissen stellen mit wie sich Lorna entscheiden wird,muss aber auch an manchen stellen sich an den Kopf fassen über die Reaktionen und das Handeln der Charaktere.
 
Bei einigen Sachen im Buch was einen dann neugierig gemacht hat wurde leider nicht weiter geschrieben es gab dann wieder einen Thema wechsel.
 
An sich ist es ein nettes Buch mit einem netten Thema,aber leider bin ich in die Geschichte so nicht rein gekommen und muss sagen mich hätte da das Leben der Schwester mehr gereizt.
 
 
Was ich aus dem Buch aber mitgenommen habe ist das man wirklich auch mal selber das Glück in die Hand nehmen soll und auch mal den Mut haben sollte das alte hinter sich zulassen.
 
Das Buch handelt nicht nur von einem Neuanfang und alten geistern es wird auch gezeigt das die Entscheidung zu einem neu Anfang richtig sein kann und sich so viele Türen öffnen aber einige Türen sich schließen. Auch kann man damit manchmal die Vergangenheit verarbeiten.
 
 
Ein nettes Buch wo man lachen kann,aber auch mal ins denken kommt aber auch mal einfach den Kopf schüttelt.
 
Leseprobe
 
Prolog
 
Betty Dunlop hatte keine Angst vor dem Tod. Andererseits hat sie auch keine Angst vor der Luftwaffe, dem Kalten Krieg, der Gefahr eines nuklearen Winters, Salmonellen, Cholesterin oder einem ihrer unterschiedlich grässlichen Ehemänner gehabt. Lorna Larkham war nicht so entspannt. Je näher sich der Tod an Bettys Bett im St-Agnes-Hospiz heranschlich, desto schneller schlug ihr das Herz in der Brust, und zwar so heftig, dass sie ihre Beine krampfhaft still halten musste, um nicht aufzuspringen und aus dem Zimmer zu rennen. Die alte Reise-Uhr schien stehen geblieben zu sein. War es möglich, dass es erst sieben war? Lorna war um sechs gekommen, um die Schicht ihres Ehrenamts anzutreten. Die Stationsschwester hatte sie abgefangen, noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, und Lorna darauf vorbereitet, dass Betty – die in der Woche zuvor dreiundneunzig geworden war, ihr Haar aber immer noch mit Lockenwicklern auf- drehte und mit Haarspray in Form brachte – in der Nacht immens abgebaut hatte. »Uns war sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmt, als sie nicht nach ihrem Kakao geklingelt hat.« Beim Anblick von Lornas panischer Miene hatte die Schwester ihr eine Hand auf den Arm gelegt. »Sie weilt noch unter uns. Lassen Sie einfach die Musik laufen und reden Sie weiter, auch wenn sie nicht antwortet. Lassen Sie Betty spüren, dass sie nicht allein ist. Ich bin am anderen Ende der Station, falls Sie mich brauchen.« Jetzt ließ Lorna unauffällig ihr Strickzeug sinken, um Bettys schwere Augenlider zu betrachten. Stricken war auch Bettys Hobby gewesen; sie hatten darüber gesprochen, als Lorna zum ersten Mal gekommen war, um ihr ein Stündchen Gesellschaft zu leisten. Lorna brachte immer ihren Strickbeutel mit ins Hospiz. Sie hatte festgestellt, dass das rhythmische Klappern die Momente des Schweigens überbrückte, wenn die Patienten in einen Dämmerschlaf fielen. Für viele war das ein vertrauter Klang, eine Kindheitserinnerung an Mütter und Tanten, die stopften und strickten und munter plauderten. Während eine Reihe nach der anderen entstand, schien der Charakter der alten Damen ins Strickmuster einzufließen. Später stiegen dann unvermittelt Erinnerungen auf und ließen angesichts bestimmter Wollreste Junes wissende Augen oder Mabels Seidenblumen lebendig werden. Betty, das war jetzt schon klar, würde nicht mehr vom Perlmuster zu trennen sein: stark strukturiert und von einem grellen Grün, das Lorna mit dem sauberen Geruch von Pears-Seife verband. Sie wollte ihr Strickzeug gerade umdrehen, als eine kaum merkliche Bewegung ihren Blick auf sich zog. 
 
Rudy, Bettys Dackel, hatte sich in seinem Körbchen geregt. Draußen war ein prächtiger weißer Mond hinter einer Wolke hervorgetreten. Unvermittelt fühlte sich der Raum kühler an, als hätte jemand das Fenster geöffnet. Lornas Herz klopfte ihr bis zum Hals, lebendig, heiß und entschlossen. Die Musik – ein banales klassisches Stück, das eine der Pflegerinnen ausgewählt hatte – war verstummt, aber Betty atmete nicht aus. Mit jedem Summen der elektrischen Wechseldruckmatratze schnürte sich Lornas Brustkorb stärker zusammen. War das der letzte Atemzug? Oder dieser? Sie blinzelte und hielt nach Indizien Ausschau, die sie eigentlich gar nicht wahrhaben wollte. Die Pflegerinnen hatten Lorna darauf vorbereitet, was es hieß, dem Ende eines Lebens beizuwohnen, aber bislang hatte sie es nie erlebt, nicht wirklich. Die Sekunden erstarrten im Raum, dann bewegten sich die Laken über Bettys eingefallenem Körper, und das Leben ging weiter. Vorerst. Lorna stieß Luft aus, ein zittriges Echo von Bettys Atem, und berührte vorsichtig die fleckige Hand auf der Bettdecke. Sie spürte, wie sich die Haut unter ihrem Finger bewegte, weich und durchscheinend. Bis vor Kurzem hätte Lorna nicht geglaubt, dass der Tod Betty je ereilen würde. Sie hatte so leuchtende Augen und nahm an allem so regen Anteil, selbst im Hospiz noch. Letzte Woche hatten sie über das soeben verstrichene Weihnachtsfest geredet. Lorna hatte von den erstaunlich lustigen Abenden im Tierheim erzählt – eine ehrenamtliche Tätigkeit, die sie vor allem deshalb übernommen hatte, um der Familie von Jessicas Mann und deren erbittertem Konkurrenzkampf bei Wissensspielen zu entkommen –, und Betty hatte von der Feier mit ihren 
 
Kindern Peter, Susie und Rae berichtet. Ihr Gesicht hatte geleuchtet, als sie Raes wunderbaren Weihnachtskuchen und Peters schicken Wollmantel beschrieben hatte. Als sich Lorna bei der diensthabenden Pflegerin erkundigt hatte, wann die Kinder denn da gewesen seien, hatte Debra nur mit dem Kopf geschüttelt. Niemand war da gewesen. Vielleicht war das bereits ein Anzeichen dafür gewesen, dass Betty langsam entschwand, wie eine Sandburg, die allmählich von der Flut fortgespült wird. »Wir sind hier, Betty«, sagte sie forscher, als sie sich fühlte. Es war erschütternd, mit anschauen zu müssen, wie sich Bettys Hülle und ihr inneres Wesen in einem unsichtbaren Prozess voneinander lösten. »Rudy und ich. Alles ist gut.« Betty selbst hatte sicher keine Angst vor dem, was ihr bevorstand. Ihre Geschichten – und sie hatte Hunderte zu erzählen – strotzten nur so vor Sorglosigkeit und Mut: wie sie sich zitternd vor Kälte auf Dächern im West End die Nächte um die Ohren geschlagen hatte, um sich, kaum älter als Lornas Nichte, während der Luftangriffe der Deutschen an der Brandüberwachung zu beteiligen; wie sie einen Soldaten geheiratet hatte und nach Kanada gezogen war, um den Soldaten und seine Fäuste nur wenig später gegen einen italienischen Koch und Alkoholiker einzutauschen; wie sie irgendwann eine Bar übernommen und später Avon-Produkte verkauft hatte; wie sie mit vierundvierzig von einem smarten Anwalt namens Herb ein Überraschungsbaby bekommen hatte und nach seinem Tod mit seinem Geld nach Hendon zurückgezogen war. Betty war in ihrem Leben oft ins kalte Wasser gesprungen, stets mit einem riesigen Vertrauensvorschuss, und wie eine Katze immer wieder auf den Füßen gelandet.
 
Lorna sah, dass Betty ins Schattenreich ihrer Erinnerungen abgedriftet war, und hörte ihre rauchige Stimme in ihrem Kopf: »Angst ist gut, Schätzchen«, hatte sie lachend erklärt, als Lorna sie angesichts ihrer Geschichten fassungslos angeschaut hatte. »Sie zeigt einem die eigenen Grenzen auf.« »Ich möchte meine Grenzen gar nicht kennen, vielen Dank«, hatte Lorna in all ihrer Feigheit erwidert. »Warum denn nicht?« Bettys Augenbrauen waren wunderbar, so hochmütig wie die von Joan Crawford. »Ihre Grenzen liegen möglicherweise ganz woanders, als Sie denken.« Lorna hatte sich schnell darauf verlegt, die CDs neben dem Bett durchzuschauen. Betty hatte ihren wunden Punkt getroffen. Tatsächlich wusste Lorna gar nichts über ihre Grenzen. Dabei gab es vieles, was sie gerne über sich wissen würde, Fragen, die sie niemals loswerden würde, weil niemand mehr da war, der sie beantworten könnte. Ihre Mum war fort, und ihr Dad war fort, und damit hatte sich die kleine Welt hinter Jessica und ihr geschlossen und sie beide allein zurückgelassen. Was für eine Person steckte in ihr? Was für Charakterzüge und Schwächen, die bereits in ihr angelegt waren, würden mit den Jahren zum Vorschein kommen – sollte sie denn, anders als ihre Eltern, das mittlere Alter überschreiten und vielleicht sogar eine hochbetagte Dame werden? Derartige Fragen und ein Gefühl der Leere, weil sie es nie erfahren würde, stiegen an solchen Abenden auf, wenn Bettys und ihre eigenen Erinnerungen in der Luft hingen und in der geteilten Stille verschmolzen. Rudy drehte sich in seinem Korb um und legte den Kopf auf die Pfoten. Lorna wählte eine CD von Glenn Miller aus. Falls Bettys Zug heute Abend abfahren sollte, würde ihr ein 10 bisschen Swing für ihre Reise zum nächsten Ort sicher gefallen. Lorna drückte auf den Startknopf, nahm ihr Strickzeug und wappnete sich für die letzte halbe Stunde. Nur noch dreißig Minuten. Es würde nicht während ihrer Schicht passieren, dazu war Betty zu nobel. Sie strickte und lauschte, zwei Reihen, drei Reihen, vier. »Dieses Perlmuster werde ich nie richtig hinbekommen«, murmelte Lorna, damit Betty wusste, dass sie da war. »Ein richtiger Murks ist das.« Als Licht von draußen in den Raum fiel und über die Wände wanderte, sah sie auf und merkte sofort, dass sich etwas verändert hatte. Bettys Nase und ihre Wangenknochen traten schärfer hervor, während ihr Atem schwerfällig geworden war. Unvermittelt hatte Lorna einen metallischen Geschmack im Mund. Sie äugte zu dem Klingelknopf für die Pflegerin hinüber, dann riss sie sich zusammen. Sie würde das schon schaffen. Die alte Dame atmete tief und laut. Lorna fragte sich, ob sie in ihren Träumen jemanden sah, dem dieser Seufzer galt. Jemanden, der aus der Welt heulender Sirenen, geborstener Wände und bitteren Tees hervorgetreten war  – in einer Jugend, in der die Angst alles überlebendig und gleichzeitig flüchtig erscheinen ließ, sodass man lächelnd die Hand ausstrecken und sofort zugreifen musste. Auf »Little Brown Jug« folgte die »Moonlight Serenade«, Bettys Hochzeitslied. Ihre Hand auf der Bettdecke zuckte. Lorna beobachtete sie. Welcher ihrer Ehemänner würde ihr erscheinen? Für welchen würde sie sich entscheiden? Kam ihre Familie, ihre Mutter, ihr Vater, die viktorianische Großmutter? Der Gedanke hatte etwas Tröstliches. Selbst wenn man allein dalag, in einem sterilen Krankenhausbett zum Beispiel, war man von vertrauten Gesichtern umgeben, die liebevoll die Hand nach einem ausstreckten und einen gern wiedersehen würden. Die sich mehr nach einem sehnten als das Leben. Ihr Inneres fühlte sich plötzlich hohl an, feucht und kühl wie eine Meeresgrotte.
 
Einen Moment lang legte sie ihr Strickzeug auf die Knie und zwang sich, die düstere Stimmung auszuhalten. Lorna wusste nicht, wie die letzten Augenblicke ihrer Mutter gewesen waren, und das machte ihr zu schaffen. Waren sie friedlich wie Bettys gewesen, oder hatte sie Schmerzen gehabt? Hatte sie um Luft gerungen oder Reue verspürt? Panik? Sie war an einem Herzinfarkt gestorben. Lornas Vater hatte Cathy in ihrem Atelier gefunden, in einer Lache verschütteter Tinte, nicht Blut. Und dann war er ebenfalls gestorben, auf den Tag genau ein Jahr später, was entweder ein tragischer Zufall war oder – wenn Lorna und Jess ehrlich waren – überhaupt kein Zufall. Rudy hob den Kopf und winselte. Die Ohren angelegt, schaute er sie an, zitternd vor Angst. Tränen stiegen in Lornas Augen, und sie richtete die Aufmerksamkeit wieder auf ihre Aufgabe. Die qualvollen Abstände zwischen den Atemzügen wurden immer länger. Noch Anfang des Monats war Betty munter genug gewesen, um sich über ihre Agatha-Christie-würdigen Vorkehrungen für die Zeit nach ihrem Tod zu freuen. »Ich habe Sie in meinem Testament bedacht«, hatte sie Lorna anvertraut, als die schon ihre langen Haare unter die Mütze gestopft hatte, um zum Nachtbus zu eilen. »Ich werde Ihnen etwas hinterlassen, was Sie an mich erinnern soll.« Lorna hatte sofort protestiert  – diesbezüglich gab es strenge Regeln, und außerdem war das nicht der Grund  dafür, warum sie ins Hospiz kam. Aber Betty hatte abgewinkt. »Unsinn. Es handelt sich nur um eine Kleinigkeit, und ich möchte, dass Sie sie bekommen.
Sonst habe ich niemanden, dem ich sie hinterlassen könnte. Sie soll Sie daran erinnern, dass es gut ist, sich gelegentlich zu fürchten, Lorna.« Mit diesen Worten hatte sie ihr die behandschuhte Hand gedrückt, eine Geste, die keinen Widerspruch duldete. Jetzt schaute Lorna auf diese Finger, die kalt und steif dalagen. Die Ärzte hatten Betty alle acht Ringe abgenommen und dem Hospizpersonal zur sicheren Verwahrung gegeben. Lorna kannte die Geschichten dieser Ringe, nur die des Rubinrings nicht, und sie verspürte ein gewisses Bedauern darüber, dass sie die nun nie zu hören bekommen würde. Sie wollte nicht, dass Betty schon ging, obwohl diese ihr Leben gelebt hatte. Es war so still, viel zu schlicht für einen so bedeutenden Moment. Der Mond hinter dem Vorhang wanderte weiter und warf sein weiches Licht in den Raum. Es lief schon wieder ein anderes Stück. Lornas Haut kribbelte. Die Luft schien erfüllt von den Klängen einer Big Band und unsichtbaren Tänzern, die lautlos durch einen ätherischen Scheinwerfer schwebten und vor dem endgültigen Aus in einem letzten Tanz herumwirbelten. »Ich bin da, Betty«, flüsterte sie, »und Rudy auch.« Dann fragte sie sich, ob es richtig war, Betty festzuhalten, wenn sie eigentlich gehen wollte. Sie gab sich Mühe, ruhig zu sein, eine tröstliche Gegenwart, aber die Ängste gewannen die Oberhand. Was, wenn Betty die Augen aufriss? Was, wenn sie versuchte, etwas zu sagen? Was, wenn sie eine Art von Hilfe brauchte, die Lorna ihr nicht geben konnte? Betty, was ist aus dem italienischen Koch geworden? Warum Montreal? Wenn man das Leben mehr liebte als die Liebe, war es dann leichter, nach einer gescheiterten Liebesbeziehung wieder von vorn anzufangen? Gab es den einen Mann, den Sie nie vergessen haben und vor dem alle anderen verblassen? Wieder winselte Rudy, dann bellte er zweimal kurz auf. Lornas Herz begann zu rasen; sie wurde panisch und hielt es nicht mehr aus. Hektisch griff sie nach der Klingel für die Pflegerin, hielt sie mit einer Hand gepackt und drückte so fest auf den Knopf, wie sie nur konnte. Als leichte Schritte durch den Flur hallten, gefolgt von schnelleren Schritten, legte Rudy seine lange Schnauze auf die Pfoten und stieß ein tiefes Stöhnen aus, das Lorna die Tränen in die Augen trieb. Ihr Herz zog sich zusammen. Sie hätte am liebsten die Arme ausgebreitet, um die unsichtbaren, ungreifbaren Geister im Raum einzufangen und sich von ihnen versichern zu lassen, dass alles in Ordnung war, dass alles gut ging, dass alles noch da war – nur in anderer Gestalt. Aber sie konnte nicht. Es würde sowieso keine Antwort geben. Als Lorna auf den grell beleuchteten Flur zustolperte, hatte sie Bettys Stimme im Kopf, heiser und lebendig. »Diese Risse in Ihrem Herzen, Lorna, die entstehen, wenn die Dinge nicht nach Ihren Vorstellungen laufen und Sie sich trotzdem zusammenreißen und weitermachen  – durch diese Risse dringt das Licht herein.« Sie drehte sich um. Ein einzelner Mondstrahl fiel durch die Vorhänge.
 
1
 
»Auf Mum und Dad«, sagte Jessica und hielt ihre Teetasse hoch, um einen Toast ins ferne Hügelland zu schicken. »Wo auch immer sie sein mögen.« »Auf Mum und Dad.« Lorna hob ihre Tasse, trank einen Schluck und prustete. Im Tee waren mindestens zwei Stück Würfelzucker, dabei nahm sie schon seit Jahren keinen Zucker mehr. Als sie sich bei ihrer älteren Schwester erkundigen wollte, ob das ein dezenter Hinweis darauf sein solle, dass sie nicht süß genug sei, sah sie, dass Jessica nachdenklich in die Ferne schaute, und verkniff sich den Kommentar. Es war Januar und bitterkalt, und nach dem anstrengenden Fußmarsch vom Parkplatz war der Zucker vielleicht gar keine schlechte Idee. Sie hatten noch eine halbe Bakewell Tart – Dads traditionellen Geburtstagskuchen, den sie ihm zu Ehren mitgebracht hatten –, während sie den Tee zum Gedenken an ihre Mutter tranken. Die Porzellantassen mit den winzigen  Vergissmeinnicht-Blüten gehörten zu den letzten Überbleibseln des gewaltigen Teeservices, das der Großmutter ihrer Mutter gehört hatte. Mum hatte immer zwei Würfel Zucker genommen. Vielleicht hat Jessica daran gedacht, als sie den Tee eingeschenkt hat. Diese kleinen Traditionen waren ein bisschen wie die Tassen, dachte Lorna: Fragmente eines größeren Ganzen. Wie Jess und sie selbst auch, wenn man es recht bedachte. Sie waren die letzten Relikte einer Familie, die durch Brüche und Unachtsamkeit auf sie beide zusammengeschrumpft war. Der Wind, der aus den Hügeln herabfegte, war eiskalt. Sie wickelte sich enger in ihren Parka und schaute auf das gewellte Land, wo sich Schafe und Wanderer in orangefarbenen Regenjacken bewegten. Die Wanderer schritten zielstrebig aus und hielten sich streng an die gewundenen Pfade, aber die Schafe schienen sich wohl in ihrer Haut zu fühlen. Mum würde jedes winzige Detail dieser Szene in sich aufnehmen, dachte Lorna und hatte prompt vor Augen, wie sich der Anblick in eine von Cathy Larkhams typischen Federzeichnungen verwandeln würde: die kahlen Bäume, die von gezackten Pfaden durchzogenen Hügel mit den vereinzelten Schneezungen, ähnlich der Glasur eines Napfkuchens, die Kinder, die in leuchtenden Gummistiefeln durch die Gegend stapften, die Vögel, die Hunde, die erwartungsvoll hochsprangen und Tennisbällen nachjagten. Und die beiden Frauen, die mit ihrer Thermoskanne und der Kuchenschachtel auf einer Bank saßen und alles in sich aufnahmen, eine groß, eine klein, aber beide mit der gleichen Pudelmütze auf dem Kopf.
 
Die Pudelmützen waren ebenfalls Erinnerungsstücke: Vor ewigen Zeiten von der Mutter ihres Vaters als Weihnachtsgeschenk gestrickt, tauchten sie wieder auf, als Jess nach dem Tod ihres Vaters das Haus ausgeräumt hatte. Blau für Jess, rot für Lorna. Mit gewaltigen Bommeln oben drauf, die bei jeder Bewegung wackelten. Die Schwestern Larkham saßen auf ihrer üblichen Bank, von der man einen guten Blick auf die eisenzeitliche Wallburg in den Malvern Hills hatte. Seit ein paar Jahren kamen sie jeden zwölften Januar hierher, zum ersten Mal an jenem Wintertag, an dem sie die Asche von Cathy und Peter Larkham verstreut hatten – händeweise Asche, die sich in der schweren Urne vermischt hatte, so wie sich auch das Leben ihrer Eltern vermischt hatte, bis man nicht mehr erkennen konnte, wo der eine endete und der andere begann. Im Tod wie im Leben. Oder vielleicht andersherum. Lorna gab sich alle Mühe, sich ihre Eltern vorzustellen. Mit jedem Jahr wurde es schwerer, und es beunruhigte sie, dass sie mittlerweile immer zuerst ihre Kleidung vor Augen hatte: Mums graue Leinenhemden mit den hochgekrempelten Ärmeln, aus denen die blassen, mit Sommersprossen übersäten Arme herausschauten; Dads grünen »Wochenendpullover«, den Jess gekauft hatte, einer der zahllosen Versuche, ihren Vater ins 21. Jahrhundert zu locken. Er selbst hatte sich immer wie ein Geschichtslehrer angezogen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er stets dieselbe blaue Cordhose und eines seiner beiden karierten Hemden getragen, seine private Schuluniform. Den Wochenendpullover hatte er pflichtschuldig angezogen, wenn Jess oder Lorna zu Besuch gekommen waren, aber er hatte immer ein Hemd darunter getragen, dessen Kragen aus dem runden Halsausschnitt herausgeschaut hatte, als würde er gegen die erzwungene Lässigkeit rebellieren. Nicht einmal Cathy hatte ihm die Liebe zu seiner Uniform austreiben können, dabei hatte Peter seine Frau so sehr geliebt, dass er buchstäblich nicht ohne sie hatte leben können. Plötzlich schoss Lorna eine Frage durch den Kopf. »Jess?« Sie wandte sich zu ihrer großen Schwester zu. »Hat Dad eigentlich gesagt, warum er genau hier mit Mum verstreut werden wollte? Ich weiß, dass die beiden die Gegend mochten, aber …« Jess schaute gerade auf ihr Handy. Es war auf stumm geschaltet, damit sie sich auf die Erinnerungen an ihre Eltern konzentrieren konnten, aber Jess hatte drei Kinder mit einem regen Sozialleben und einen Ehemann, der ihr jede häusliche Entscheidung überließ, daher wurde sie immer nervös, wenn ihr Handy mal länger als fünf Minuten nicht piepte. »Ich glaube, es hat etwas mit der Aussicht zu tun.« »Mit der Aussicht? Was soll denn daran so toll sein?« Lorna ließ den Blick über den Horizont schweifen und suchte nach Besonderheiten, irgendeiner Spur vom Paradies, aber sie sah einfach nur … eine hübsche Aussicht. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern, je mit der ganzen Familie hier gewesen zu sein. Jess und sie hatten die Schule gewechselt, wann immer ihr Vater es getan hatte – Brecon, Newcastle, Carlisle –, aber an einen bedeutsamen Moment  sieht aus, als wäre sie neun und würde abheben, wenn der Wind in ihre Schlaghose fährt.« Sie verdrehte die Augen. »Und Dad hat natürlich seine Cordhose an. Das Original.« »Das Foto habe ich noch nie gesehen.« Jess ließ seufzend das Handy sinken.
 
In ihrem Seufzer lag eine ganze Welt. »Ich habe es auch nur einmal gesehen, als ich Dad nach Mums Tod mit dem Papierkram geholfen habe. Damals hat er ihre Fotoalben durchgeschaut, die ich alle noch nie gesehen hatte. An die Hälfte der Leute konnte er sich nicht erinnern – es waren größtenteils Mums Fotos, und sie hatte die Rückseiten nicht beschriftet.« »Oh«, sagte Lorna. Nach dem überraschenden Herzinfarkt ihrer Mutter hatte ihr Dad die meiste Zeit des Tages damit zugebracht, alte Fotos anzuschauen, die Bilder ihrer Mutter zu betrachten und alles so zu belassen, wie es vor ihrem Tod gewesen war – für den Fall, dass alles nur ein schlimmer Traum war und sie mit seinem Guardian unter dem Arm zur Tür hereinspaziert kam. Jess war häufiger bei ihm gewesen als Lorna, weil sie selbst sich kurz nach der Beerdigung für einen Malkurs in Italien angemeldet hatte, fest davon überzeugt, dass man keinen Tag des Lebens vergeuden dürfe. Sie hatte immer Kunst studieren wollen und die heimliche Hoffnung gehegt, im richtigen Kurs verborgene Talente zu entdecken. Die Illusion hatte nicht lange angehalten. Der Kurs war anspruchsvoll gewesen, und sie hatte sich mit jedem neuen Semester zwingen müssen, überhaupt zurückzukehren – meist indem sie sich in Erinnerung gerufen hatte, was sie sich die Erkenntnis kosten ließ, dass sie das Talent ihrer Mutter für Aktmalerei nicht geerbt hatte. »Aber hat er denn etwas dazu gesagt, warum diese Stelle eine solche Bedeutung für sie hatte?« Sie zog die Nase kraus.  »Er sagte so etwas wie, dass es die Bank gewesen sei, auf der Mum beschlossen habe, nicht mehr zu unterrichten, sondern sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Vielleicht hat er ihr hier auch einen Heiratsantrag gemacht, aber da bin ich mir nicht sicher.« Das Leben ihrer Eltern vor Jess’ Geburt lag für die Schwestern im Dunkeln. Die Ehe war sehr innig gewesen und hatte fast telepathische Züge besessen: ein Netz von lächelnden Blicken und Anspielungen, das andere Menschen ausschloss. »Die Frage hat ihn sehr bewegt. Er hat einfach die Lippen zusammengepresst.« »O Gott. Hat er geweint?« Lorna hatte ihren Vater nie weinen sehen, aber nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihn die kleinste Kleinigkeit zu Tränen gerührt: ein zerfleddertes Taschenbuch, ein alter Teller und einmal, in einer besonders traurigen Situation, ein Paar Schuhe. Lorna hatte sich zunehmend nutzlos gefühlt, weil sie nicht einmal gespürt hatte, wann sie ihn trösten sollte, geschweige denn, wie.
 
Jess nickte und hielt inne, die Tasse an den Lippen. »Komisch, ich hätte gedacht, dass er nach Mums Tod mehr über sie reden würde. Wir waren schließlich die Einzigen, die sie genauso gut kannten wie er. Aber er hat kein Wort gesagt. Immer wieder habe ich ihm die Gelegenheit dazu gegeben, aber er hat einfach nicht angebissen. Es war, als hätte er sich in sich selbst zurückgezogen. Offenbar ist es ihm auch nicht in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht über sie reden wollte. Sie war schließlich meine Mutter. Hätte ich mir mehr Mühe geben müssen? Wenn ich ihn vielleicht …« Ihre Stimme brach. »Hör auf.« Lorna lehnte sich an die Schulter ihrer Schwester. Nacheinander Mum und Dad zu verlieren, innerhalb von nur einem Jahr, hatte sie überfordert. Sie waren unterschiedlich damit umgegangen, aber für sie beide war es das Schlimmste gewesen, Dad unter ihren verzweifelten Augen verkümmern zu sehen. Er hatte die Hälfte seiner selbst verloren, und es war nur der Liebende mit dem gebrochenen Herzen zurückgeblieben. Der freundliche, tollpatschige Vater war wie ausgelöscht gewesen. Er war irgendein Mann gewesen, dem sie nicht helfen konnten, ein Fremder, den Jess und sie nicht mit ihrer eigenen Trauer behelligen mochten. »Ihr hättet über zwei verschiedene Menschen geredet: über seine Frau und über unsere Mutter.« »Wenn man das bedenkt, mit Mum und Dad … Wir wissen, dass sie sich an der Uni kennengelernt haben, und auf dem Kaminsims stand immer das Hochzeitsfoto. Aber was wissen wir sonst über sie? Wir wissen nicht einmal genau, warum wir jetzt hier an dieser Stelle sitzen. Es gibt so viele Fragen, von denen ich wünschte, ich hätte sie ihnen gestellt. Und von Jahr zu Jahr werden es mehr …« Jess biss sich auf die Lippe. »Hattie, Milo und Tyra erzähle ich ständig, wie ihr Vater und ich uns kennengelernt haben und wie sie dann gekommen sind. Sie hören das furchtbar gerne. Wir sind Teil einer Geschichte. Unserer Geschichte.« Lorna warf ihr einen Seitenblick zu. »Ach ja? Und wie genau bringst du ihnen bei, wie Hattie entstanden ist? Als moralisches Lehrstück darüber, wie junge Liebe jede Vorsicht in den Wind schlägt? Oder als Warnung, sich beim Thema Verhütung nicht auf den Rat einer älteren Schulkameradin zu verlassen?« Jess verlor ihren gequälten Blick und runzelte die Stirn. »Ich erzähle eine Geschichte darüber, wie man etwas schaffen kann, wenn man es wirklich will. Natürlich erwähne ich auch, dass keine Verhütungsmethode zu einhundert Prozent sicher ist«, gab sie zu. »Aber Hattie ist sowieso anders als ich mit sechzehn. Sie erzählt viel offener von ihrem Leben, weil ich ihr zuhöre, was man von unseren …«
 
Die Worte blieben ihr im Halse stecken, ihre blauen Augen verdunkelten sich. Lorna wusste, wie sie sich fühlte. Selbst jetzt noch, viele Jahre später, konnte einen der Kummer aus dem Nichts überwältigen. Jedes verstreichende Jahr verlieh dem Leid neue Facetten, weil das Leben weiterging und man sein altes Selbst mit anderen Augen sah. Die Trauer wurde schärfer, weil man zuvor gar nicht gemerkt hatte, dass es etwas gab, dem man nachtrauern würde. Lorna lehnte sich an ihre Schwester und spürte ihren weichen Körper unter dem Parka, die Wärme, die von ihrem großen, tapferen Herzen ausstrahlte. »Hattie und du, ihr seid ganz anders als Mum und wir beide«, sagte Lorna. »Ihr habt keine Geheimnisse, weil du Teil ihres Lebens bist. Es ist wunderbar zu sehen, wie gerne ihr zusammen seid – auch wenn du hauptsächlich als Chauffeurin gefragt bist, aber dennoch. Ryan und du seid euch genauso nah wie Mum und Dad, aber ihr habt immer Hattie in den Mittelpunkt gestellt. Und jetzt Milo und Tyra.« »Ich will gar nicht sagen, dass Mum und Dad uns falsch erzogen haben, aber wenn ich morgen von einem Bus überfahren würde, müsste Hattie nicht dasitzen und sich irgendwelche Fragen stellen. Es gäbe keine Geheimnisse, keine Selbstvorwürfe, keine unterlassenen Liebeserklärungen.« Jess drehte ihr Handy um. Die Hülle zierte ein SchwarzWeiß-Foto von Ryan, Hattie, Tyra, Milo und ihr selbst, ein einziges Gewirr von Füßen, weißen T-Shirts und Mündern,  auf denen das Ryan’sche Grinsen zu sehen war. »Genau darum geht es im Leben, Lorna: um Liebe und Ehrlichkeit. Und um die Familie.« »Lass dich lieber nicht von einem Bus überfahren.« Lorna schlug einen scherzhaften Ton an, weil sich Jess gefährlich nah an eines ihrer Lieblingsthemen herangepirscht hatte: dass Lorna endlich daran denken solle, eine eigene Familie zu gründen. Für Lorna kam das aus verschiedenen Gründen nicht infrage, aber ihre Schwester ließ keine Gelegenheit aus, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Wie ihr Vater war Jess Lehrerin und sah es als ihre Aufgabe an, aus allem, was ihr in die Finger kam, das Beste herauszuholen. Das Potenzial auszuschöpfen. »Als hätte ich Zeit, mir einen Bus zu suchen, der mich überfahren könnte.
 
Aber mal ernsthaft, Lorna …« Ihre Miene veränderte sich. »Du gehörst auch zu unserer Familie, das weißt du doch. Weihnachten haben wir dich vermisst. Ryans Familie ist nicht immer leicht zu ertragen, aber du musst dich trotzdem nicht mit streunenden Hunden abgeben.« »Ich wollte es aber. Es hat Spaß gemacht. Die Hunde hatten Lametta am Halsband, und niemand kam auf die Idee, Cranium zu spielen.« Sie wechselte schnell das Thema. »Und was machst du nachher? Geht Ryan nicht heute Abend zum Fußballtraining?« »Klar. Heute ist das erste Spiel nach den Weihnachtsferien, das ist immer hart.« Jess schüttete ihren restlichen Tee aus und wischte sich die Kuchenkrümel vom Jeansrock. »Soll ich dich zum Bahnhof mitnehmen? Tyra muss um vier zum Kindergeburtstag, danach muss ich Hattie bei Wagamama absetzen, weil sie Spätschicht hat. Du kannst auf  dem Weg nach London wenigstens lesen.« Sie klang fast neidisch. »Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einfach so zum Spaß ein Buch in die Hand genommen habe.« »Ich fahre heute nicht mehr nach London zurück«, sagte Lorna, nahm ihre Handtasche und ihren Schal und folgte ihrer Schwester den Kiesweg zum Parkplatz hinab. »Ich habe heute Nachmittag einen Termin in Longhampton.« »In Longhampton?« Jess drehte sich überrascht um. Dabei hatte sie als Lehrerin gelernt, niemals überrascht zu wirken, wenn es sich vermeiden ließ. »Ja. Ich habe einen Termin in einer Galerie.« »Ach ja? Beruflich?« Lorna verwaltete die Kunstsammlung einer Wohltätigkeitsorganisation. Der Verein verlieh Bilder an Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen, die zu viele weiße Wände und zu wenig Grund zur Freude hatten. Lornas Aufgabe war es, die richtigen Werke für einen Ort auszusuchen – Gemälde, Skulpturen, Collagen und andere Kunstwerke, die positive Energie ausstrahlten. Außerdem überwachte sie An- und Abtransport. Kürzlich hatte ihr der Chef endlich auch die Aufgabe übertragen, neue Kunstwerke anzuschaffen. Das Budget, über das sie verfügte, nötigte Jess Bewunderung ab, die erworbenen Kunstwerke eher nicht. Jess bevorzugte Kunst, die den detailgetreuen Illustrationen ihrer Mutter ähnelte: penibel wiedergegebene Wirklichkeitsausschnitte. »Nein, nicht beruflich, sondern aus einem persönlichen Grund. Ich denke darüber nach, sie zu kaufen.« Jess’ Miene sprach Bände. »Was für eine Galerie soll das denn sein? Ich kann mich an keine erinnern.«  »Die kleine auf der High Street, neben dem KrimskramsLaden, wo wir immer Geburtstagsgeschenke gekauft haben. Sie hat blaue Wände mit goldenen Sternen.« Als Teenager war Lorna bei jedem Einkaufsbummel durch die Milchglastür getreten und hatte ihr Taschengeld dort gelassen, während Jess ihres für Clinique-Grundierung und ihren Führerschein ausgegeben hatte. »Dort habe ich zum Beispiel die Collage gekauft, die früher in meinem Zimmer hing, die mit der Meerjungfrau. Die Bäckerei, wo man die Zitronentarte bekam, war auf der anderen Seite.« »Ach ja.« Jess wirkte für einen Moment wehmütig; sie liebte Zitronentarte. »Ich erinnere mich. Haben die auch Mums Bilder verkauft?« »Ein oder zwei hat sie ihnen überlassen, glaube ich.« Cathy Larkham hatte keine Galerie gebraucht. Seit sie für einen ehemaligen Kommilitonen moderne Märchen illustriert und damit einen internationalen Bestseller gelandet hatte, waren ihre Bilder schon verkauft, bevor sie überhaupt zu malen begonnen hatte. Ironischerweise hatte sie, wie Rapunzel, kaum ihren Gartenschuppen verlassen und trotzdem mit Stift und Pinsel Welten erschaffen, die größer waren als ihre eigene. »Ist das schon spruchreif?«, fragte Jessica. »Hast du schon unterschrieben?« »Noch nicht, aber ich bin wild entschlossen. Mein Leben muss weitergehen, Jess, und das ist der erste Schritt dazu.« Sie erreichten Jess’ Wagen, einen SUV, der mit Kindersitzen, Plastiktassen, Chipstüten und sonstigem Krempel vollgestopft war. Der Kontrast zwischen dem Chaos und den kokonartigen Kindersitzen flößte Lorna Unbehagen ein – einerseits die unerbittliche Strenge, mit der man die verletlichen Wesen schützte, andererseits diese Unordnung. Ryans Firmenwagen war ganz anders, ein makellos sauberer silberner Lexus, den Ryan jeden Sonntagmorgen, egal, ob bei Sonnenschein oder Regenwetter, mit einem speziellen, ziemlich professionellen Reinigungsset putzte. Das tat er, seit Jess und er sich im Alter von zweiundzwanzig Jahren ihr erstes Haus gekauft hatten. Das flößte Lorna ebenfalls Unbehagen ein, wenngleich aus anderen Gründen. Jess stellte ihre Handtasche auf die Kühlerhaube und kramte in den mit Taschentüchern gefüllten Tiefen nach dem Autoschlüssel. Dann hielt sie inne und seufzte. »Ich möchte dir den Spaß ja nicht verderben, zumal es mich wirklich freut, dass sich deine Lebenseinstellung ändert, aber eine Galerie … Hältst du das wirklich für eine gute Idee?« »Warum? Du weißt doch, dass ich immer eine eigene Galerie eröffnen wollte. Ich habe auf das richtige Angebot gewartet, ohne etwas zu überstürzen. Es handelt sich um ein solides kleines Unternehmen, das noch ausbaufähig ist, und im Obergeschoss gibt es sogar eine Wohnung. Das Ganze kostet mich nur die Hälfte von dem, was ich im Moment an Miete zahle.« Lorna hob die Hände. »Ich könnte oben wohnen und unten schlafen und mein ungemachtes Bett als Performancekunst deklarieren, und bei alledem würde ich sogar noch Geld sparen! In Zone drei in London hingegen könnte ich buchstäblich keine kleinere Bleibe finden. Meine Wäsche lagert im Badezimmer!« »Und was ist mit deiner Arbeit. War nicht von Beförderung die Rede?« »Nein, es war von Restrukturierung die Rede. Unser Budget wurde Ende des Jahres zusammengekürzt, sodass  wir alle nur noch auf Vertragsbasis beschäftigt sind.« Lorna hatte das Thema gar nicht ansprechen wollen, nicht heute, aber Jess hatte unbewusst schon wieder ihre Lehrerinnenmiene aufgesetzt. »Na ja«, fügte sie zögernd hinzu, »den Job habe ich noch, aber mit weniger Wochenstunden und einem geringeren Lohn.
 
Da dachte ich, dass ich meine Ersparnisse lieber nutze, um etwas Eigenes zu gründen, als meinen Job zu subventionieren. Anthony wird mir schon Arbeit geben, wenn ich welche brauche.« »O Lorna.« Jess musste sich sichtlich Mühe geben, um nicht sofort herunterzurattern, warum sie das für keine gute Idee hielt. »Ich meine nur … Longhampton? Mir ist schon klar, dass du gut darin bist, Kunst in die elendsten Winkel zu bringen, aber … jetzt mal ernsthaft?« Lorna schaute ihre Schwester an. Deren Blick war besorgt, aber auch entsetzt. Jess wirkte selten entsetzt. Bei ihrem Anblick musste Lorna immer an eine Figur der Präraffaeliten denken, unbekümmert und ruhig, die Augen weit auseinanderstehend, die Miene heiter. Wenn es hart auf hart kam, schmiedete sie Pläne und zog sie durch. »Warum nicht?« »Möchtest du wirklich dorthin zurückkehren, nach allem, was passiert ist?« Plötzlich hingen sie zwischen ihnen in der Luft: die Erinnerungen, die Gefühle, die jüngeren Versionen ihrer selbst, die ganz andere Menschen gewesen zu sein schienen und Dinge getan hatten, die nie zur Sprache gekommen waren. »Ich bin dreißig«, sagte Lorna leise. »Als Mum in meinem Alter war, kannte sie Dad bereits. Sie hatte dich und mich, und die Leute rissen sich um ihre Bilder. Sie stand in der Blüte ihres Lebens, während ich … Ich trete einfach auf  der Stelle. Okay, ich bin auch keine Künstlerin, aber ich habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass ich nie wie Mum sein werde.« Sie schaute über den Parkplatz, wo ein Paar versuchte, einen arthritischen Labrador in den Kofferraum eines Fiesta zu verfrachten. Jess war einer der wenigen Menschen, zu denen sie ehrlich sein konnte, einer der wenigen Menschen, die wussten, wie krampfhaft sie sich bemüht hatte, ein verborgenes Talent in sich zu finden, nur um am Ende mit leeren Händen dazustehen. »Das Nächstbeste scheint mir zu sein, eine Galerie zu eröffnen und Leute zu suchen, die tatsächlich Talent haben. Ich könnte sie ermutigen und mich dafür einsetzen, Schönheit ins Leben anderer Menschen zu bringen.« »Aber nach alledem, was du mit diesem Laden durchgemacht hast, damals in …« »Ich bin ja lernfähig«, unterbrach sie Jess stur. »Ich werde nicht noch einmal dieselben Fehler machen, das kann ich mir gar nicht leisten.« Das konnte sie tatsächlich nicht. Jess hatte ihr Erbe in ein größeres Haus und einen Fonds für ihre Kinder gesteckt und so eine Existenzgrundlage für ihre Familie geschaffen. Lorna hatte in einen Traum investiert, der geplatzt war. Erst der Kunstabschluss, dann die Pop-up-Galerie. Aber ein bisschen Geld hatte sie noch, gerade genug für dieses letzte Abenteuer. »Ich brauche eine Herausforderung.
 
Die Galerie ist wie ein Wink des Schicksals.« Das klang so glatt und ließ die Tatsache, dass sie nächtelang im Internet gesurft, Ideen gesammelt und ein Budget aufgestellt hatte, auf einen einzigen Satz zusammenschnurren. »Der Preis, die Räumlichkeiten, die Verbindung zu Mum … Ich gebe mir ein Jahr, und dieses  Mal schlittere ich nicht blind in die Sache hinein. Ein Jahr. Du musst also mindestens fünfzehn Geburtstags- und sonstige Geschenke bei mir kaufen, kapiert?« Jess seufzte und nahm die Hände ihrer Schwester. Abenteuer waren nichts für sie. In ihrem Leben hatte sie genau ein Abenteuer erlebt, und das war gerade noch einmal gut gegangen. Seither blieb sie lieber auf der sicheren Seite. »Ich wünsche dir, dass es klappt, Lorna, wirklich.« Sie hielt inne. »Aber ich erwarte einen Familienrabatt auf Geburtstagskarten.« Zwei Stunden später saß Lorna in einem Café, das bei ihrem letzten Aufenthalt in Longhampton noch eine Schneiderwerkstatt gewesen war. Sie schaute über die High Street zu der Galerie hinüber, die sie einst dazu inspiriert hatte, ihr gemeinsames Kinderzimmer blau anzumalen und mit goldenen Sternen zu übersäen. Wie fast alles, an das Lorna schöne Kindheitserinnerungen hatte, war die Galerie kaum wiederzuerkennen. Es war immer noch eine Kunstgalerie, und die Milchglastür war auch noch da, aber das Düster-Geheimnisvolle war nüchternem Weiß gewichen. Weiße Wände, weißes Holz, weiße Regale, viel weißes Licht. Aber im Innern sah man auch leuchtende Farben, lebendig und verlockend. Lorna legte die Hände um das Glas, in dem der Kaffee, wie heutzutage üblich, serviert worden war – mit kunstvoll verziertem Milchschaum, der nun auch Longhampton erreicht hatte. Sie dachte daran, wie es früher in der Galerie gerochen hatte: nach Farbe und einer Feigenduftkerze von Diptyque. Wie silberne Fischchen schossen ihr Bilder aus ihrer Jugend durch den Kopf: das vertraute Schild mit dem  rot-weiß gestreiften Pfahl, das auf den Friseur an der Ecke hinwies, der samstägliche Rundgang von der Dorothy-Perkins-Boutique zum Papierwarenladen der Kette WHSmith, dann zu Topshop, dann zum Café, wo Jess mit Ryan verabredet war und Lorna eine heiße Schokolade mit Marshmallows bekam, wenn sie so tat, als habe sie den ganzen Tag mit ihrer Schwester verbracht, obwohl die sich ein, zwei Stunden davongeschlichen hatte. Zwischen den Schwestern lagen vier Jahre. Als Jess fünfzehn war und mit Ryan zusammenkam, war das ein gewaltiger Altersunterschied. Jess hätte sich einen Mordsärger dafür eingehandelt, dass sie die elfjährige Lorna mit einer heißen Schokolade und einer zerfledderten Cosmopolitan sich selbst überlassen hatte – mal ganz zu schweigen von dem Ärger, den sie sich für das eingehandelt hätte, was sie hinter dem Kricketpavillon mit Ryan getrieben hatte. Im Fenster über dem zentralen Schaufenster der Galerie hing ein rotes »zu verkaufen«-Schild. Lorna war nie aufgefallen, dass über der Galerie noch mindestens zwei Etagen lagen, wie bei allen anderen Läden in der High Street auch. Aus den Unterlagen des Immobilienmaklers, die vor ihr auf dem Tisch lagen, wusste sie, dass die zur Galerie gehörige Wohnung eine große Wohnküche, einen geräumigen Salon mit Kamin und nicht weniger als vier Schlafzimmer und zwei Bäder besaß. Außerdem ein Dachgeschoss.
 
Ein Ladenlokal und ein Ort zum Leben. Nicht nur zum Leben, sondern sogar zum Ausbreiten. Ein Ort, wo sie sich mit ihren Dingen umgeben konnte, statt sie irgendwo einlagern zu müssen. Lorna holte tief Luft, um die Nervosität zu bekämpfen, die sich ihrer bemächtigte. Ihr war klar, dass sie vorab überprüfen sollte, wie viele Kunden die Galerie hatte und welche Kundenfrequenz. Aber statt sich für die harten Fakten zu interessieren, konnte sie den Blick nicht von den im Original erhaltenen Glaselementen der Tür losreißen – verschlungener Efeu und Mistelzweige – und wurde das Gefühl nicht los, dass die Galerie aus irgendeinem Grund auf sie wartete. Sie erblickte ihr Spiegelbild im Fenster des Cafés und dachte: Ich schaffe das. Betty war der festen Überzeugung gewesen, dass auf tapfere Frauen das Glück wartete. Also zog Lorna mit knallrotem Lippenstift ihre Lippen nach, um sich von Bettys Elan mitreißen zu lassen, setzte sich die graue Mütze schräg auf den Kopf, wie ihre Mutter es getan hätte, und ließ sich das glatte blonde Haar wie Faye Dunaway ins Gesicht fallen. Die Verabredung mit der gegenwärtigen Besitzerin der Galerie hatte sie um Punkt fünf Uhr. Sie trank ihren Kaffee aus, tupfte sich die Lippen an der weißen Serviette ab, was einen herzförmigen Kussmund hinterließ, und schritt dann, die Klänge einer Big Band im Kopf, ihrem Schicksal entgegen.
 

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