Neuschnee                                                                                                                  ***WERBUNG***

 

War es ein Unfall? Oder doch nur ein Mord unter Freunden?

Winter in den schottischen Highlands: Neun Freunde verbringen den Jahreswechsel in einer abgelegenen Berghütte. Sie feiern ausgelassen, erkunden die eindrucksvolle Landschaft und gehen auf die Jagd – doch was als ein unbeschwerter Ausflug beginnt, wird bitterer Ernst, als heftiger Schneefall das Anwesen von der Außenwelt abschneidet. Nicht nur das Gerücht von einem umherstreifenden Serienmörder lässt die Stimmung immer beklemmender werden, auch innerhalb der Gruppe suchen sich lang begrabene Geheimnisse ihren gefährlichen Weg ans Licht. Dann wird einer der Freunde tot draußen im Schnee gefunden. Und die Situation in der Hütte eskaliert …

 

Autorin

Lucy Foley hat in der Verlagsbranche gearbeitet, bevor sie ihren großen Traum wahr machte und sich ganz dem Schreiben widmete. Wenn sie nicht gerade mörderisch spannende Thriller entwickelt, malt und reist sie leidenschaftlich gern. Die Idee für »Neuschnee« entstand, nachdem sie einen wildromantischen und besonders abgelegenen Ort in den schottischen Highlands besucht hatte, der sie einfach nicht mehr losließ. Lucy Foley lebt in London.

 

Vom Schreibstil ist das Buch sehr flüssig geschrieben und man kommt gut rein. Auch erfährt man direkt auf den ersten Seiten das es eine Leiche gibt nur wer es ist und wer der Mörder ist und ob es einen Mörder gibt bleibt sehr lange geheim.

 

Die Story ist etwas am hin und herspringen einmal sind wir im hier und jetzt und dann ist man da wo die Leiche gefunden wurde. Es ist ein Zeitraum vom 31.12 also eben Silvester und dem 02.01 der Fund der Leiche.

Die Hauptpersonen sind die Neun High-School Freunde Miranda und Julien, Samira mit Giles und ihrem Baby, Nick und Bo und Emma mit Mark und Single Frau Kathie.

Es wird aus allen Sichten der Freunde erzählt so dass Jeder einmal drankommt. Und jeder der Freunde hat natürlich wie soll es auch sein ein Geheimnis und seine eigene Vergangenheit.

So hat Julien seine Frau Miranda in ein großes Schlamassel mit reingezogen, Mark aber liebt Miranda schon sehr lange hat aber Emma geheiratet, Miranda ist vom Charakter schon sehr extrem auf sich selbst bedacht und will immer der Mittelpunkt sein. Dann gibt es da noch den Wildhüter der eine Kriminelle Vergangenheit hat und dann ist da aber noch die zurückgezogene Heather die einfach nur Einsamkeit will die aber auch noch ein Trauma hat.

Auch ist das Ende sehr lange ein Rätsel es gibt zwar immer mal wieder kleinere Hinweise aber so richtig zusammensetzen konnte ich es erst wirklich kurz vor Ende des Buches. Und auch ist bis kurz vor Ende erst klar wer die Leiche ist.

Es ist Spannend und gutgeschrieben.

 

Leseprobe

 

Jetzt 2. Januar

HEATHER

 Durchs Schneegestöber sehe ich einen Mann kommen. Aus der Ferne, durch den Vorhang aus dichtem Weiß, wirkt er kaum menschlich, eine Schattengestalt. Als er näher kommt, stelle ich fest, dass es Doug ist, der Wildhüter. Er läuft eilig auf die Lodge zu, in dem tiefen Schnee strauchelt er bei jedem Schritt. Etwas Schlimmes ist passiert. Das weiß ich. Seine Züge sind starr vor Schock. Ich kenne diesen Ausdruck. Es ist das Gesicht eines Menschen, der etwas Schreckliches erlebt hat, was jenseits der normalen menschlichen Erfahrung liegt. Ich öffne die Tür und lasse ihn herein. Mit ihm dringen ein Schwall eisiger Luft und ein Schwung pulvrigen Schnees in die Lodge. »Was ist passiert?«, frage ich ihn. Kurz herrscht Stille, während er versucht, zu Atem zu kommen. Doch seine Augen erzählen die Geschichte, bevor er selbst es vermag. Eine stumme Botschaft des Grauens. Endlich beginnt er zu sprechen. »Ich habe die vermisste Person gefunden.« »Das ist doch wunderbar«, erwidere ich. »Wo…?« Er schüttelt den Kopf, und ich spüre, wie die Frage auf meinen Lippen erstirbt. »Ich habe eine Leiche gefunden.«

 

Drei Tage zuvor

30. Dezember

 EMMA

 Silvester. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sind alle wieder vereint: Mark und ich, Miranda und Julien, Nick und Bo, Samira und Giles mit ihrem sechs Monate alten Baby Priya. Und Katie. Vier Tage in der winterlichen Wildnis der Highlands. Das Landgut heißt Loch Corrin, nach dem gleichnamigen See, und es ist äußerst exklusiv. Pro Jahr sind nur vier Besuchergruppen zugelassen, die übrige Zeit dient es als Privatresidenz. Wie man sich vorstellen kann, ist diese Zeit des Jahres die gefragteste. Ich musste schon Anfang Januar buchen, kaum dass es zur Reservierung freigegeben war. Die Frau, mit der ich telefonierte, versicherte mir, dass wir das gesamte Anwesen für uns haben würden, da unsere Gruppe den Großteil der Unterkünfte belegte. Ich ziehe den Prospekt noch einmal aus meiner Tasche. Dicker, hochwertiger Karton, aufwendig gemacht. Er zeigt den von dunklen Nadelbäumen gesäumten See und dahinter die heideroten Hügelkuppen, die momentan allerdings von Schnee bedeckt sein dürften. Den Fotos nach zu urteilen, handelt es sich bei der Lodge selbst – der »Neuen Lodge«, wie der Jagdsitz im Prospekt genannt wird – um eine große, hypermoderne Glaskonstruktion, entworfen von einem namhaften Architekten, der erst vor Kurzem den Sommerpavillon der Londoner Serpentine Gallery gestaltet hat.

Das Konzept besteht darin, dass das Gebäude scheinbar nahtlos mit dem stillen Wasser des Sees verschmilzt, indem es die weite Landschaft und die harsche Silhouette des mächtigen Munro-Gipfels widerspiegelt, der sich dahinter erhebt. In der Nähe der Neuen Lodge befindet sich ein Grüppchen kleiner Behausungen, die aussehen, als würden sie sich zum Schutz vor der Kälte zusammenkauern. Das sind unsere Hütten. Jedes Paar hat eine eigene, aber zu den Mahlzeiten werden wir uns in der Lodge treffen, dem größten Gebäude in der Mitte. Bis auf das Highland-Dinner am ersten Abend – »eine erlesene Auswahl regionaler und saisonaler Produkte« – werden wir selbst kochen. Die Angestellten haben auf meinen Wunsch hin die Lebensmittel besorgt. Ich habe ihnen vorab eine ausführliche Liste der Zutaten zukommen lassen – frische Trüffel, Foie gras, Austern. Ich plane zu Silvester ein richtig opulentes Festmahl, auf das ich mich schon ungemein freue. Ich liebe Kochen. Freundschaft geht schließlich durch den Magen, nicht wahr? Dieser Teil der Bahnstrecke ist besonders spektakulär. Auf der einen Seite fährt man am Meer entlang, und das Festland fällt immer wieder so steil ab, dass man das Gefühl hat, eine Unachtsamkeit würde genügen, um uns in den Abgrund rasen zu lassen.

Das Wasser ist schiefergrau, aufgepeitscht. Auf einer Weide oberhalb der Klippen drängen sich die Schafe dicht aneinander, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Man kann den Wind hören – wieder und wieder wirft er sich gegen die Fenster, und der Zug erbebt unter seiner Wucht. Die anderen scheinen eingeschlafen zu sein, selbst die kleine Priya. Giles schnarcht sogar. Schaut doch!, will ich sagen, schaut doch mal, wie schön es ist! Ich habe diesen Aufenthalt geplant, daher fühle ich mich für alles zuständig und mache mir ständig Gedanken, dass es den Leuten nicht gefallen und alles schieflaufen könnte. Zugleich empfinde ich einen gewissen Stolz, auf jeden noch so kleinen Erfolg. Wie jetzt angesichts der wilden Schönheit, die sich uns darbietet. Es wundert mich nicht, dass sie schlafen. Wir sind heute furchtbar früh aufgestanden, um ja den Zug nicht zu verpassen. Miranda sah zu dieser Uhrzeit ganz besonders übellaunig drein. Und natürlich haben sie sich bereits über den Alkohol hergemacht. Auf der Höhe von Doncaster haben Mark, Giles und Julien angefangen, den Getränkekoffer zu plündern, obwohl es gerade mal elf Uhr war. Schon bald waren sie angeheitert und laut, sehr zum Missfallen der Leute in den benachbarten Sitzreihen. Irgendwie scheinen die Jungs ganz mühelos in die unbeschwerte Kameradschaft längst vergangener Tage verfallen zu können, ganz egal, wie viel Zeit seit ihrem letzten Treffen vergangen ist – erst recht mit der Unterstützung von ein, zwei Bier.

Nick und sein amerikanischer Lebensgefährte Bo sind nicht ganz in diesen Jungsklub integriert, da Nick damals in Oxford nicht Teil der Clique war. Katie hat mal behauptet, dass noch mehr dahinterstecken würde, nämlich eine unterschwellige Homophobie der anderen Jungs. Nick ist in erster Linie Katies Kumpel. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er die anderen nicht sonderlich leiden kann und uns nur Katie zuliebe duldet. Ich meine, schon immer eine gewisse Kühle zwischen Nick und Miranda gespürt zu haben  – wahrscheinlich weil sie beide so eigenwillige Persönlichkeiten sind. Und doch wirkten sie heute früh wie die dicksten Freunde, als sie Arm in Arm durch die Bahnhofshalle liefen, um »Proviant« für die Fahrt zu besorgen. Dieser entpuppte sich als eine perfekt temperierte Flasche weißer Sancerre, die Nick vor den etwas neidischen Blicken der Bierfraktion aus der Kühltasche zog. »Er wollte uns eigentlich diese Gin Tonics in Dosen besorgen«, erzählte Miranda, »aber ich habe ihn davon abgehalten. Auf diesem Level wollen wir gar nicht erst anfangen.« Miranda, Nick, Bo und ich nahmen jeder ein wenig von dem Wein. Selbst Samira beschloss im letzten Augenblick, sich ein Gläschen zu genehmigen. »Es gibt doch diese neuen Forschungsergebnisse, die besagen, dass man auch in der Stillzeit Alkohol trinken darf«, behauptete sie. Katie schüttelte zunächst den Kopf und blieb bei ihrem Mineralwasser. »Ach, komm schon, Katie«, bettelte Miranda mit ihrem einnehmenden Lächeln und streckte ihr ein Glas hin. »Wir sind im Urlaub!« Es ist schwierig, Miranda etwas auszuschlagen, wenn sie einen zu etwas überreden möchte, und so ergriff Katie – natürlich – das Glas und nahm einen zögerlichen Schluck.

Der Alkohol half, die Stimmung etwas aufzuheitern. Beim Einsteigen in den Zug hatte es ein Problem mit der Sitzordnung gegeben. Es stellte sich nämlich heraus, dass einer der neun reservierten Sitzplätze sich aus irgendeinem Grund im nächsten Waggon befand, vollkommen isoliert von den anderen. Der Zug war aufgrund der Feiertage gerammelt voll, weshalb es keinen Spielraum gab, um noch umzudisponieren. »Tja, das wäre dann wohl mein Platz«, sagte Katie. Da sie als Einzige keinen festen Freund oder Ehemann hat, ist sie gewissermaßen das fünfte Rad am Wagen. Man könnte durchaus behaupten, dass sie mittlerweile das Anhängsel in der Gruppe bildet, nicht ich. »Oh, Katie«, sagte ich. »Es tut mir so leid. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich war mir ganz sicher, dass ich alle Plätze in der Wagenmitte reserviert hatte, damit wir zusammensitzen können. Da muss was im Buchungssystem schiefgelaufen sein. Pass auf, setz du dich hierher, und ich gehe rüber.« »Nein«, widersprach Katie, während sie ihren Koffer umständlich über die Köpfe der anderen Fahrgäste hievte, die bereits auf ihren Plätzen saßen. »Das kommt gar nicht infrage. Es macht mir nichts aus.« Doch ihre Stimme ließ das Gegenteil vermuten. Herrgott noch mal, schoss es mir durch den Kopf. Es ist doch nur eine Zugfahrt. Ist es denn wirklich so schlimm? Die anderen acht Sitze befanden sich an zwei Tischen in der Mitte des Waggons.

Direkt dahinter saß eine ältere Dame neben einem gepiercten Teenager  – beide Alleinreisende. Mir kam keine Idee, wie wir diesen Schlamassel irgendwie beheben könnten. Doch dann beugte sich Miranda über den Gang hinweg zu der älteren Dame hinüber und ließ ihren Charme spielen. Es war nicht zu übersehen, wie entzückt die Dame von ihr war: von ihrem Aussehen, ihrem golden glänzenden Haar und der geschliffenen Aussprache. »Aber ja«, sagte sie, »selbstverständlich kann ich mich umsetzen. Im nächsten Waggon wird es wohl ohnehin etwas ruhiger zugehen. Ich weiß ja, wie es ist, bei euch jungen Leuten!« Dabei ist keiner von uns sonderlich jung. »Außerdem sitze ich sowieso viel lieber in Fahrtrichtung.« »Danke, Manda«, sagte Katie mit einem knappen Lä - cheln, doch sie sah nicht so aus, als wäre sie ihr wirklich dankbar. Katie und Miranda sind schon seit ewigen Zeiten befreundet. Allerdings weiß ich, dass die beiden in letzter Zeit nicht viel voneinander mitbekommen haben – Miranda meint, Katie sei bei der Arbeit ziemlich eingespannt. Und da Samira ganz in ihrer Babyblase abgetaucht ist, haben Miranda und ich mehr Zeit miteinander verbracht als je zuvor. Wir waren shoppen, wir sind was trinken gegangen. Wir haben miteinander gequatscht und getratscht. Allmählich habe ich wirklich das Gefühl, dass sie mich als ihre Freundin akzeptiert hat – und nicht nur als Marks Freundin, die nach beinahe einem Jahrzehnt als Letzte zur Clique dazugestoßen ist. In der Vergangenheit hatte Katie ständig versucht, mich zu verdrängen. Sie und Miranda standen sich immer so nah, fast wie Schwestern. 

Früher fühlte ich mich ausgeschlossen von dieser Nähe und der gemeinsamen Vergangenheit von Katie und Miranda, denn dadurch hat eine neue Freundschaft kaum Raum, sich zu entfalten. Daher ist ein Teil von mir insgeheim… na ja, ziemlich froh, dass Miranda mehr Zeit für mich hat. Ich möchte wirklich, dass alle eine schöne Zeit verbringen, dass der Aufenthalt ein voller Erfolg wird. Der Silvesterausflug ist eine große Sache. Die anderen haben ihn bisher jedes Jahr unternommen, und zwar schon lange bevor ich auf der Bildfläche erschien. Die Organisation dieses Trips ist wohl so etwas wie ein kümmerlicher Versuch meinerseits zu beweisen, dass ich eine von ihnen bin. Um klarzustellen, dass ich endlich in ihren »Inner Circle« aufgenommen werden sollte. Man sollte meinen, drei Jahre – das ist nämlich die Zeit, die Mark und ich nun schon zusammen sind – würden genügen. Aber das ist nicht so. Man muss dazu wissen, dass ihre Freundschaft weit zurückreicht, bis zu ihren Studententagen in Oxford, wo sie sich kennengelernt haben. Wie jeder weiß, der schon einmal in dieser Situation war, ist es nicht einfach, in eine Clique alter Freunde hineinzukommen. Ich habe den Eindruck, dass ich für immer der Neuzugang bleiben werde, ganz gleich, wie viele Jahre vergehen. Wieder werfe ich einen Blick auf den Prospekt in meinem Schoß. Vielleicht wird dieser Trip alles ändern.

KATIE

Der Bahnhof von Loch Corrin ist geradezu lächerlich klein. Ein einsamer Bahnsteig, dahinter der stahlgraue Hang eines jäh aufragenden Berges, dessen Gipfel sich in den Wolken verliert. Der Bahnsteig ist von einer dünnen Schicht Pulverschnee bedeckt. Nicht ein einziger Schuhabdruck verschandelt das makellose Weiß. Ich muss an den Schnee in London denken, wie schmutzig er ist, kaum dass er auf dem Boden liegt, achtlos zertrampelt unter Tausenden von Füßen. Mir kommt es so vor, als wäre ich am Ende der Welt gelandet. Wir haben mit dem Zug etliche Meilen in dieser rauen, wilden Landschaft zurückgelegt. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein menschliches Bauwerk gesehen habe, geschweige denn einen Menschen. Vorsichtig gehen wir über den gefrorenen Bahnsteig und an dem winzigen Bahnhofsgebäude vorbei. Es wirkt vollkommen verlassen, und ich frage mich, wie oft der Wartesaal mit seinem handgeschriebenen Schild in Anspruch genommen wird. Wir kommen an einem kleinen Kabuff mit schmutziger Glasscheibe vorbei: ein Fahrkartenschalter oder ein winziges Büro. Ich spähe hinein, fasziniert von der Vorstellung eines Büros inmitten dieser Einöde, und erschrecke unwillkürlich, als ich feststelle, dass es keineswegs leer ist. Da drin, im Dunkeln, sitzt jemand. Ich kann nur die Umrisse erkennen: breitschultrig, gekrümmt, dann das kurze Aufleuchten von Augen, die uns beobachten, während wir vorbeigehen.

»Was ist?« Giles, der vor mir geht, dreht sich um. Ich muss wohl einen überraschten Laut ausgestoßen haben. »Da drin ist jemand«, flüstere ich. »Ein Bahnwärter oder so. Ich habe mich nur kurz erschrocken.« Giles späht ebenfalls durch die Scheibe. »Du hast recht.« Er tut so, als würde er einen imaginären Hut lupfen. »Grüß Gott und einen wunderschönen guten Morgen, der Herr«, sagt er grinsend in breitestem Irisch. Giles ist der Clown in unserer Truppe: gutmütig und albern, auch wenn er manchmal über das Ziel hinausschießt. »Wir sind hier doch in Schottland, du Dummkopf«, rügt Samira ihn liebevoll. Bei den beiden geschieht alles liebevoll. Mein Singlestatus ist mir nie so bewusst wie in ihrer Gesellschaft. Zunächst antwortet der Mann in dem Kabuff nicht, doch dann, ganz langsam, hebt er die Hand zu einer Art Gruß. Ein Land Rover steht bereit, um uns abzuholen: schlammbespritzt, einer von der alten Sorte. Die Tür öffnet sich, ein Mann steigt aus und richtet sich zu seiner vollen Größe auf. »Das muss der Wildhüter sein«, sagt Emma. »In der E-Mail stand, dass er uns abholen würde.« Der Mann sieht gar nicht so aus, wie ich mir einen Wildhüter vorstelle. Er ist wahrscheinlich gerade mal in unserem Alter. Als er uns mit einem tiefen Brummen willkommen heißt, hat seine Stimme etwas Sprödes an sich, als würde sie nicht oft zum Einsatz kommen. Mir fällt auf, wie er uns mustert. Ich glaube nicht, dass ihm gefällt, was er da sieht.

Ob das die Andeutung eines spöttischen Grinsens ist, während er Nicks makellose Barbour-Steppjacke, Samiras Hunter-Gummistiefel und Mirandas Fuchspelzkragen betrachtet? Wenn ja, will ich nicht wissen, was er sich beim Anblick meiner Großstadtklamotten und meines Samsonite-Rollkoffers denken mag. Ich habe beim Packen kaum darüber nachgedacht, da ich mit meinen Gedanken ganz woanders war. Ich sehe, wie Julien, Bo und Mark Anstalten machen, ihm mit dem Gepäck zu helfen, doch er schiebt sie nur beiseite. Neben ihm sehen sie so brav und adrett aus wie Schulknaben am ersten Tag nach den Sommerferien. »Ich nehme an, wir fahren in zwei Gruppen«, sagt Giles. »Schließlich kriegen Sie uns ja nicht alle da rein.« Der Wildhüter hebt die Augenbrauen. »Ganz wie Sie wollen.« »Ihr Mädels fahrt zuerst«, sagt Mark in einem Anflug von Ritterlichkeit, »und wir Kerle halten die Stellung.« Ich warte angespannt darauf, dass er einen Witz hinterherschiebt – irgendwas nach dem Motto, dass Nick und Bo natürlich als Mädchen durchgehen  –, doch glücklicherweise scheint er nicht auf die Idee zu kommen, oder er hat es einfach nur geschafft, zur Abwechslung die Klappe zu halten. Wir zeigen uns heute alle von unserer besten Seite, im besonders toleranten Urlaub-mit-Freunden-Modus. Es ist ewig her, dass wir in dieser Konstellation zusammen waren  – wahrscheinlich seit letztem Silvester nicht mehr. Trotzdem fallen wir sofort in unsere alten Rollen zurück, die wir schon immer in dieser Gruppe innehatten………….

 

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