Meine Geliebte Schwester

 

Schon seit Ewigkeiten hat Beth ihre Geschwister Portia und Eddie nicht mehr gesehen. Auch weil die drei alles andere als eine idyllische Kindheit hatten. Als das Testament ihres Großvaters sie jetzt zu einer gemeinsamen Reise quer durch Amerika nötigt, fügen sie sich daher nur widerwillig. Denn auch die Route weckt böse Erinnerungen: Zwanzig Jahre zuvor verschwand hier unter mysteriösen Umständen Beths geliebte Schwester Nikki. Was damals wirklich geschah, droht nun ans Licht zu kommen – und macht aus dem Familienausflug einen Trip in die Hölle …

 

Das Buch ist in der Ich Version geschrieben und zwar aus der Sicht von Beth. Es wird aus der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt, zwischendurch kommen Berichte aus einem Journal was aber Kursiv dargestellt wird.

In dem Buch geht es um 5 Haupt Personen. Beth mit ihrem Mann Felix, Eddie mit seiner Partnerin Krista und die jüngere Schwester Portia.

Alle Personen sind ganz toll beschrieben und haben alle verschiedenen Charaktere was sie aber nicht unbedingt Sympathisch macht. Ich muss sagen einige Denkweisen und Handlungen fand ich erschreckend.

Während der Reise werden einige Geheimnisse gelüftet und einige tauchen auf, einige haben mich überrascht andere waren irgendwie vorhersehbar.

Kommen sie am Ende dem Verschwinden von Nikki auf die Spur und was hat sich der Opa dabei Gedacht das sie alle diese Reise antreten sollten.

 

NOCH 14 TAGE

Sie wollen eine Heldin. Eine, mit der Sie mit fiebern, mit der Sie sich identifizieren können. Allerdings darf sie nicht vollkommen sein, denn dann wären Sie unzufrieden mit sich selbst. Eine Heldin mit Mängeln also. Eine, die vielleicht gegen die Regeln verstoßen würde, um ihre Familie zu retten, die aber niemanden umbringt, außer in Notwehr. Die keinen Mord begehen würde, jedenfalls nicht kaltblütig. Das wäre das erste K.-o.-Kriterium. Das zweite wäre Betrügen. Männer kommen damit durch und sind trotzdem Helden, aber wenn eine Frau betrügt, ist das unverzeihlich. Was bedeutet, dass ich nicht Ihre Heldin sein kann. Trotzdem habe ich eine Geschichte zu erzählen. In einem Auto fängt sie an. Genauer gesagt, in einem SUV. Wir sitzen in der Reihenfolge unseres Rangs, der Älteste auf dem Fahrersitz. Das ist Eddie. Seine Frau sitzt neben ihm, aber zu ihr komme ich noch. Die mittlere Reihe ist für das mittlere Kind, und das bin ich. Beth. Nicht Elizabeth, sondern einfach Beth. Ich bin zwei Jahre jünger als Eddie, und das lässt er mich nie vergessen. Ich sehe okay aus, aber nicht so jung oder so schlank wie früher. Mein Mann sitzt neben mir.

Auch zu ihm komme ich später, denn unsere Ehepartner sollten nicht da sein. Eine Reihe ist noch übrig, die hintere, und da sitzt Portia. Das Überraschungsbaby. Sie ist sechs Jahre jünger als ich, und manchmal kommt es mir vor, als wären es hundert. Ohne Ehemann oder Freund hat sie die ganze Bank für sich. Ganz hinten sind unsere Koffer, ordentlich nebeneinander in einer Reihe, weil sie nur so hineinpassen. Das habe ich Eddie gleich beim ersten Mal gesagt. Reise- und Computertaschen kommen oben auf die Rollkoffer. Man muss keine Flugbegleiterin sein, um das zu sehen. Unter dem Gepäck ist noch ein Abteil. Auf der einen Seite liegt das Reserverad, auf der anderen steht ein verschlossener Holzkasten mit Messingbeschlägen. Diese spezielle kleine Kiste an ihrem speziellen Platz ganz für sich und ohne irgendetwas anderes ist für unseren Großvater. Er ist eingeäschert worden. Wir sprechen nicht über ihn. Eigentlich sprechen wir überhaupt nicht. Die Sonne scheint durch die Fenster auf mein Bein und brennt dort. Die Klimaanlage trocknet meine Augen aus. Die Musik, die Eddie spielt, ist jazzig und ohne Worte. Ich werfe einen Blick nach hinten zu Portia. Sie hat die Augen geschlossen und ihre Kopfhörer aufgesetzt. Wahrscheinlich hört sie Musik, die weder jazzig noch ohne Worte ist. Ihr langes schwarzes Haar fällt ihr schräg ins Gesicht und bedeckt ihr eines Auge.

Es ist gefärbt, ihr Haar. Wir haben alle helle Haut, und wir sind alle mit blonden Haaren und entweder blauen oder grünen Augen geboren. Mein Haar ist jetzt noch heller, weil ich mir Highlights machen lasse. Eddies ist dunkler, weil er es nicht tut. Portias Haar ist jetzt seit einiger Zeit schwarz. Es passt zu ihren Nägeln. Aber sie ist kein Goth. Inzwischen nicht mehr. Die Musik wechselt unvermittelt. Ich habe nicht mal gesehen, dass Krista sich bewegt hat. Das ist Eddies Frau. Krista mit olivfarbener Haut, dunklem Haar und braunen, goldgefleckten Augen. Krista, die er vier Monate nach ihrem ersten Treffen gleich geheiratet hat. Sie war Empfangsdame in seinem Büro. Popmusik plärrt aus den Lautsprechern, ein fünf Jahre alter Dance Song. Der damals schon schlecht war. »Dieser Jazz schläfert mich ein«, sagt Krista. Mein Mann blickt von seinem Laptop auf. Er hat wahrscheinlich gar nicht gemerkt, dass die Musik sich geändert hat, aber Kristas Stimme hat er gehört. Vielleicht ist sie die Heldin. »Schon gut«, sagt Eddie, und ich höre das Lächeln auf seinem Gesicht. Ich starre weiter aus dem Fenster. Atlanta haben wir längst hinter uns. Wir sind nicht mal mehr in Georgia. Wir sind im Nordteil von Alabama, hinter Birmingham, wo die Bevölkerung spärlich und skeptisch ist. Wenn wir uns beeilen würden, wären wir inzwischen schon weiter.

Aber Beeilung ist nicht Teil der Gleichung. »Essen?« Portias Stimme klingt schlaftrunken nach ihrem Nickerchen. Sie richtet sich auf, zieht den Kopfhörer herunter und macht große Augen wie ein Kind. Das Baby der Familie – diese Masche setzt sie schon ewig ein. »Wollt ihr anhalten?« Eddie dreht die Musik leiser. »Lasst uns Halt machen«, sagt Krista. Mein Mann zuckt die Achseln. »Ja«, sagt Portia. Eddie sieht mich im Rückspiegel an, als hätte ich in dieser Angelegenheit etwas zu sagen. Ich bin bereits überstimmt. »Super«, sage ich. »Essen ist super.« Wir halten vor einem Lokal namens Roundabout, und es sieht genauso aus, wie Sie es sich vorstellen. Rustikal auf die unechte Art, mit Lasso und Ziege auf dem Schild, aber auf natürliche Weise gealtert. Authentisch, aber dann doch nicht, wie die meisten von uns. Wir steigen aus, und Portia ist die Erste an der Tür, dicht gefolgt von Krista. Eddie ist derjenige, der am längsten braucht. Er steht am Wagen und starrt das Heck an. Zögert. Es ist unser Großvater. Dies ist unser erster Halt auf dieser Reise, was bedeutet, dass wir ihn zum ersten Mal allein lassen müssen. »Alles okay?«, sage ich und berühre Eddies Arm.

Er sieht mich nicht an, wendet den Blick nicht vom Heck des Wagens, denn Grandpas Asche bedeutet uns alles. Nicht aus emotionalen Gründen. »Willst du draußen bleiben? Ich kann dir einen Doggybag bringen.« Meine Stimme trieft vor Sarkasmus. Eddie dreht sich um und sieht mich mit großen Augen an. Oh, dieser Schock. Als hätte ich ihm gerade gesagt, ich wollte meinen langjährigen Partner für jemanden verlassen, den ich erst vor zwei Monaten kennengelernt habe. Hey, Moment, das hat er ja getan! Eddie hat die Freundin, mit der er zusammengelebt hat, wegen der Rezeptionistin verlassen. »Alles bestens«, sagt er. »Du brauchst nicht so biestig zu sein.« Ja. Ich bin die Schurkin. Im Roundabout sitzen wir alle in einer halbrunden Nische. Sie ist doppelt so groß, wie sie sein müsste, und die Sitze sind mit weinrotem Kunstleder bezogen. Krista und Portia sind in die Mitte der Nische gerutscht und haben Felix auf der einen Seite sitzen lassen. Das ist mein Mann, Felix, der Blasse mit dem kräftigen Kinn, den weißblonden Haaren und den dazu passenden Augenbrauen und Wimpern. In einem bestimmten Licht verschwindet er. »Nein«, sagt Portia, »es gibt nichts Veganes.« Sie ist keine Veganerin, aber sie sieht trotzdem nach. Sie achtet auch immer darauf, dass ein Lokal rollstuhlrecht ist, und geht ansonsten nicht rein, denn Fairness ist ihr wichtig.

»Sollen wir gehen?«, frage ich. Niemand antwortet. Ich setze mich. Die Burger sind vom Holzkohlengrill, die Pommes frites sind knusprig, der Bacon fett. Ein ordentliches Angebot, wenn Sie mich fragen. Das Einzige, was mir fehlt, ist ein anständiger Kaffee, aber ich trinke die bittere Version, ohne mich zu beklagen. Ich will kein Spielverderber sein. »Wir sollten vielleicht etwas klären«, sagt Eddie, und er sieht dabei aus wie unser Vater. »Wir werden eine ganze Weile unterwegs sein. Eine Menge Benzin, Essen und Motelzimmer. Ich schlage vor, wir wechseln uns mit den Ausgaben ab. Vor allem lasst uns nicht darüber streiten. Das Letzte, was wir brauchen, ist irgendwelches Gezänk wegen einer Benzinrechnung.« Bevor ich etwas erwidern kann, tut es mein Mann. »Leuchtet ein«, sagt Felix. »Beth und ich werden unseren fairen Anteil übernehmen.« Nur ein Ehepartner kann einen so verraten. Oder ein Geschwister. Damit bleibt Portia. Angesichts dessen, dass sie eigentlich keinen Beruf hat, ist die Abmachung nicht fair. Oh, diese Ironie. Sie gähnt. Nickt. In der Portia-Sprache bedeutet das, sie ist vorläufig einverstanden, behält sich aber das Recht vor, später nicht mehr einverstanden zu sein.

»Super«, sagt Eddie. »Das hier übernehme ich.« Er geht mit der Rechnung zur Kasse, denn so ist das hier üblich. Felix verschwindet auf die Toilette, und Portia geht hinaus, um zu telefonieren. Krista und ich bleiben allein zurück und trinken den letzten Schluck von unserem lauwarmen Kaffee. »Ich weiß, das muss für euch alle schrecklich sein«, sagt sie und legt ihre Hand auf meine. »Aber ich hoffe, wir werden trotzdem unseren Spaß miteinander haben. Bestimmt hätte euer Großvater das gewollt.« Es ist wirklich nett, dass Krista das sagt, wenn auch ein bisschen allgemein. Angesichts der Umstände erwarte ich nicht weniger und nicht mehr. Trotzdem. Wenn alles auseinanderfällt und wir anfangen, uns gegenseitig umzubringen, geht sie als Erste. Sie glauben, das sage ich, um zu schockieren. Falsch. Nein, ich bin keine Psychopathin. Auch wenn das immer eine praktische Ausrede ist. Jemand zu sein, der keine Empathie besitzt und menschliche Gefühle spielen muss. Warum tut jemand Böses? Achselzucken. Wer weiß? Da haben Sie einen Psychopathen. Oder sagt man dazu Soziopath? Sie wissen, was ich meine. Dies ist keine solche Geschichte. Hier geht es um Familie. Ich liebe meine Geschwister, alle. Wirklich. Ich hasse sie auch. So geht das – lieben, hassen, lieben, hassen, hin und her, wie eine Kinderwippe. So ist das mit der Familie. Was immer sie sagen, sie ist keine geschlossene Einheit mit einem gemeinsamen Ziel. Was sie uns nie sagen, ist, dass in den meisten Fällen jedes Mitglied der Familie seine eigene Agenda verfolgt. Zumindest weiß ich, dass ich es tue.

 

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