Todesstrom

Wenn alte Geheimnisse ans Licht kommen, wirst du sterben


 

Während seiner ersten Wochen als junger Detektive wird Cormac Reilly zu einem heruntergekommenen Landhaus gerufen. Dort findet er zwei stille, vernachlässigte Kinder vor – die 15-jährige Maude und den 5-jährigen Jack. Ihre Mutter liegt tot und der Verwesung nahe im ersten Stock. Ihr Tod wird nie aufgeklärt.


 

Zwanzig Jahre später hängt Reilly seine Karriere als Detektive in Dublin an den Nagel und kehrt nach Galway zurück. Nun kehren auch die Erinnerungen an Maude und Jack zurück und verfolgen ihn. Was verbindet einen kürzlich begangenen Selbstmord mit dem schon Jahre zurückliegenden Tod der Frau? Und wem kann Reilly von seinen neuen Kollegen wirklich vertrauen?

 

 

Dieses Buch ist mal wieder ein Fesselnder und Packender Krimi.

 

Die Personen im Buch sind alle für mich Authentisch und Überzeugen mit ihrer Handlung. Man ist ab einem Gewissen Zeitpunkt mitten im komplexen Gefecht aus Lügen und Geheimnissen.

Auch ich als Leser konnte manchmal gar nicht genau sagen wem man trauen kann und wem nicht.

Es geht um Korruption und Vertuschungen was eine rasante Spannung ins Buch bringt.

 

Es hat Spaß gemacht das Buch zu lesen und es hat ein richtig gefesselt, einmal durch die Unfassbarkeit der Tode, dann noch die Geschichte von Maude und Jack. Und das Verhältnis von Reilly zu seinen Kollegen.

 

 

Leseprobe

Mayo, Irland

Februar 1993

PROLOG

Cormac spähte durch die Windschutzscheibe und beugte sich so weit nach vorn, dass er sich beim nächsten Schlagloch fast den Kopf gestoßen hätte. Mist! Weit und breit kein Haus zu sehen. Dabei suchte er jetzt schon seit über einer Stunde. Es war fast dunkel, und er konnte die Hausnummern oder Namen der Häuser kaum noch erkennen. War das etwa nur die übliche Schikane, die man als Neuling über sich ergehen lassen musste? Wäre Dwyer derjenige gewesen, der ihn losgeschickt hatte, hätte er sich da wohl sicher sein können. Dwyer war einer dieser Scherzkekse, die ständig Witze rissen, immer geschmacklos und auf Kosten anderer. Aber es war Marcus Tully gewesen, der Cormac von der Streife abgezogen hatte. Ohne von seiner Zeitung aufzusehen, hatte er ihm einen Post-it-Zettel in die Hand gedrückt, der nun am Armaturenbrett klebte. Altes Landhaus, Monagaraun Road, Kilmore. Maude Blake. Eine so gestochene Handschrift hätte man Tully gar nicht zugetraut. Er hatte ein paar Anweisungen vor sich hin gemurmelt, und wenn Cormac es richtig verstanden hatte, war schon vormittags ein Notruf eingegangen, wegen eines minderschweren Falls von häuslicher Gewalt.

Cormac war so sehr damit beschäftigt gewesen, sich den Anschein zu geben, als wisse er, was zu tun war, dass er nicht weiter nachgefragt hatte. Wie sich herausstellte, war Kilmore ein Kaff, das man nicht unbedingt auf dem Schirm haben musste: Kirche, Marktplatz, Zwergenschule und zwei Pubs. Die Monagaraun Road erstreckte sich über vierzig Meilen. Hier und da stand ein Gehöft oder ein einzelnes Wohnhaus, aber nichts, was nach einem alten Landhaus aussah. An der nächsten Haltebucht zwischen den hohen Hecken fuhr Cormac rechts ran. Er schwitzte. Die Heizung war kaputt. Man konnte sie nur ganz ausstellen oder volles Rohr laufen lassen, und wegen der Kälte draußen hatte er sie auf volles Rohr gestellt. Dieses Auto war sowieso ein Albtraum. Jedes Mal, wenn er in den nächsten Gang schaltete, machte die Kupplung bedrohliche Geräusche, und von der Rückbank ging ein leichter, aber unverkennbarer Gestank nach Erbrochenem aus. Man hatte ihm den beschissensten Wagen des gesamten Fuhrparks zugeteilt. Nicht einmal das Funkgerät funktionierte. Die Drähte hingen lose herum und warteten darauf, dass sich jemand ihrer erbarmte und sie wieder anschloss. Vielleicht war dieser Einsatz tatsächlich nur ein Scherz. Mit einem Streifenwagen, der fast auseinanderfiel. Dann sollte er jetzt vielleicht lieber umkehren. Einfach zurückfahren und so tun, als hätte er stundenlang Pause gemacht, anstatt auf diese Nummer reinzufallen. Aber was, wenn es sich doch um einen echten Notruf handelte? Da konnte er nicht zu seiner Dienststelle zurückkommen und sagen, dass er die Adresse nicht gefunden hatte. Nein.

Er musste dieses dämliche Landhaus ausfindig machen oder zumindest sichergehen, dass es nicht existierte. Das Beste wäre, in einem der Pubs nachzufragen. Da standen die Chancen immerhin fifty-fifty, eine anständige Wegbeschreibung zu bekommen und nicht irgendwo im Sumpf zu landen. Cormac löste die Handbremse, drehte und ließ den Wagen langsam zurück Richtung Kilmore rollen. Etwa einen Kilometer vor dem Ortseingang entdeckte er plötzlich zwei steinerne Torpfosten, so dicht mit Efeu bewachsen, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Das Tor, das einmal dazwischen gehangen hatte, gab es nicht mehr. Cormac bog ab und fuhr mit Fernlicht die Zufahrt entlang. Die kahlen Äste der hohen, überwucherten Ahornbäume bildeten einen Hohlweg. Der Boden bestand nur noch aus Morast und Unkraut, und ein Traktor hatte tiefe Furchen hinterlassen. Cormac war vorhin schon an diesem Weg vorbeigefahren, aber er hatte die Torpfosten nicht gesehen und deshalb gedacht, der Weg würde nur zu den dahinterliegenden Feldern führen. Doch die alten Bäume und diese Pfosten ließen darauf schließen, dass es sich um die Zufahrt zu einem ehemals herrschaftlichen Anwesen handelte. Zu einem alten Landsitz. Vielleicht zu dem Landhaus, das er suchte. Cormac ließ den Wagen im Leerlauf weiterrollen und versuchte, durch die Windschutzscheibe etwas zu erkennen. Es war kein Gebäude zu sehen, und die Traktorspuren verloren sich im Licht der Scheinwerfer auf der Hälfte des Weges. Befand sich dort zwischen den Bäumen ein Gatter? Richtig. Dahinter verlief die Zufahrt in einer Biegung, doch durch die Bäume konnte man nicht erkennen, wohin sie führte.

Cormac legte einen Gang ein und achtete darauf, nicht mit den Reifen in die Furchen zu geraten. Ohne sich festzufahren schaffte er es, dem Weg zu folgen, bis dieser plötzlich nach rechts zu einem Parkplatz vor einer alten klassizistischen Villa führte. Auf den ersten Blick schien alles dunkel, und es war eindeutig zu erkennen, dass das Gebäude ziemlich baufällig war. Schmutziges Wasser lief aus der kaputten Regenrinne an der Hauswand hinunter, von der die fleckige Farbe schon abblätterte. In der oberen Etage waren alle Fenster bis auf ein einziges vernagelt. Die Fenster im Erdgeschoss waren in besserem Zustand, und links der Eingangstür glaubte Cormac hinter einer der Scheiben einen schwachen Lichtschein auszumachen. Na bitte! Er brauchte also nicht mit dem Kopf unter dem Arm auf die Polizeiwache zurückzukehren und sich das Gelächter der Kollegen anzuhören. Cormac stieg aus dem Wagen und ging durch den strömenden Regen auf das Haus zu. Plötzlich öffnete sich die Eingangstür einen Spaltbreit. Ein Mädchen spähte heraus. Ein Teenager von etwa vierzehn Jahren, höchstens fünfzehn. Dunkelhaarig. Zierlich. »Warum sind Sie allein?«, fragte das Mädchen, bevor Cormac selbst etwas sagen konnte. »Wie bitte?« »Ich dachte, Sie kommen immer zu zweit. Sie wissen schon, mit einem Partner.« »Nicht immer«, war alles, was Cormac darauf einfiel. Er konnte ihr ja wohl schlecht erzählen, dass Marcus Tully lieber mit einer Tüte Chips auf seinem fetten Hintern saß und den Daily Star las, als in einen Streifenwagen zu steigen und bei strömendem Regen hier rauszufahren.

Er zog seinen Dienstausweis aus der Jackentasche und hielt ihn hoch. »Ich bin Cormac Reilly.« Das Mädchen warf einen Blick auf den Dienstausweis und dann wieder auf ihn. »Sie sind ziemlich jung«, bemerkte es skeptisch. »Da hast du recht«, gab er schmunzelnd zurück. Dieses Mädchen redete in einem Tonfall mit ihm, der ihn an seine Mutter erinnerte. »Bei dem Regen sollten Sie lieber reinkommen«, sagte es, während sich das Wasser auf Cormacs Polizeimütze sammelte und ihm in den Kragen tropfte. Kurz darauf stand er in einer riesigen Empfangshalle mit holzvertäfelten Wänden von mindestens vier Metern Höhe. Eine verschnörkelte Treppe führte über mehrere Absätze in die obere Etage. Bestimmt war das Gebäude früher ein prächtiges Herrenhaus gewesen. Doch was Cormac irritierte, war der Geruch. Es roch nach feuchter Luft, aber auch nach etwas Strengerem. Und es war klirrend kalt. Das Mädchen wartete mit ernstem Gesicht, bis er ihm folgte. »Sind deine Eltern zu Hause?«, fragte Cormac. »Mein kleiner Bruder ist im Wohnzimmer«, antwortete das Mädchen nur und zeigte auf eine geöffnete Tür. Cormac warf einen kurzen Blick in den Raum. Er konnte ein Kaminfeuer ausmachen, vor dem ein Junge auf dem Holzfußboden hockte und in einem Buch blätterte. »Wo ist denn deine Mutter?«, fragte er noch einmal. »Oben«, antwortete das Mädchen und zeigte auf die Treppe. Es drehte sich um und ging auf das Wohnzimmer zu. »Du bleibst hier, Jack«, sagte es zu dem kleinen Jungen.

»Ich gehe mal mit dem Detective nach oben, aber ich bin gleich wieder da, okay?« Der Junge hob den Kopf, aber er sagte nichts. Das Mädchen schloss die Tür und ging voraus. Auf dem Weg in die obere Etage wurde der modrige Geruch noch stärker. Die Tapeten hingen in langen Bahnen von den feuchten Wänden. Auf dem oberen Treppenabsatz war es fast vollkommen dunkel. Instinktiv tastete Cormac nach dem Lichtschalter. Aber nichts passierte. »Strom abgestellt«, sagte das Mädchen und ging weiter. »Aber das macht nichts. In Mutters Zimmer brennen Kerzen.« Das Mädchen führte Cormac durch einen langen Flur zu einem Raum, unter dessen Türschwelle Licht hindurchschimmerte. Ohne anzuklopfen, öffnete es die Tür und hielt sie für Cormac auf. Der Raum war spärlich möbliert, mit nicht viel mehr als einem Doppelbett und einem antiken Kleiderschrank. Keine Teppiche auf den Bodendielen, kein Feuer im Kamin. Und es war furchtbar kalt. Auf dem Bett lag eine Frau, mit einer Decke über den Beinen, unter der die nackten Füße herausragten. Aber die Decke brauchte sie ohnehin nicht mehr, denn sie war tot. Ganz offensichtlich tot. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie an die Decke. »Lieber Himmel!« Zögernd näherte sich Cormac dem Bett. Er drehte sich kurz zu dem Mädchen um, dann richtete er den Blick wieder auf die Tote. »Lieber Himmel!«, entfuhr es ihm noch einmal. Obwohl er sehen konnte, dass die Frau tot war, legte er zwei Finger an ihren Hals, um zu prüfen, ob sie nicht doch noch Puls hatte. Ihre Haut war eiskalt, und er wischte sich hastig die Hand an seiner Hose ab. Als ihm dieser Reflex bewusst wurde, hoffte er, das Mädchen habe es nicht gesehen. »Das ist deine Mutter?« vergewisserte er sich.

Auch das Mädchen hatte nun den Raum betreten. Ohne den Blick auf das Bett zu richten, nickte es. Cormac sah sich die Tote genauer an. Ihre Arme und Beine waren abgemagert, das fettige Haar strähnig. Unter dem speckigen, dünnen Laken zeichneten sich die Umrisse ihres Körpers ab. Zwischen den Beinen war ein dunkler Fleck, da sich bei Eintritt des Todes ihre Gedärme entleert hatten. Ein säuerlicher Geruch und der Gestank nach Fäkalien hingen in der eiskalten Luft. Die Todesursache schien offensichtlich. Neben der flackernden Kerze auf dem Nachttisch stand eine leere Wodkaflasche. Der linke Arm der Toten war mit einem Schnürsenkel abgebunden, und auf dem Fußboden lag eine benutzte Spritze. Beide Arme waren übersät mit verkrusteten Kratzern. Einstichnarben? Cormac hatte so etwas noch nie gesehen. An einer Einstichstelle in der linken Armbeuge war eine Spur geronnenen Bluts zu erkennen. Mit drei großen Schritten war Cormac wieder bei dem Mädchen. Er nahm es am Arm und zog es über die Türschwelle. »Komm!« Er schloss die Tür und ging mit ihm zurück zur Treppe. »Das ist also deine Mutter?« Abermals antwortete das Mädchen mit einem Kopfnicken. Seine Augen waren auffallend dunkel, was in dem blassen, verängstigten Gesicht umso mehr hervorstach. »Und hier ist niemand sonst? Keiner, der sich um euch kümmern könnte? Wer hat die Polizei gerufen?« »Ich. Vom Dorf aus, heute Morgen. Als ich Jack zur Schule gebracht habe.«

»Heute Morgen schon?« Das Mädchen antwortete nicht. Unschlüssig stand Cormac da und wusste nicht, was er machen sollte. Erst jetzt bemerkte er, dass es zitterte. Der Schock. Vielleicht auch die Kälte. Es war dick angezogen, mit Jeans, Stiefeln und mehreren Pullovern übereinander. Kein Wunder, in dem Haus war es genauso kalt wie draußen. »Lass uns runtergehen«, sagte Cormac, und diesmal ging das Mädchen hinter ihm her. Als sie das Wohnzimmer betraten, stand der kleine Junge zögernd auf. Nachdem seine Schwester sich gesetzt hatte, kletterte er auf ihren Schoß, und nun richteten sich zwei dunkle Augenpaare auf Cormac. Er setzte sich ebenfalls, beugte sich zu den beiden hinüber und gab sich Mühe, so beruhigend wie möglich zu klingen. »Wie heißt ihr denn?«, fragte er und kam sich vor wie ein Idiot. Er war wohl der Falscheste, den man hierher hatte schicken können. Wie ging man mit traumatisierten Kindern um? Darauf war er in den zwei Jahren auf der Polizeihochschule in Templemore nicht vorbereitet worden. »Ich heiße Maude, und das ist Jack.« Der Junge wirkte noch sehr jung, aber wenn er schon zur Schule ging, musste er mindestens fünf Jahre alt sein. Er hatte sandfarbenes Haar und ein ernstes Gesicht. Cormac fiel ein verblassender Bluterguss an einer Wange auf. Beide Kinder wirkten unterernährt, besonders das Mädchen. »Maude«, begann Cormac in sanftem Tonfall. »Weißt du, wie deine Mutter gestorben ist?« Mit gesenktem Kopf starrte das Mädchen auf den Boden. »Okay«, sagte Cormac. »Ist schon gut.«

Maude zog den Jungen näher zu sich heran, und er lehnte sich an sie. Dabei fielen ihm allmählich die Augen zu. »Ich muss ein paar Leute anrufen, verstehst du? Die kommen dann hierher und kümmern sich um deine Mutter. Und um dich und Jack.« Maudes Gesicht wirkte angespannt vor Angst. Sie starrte aus dem Fenster. »Aber Sie wollen uns doch nicht hierlassen? Es ist schon spät. Am besten wäre es, wenn Sie uns mitnehmen. Sie können uns in ein Krankenhaus bringen. Nach Castlebar.« »Ins Krankenhaus?« Sie nickte beklommen. »Jack muss von einem Arzt untersucht werden.« Der kleine Junge war mit dem Kopf an ihrer Schulter eingeschlafen. »Ist er krank?«, fragte Cormac. »Er ist verletzt.« »Also gut, Maude. Natürlich kann ich euch zu einem Arzt bringen. Aber ich muss einen Sozialarbeiter anrufen, der mitkommt. Habt ihr einen Hausarzt? In Kilmore vielleicht?« Maude schüttelte so vehement den Kopf, dass ihr Bruder wach wurde. »Jack muss zu einem richtigen Arzt. Zu einem Arzt im Krankenhaus.« Offenbar konnte sie Cormac seine Bedenken vom Gesicht ablesen. »Um diese Zeit kriegen Sie in Kilmore sowieso keinen Sozialarbeiter mehr. Die sind abends nicht zu erreichen. Erst morgen wieder. Und was wollen Sie so lange mit uns machen? Die Leute aus der Klinik in Castlebar kennen so was. Wenn Sie uns da hinbringen, wird Jack richtig untersucht.« Cormac wusste nicht recht, was er sagen sollte. Das Mädchen hatte Angst, so viel war klar.

Maude war noch fast ein Kind, und eine Etage über ihnen lag ihre tote Mutter. Für die meisten Kinder wäre das mehr als genug gewesen. Was sollte er jetzt machen? Er konnte doch nicht einfach zwei Kinder auf die Rückbank seines Streifenwagens verfrachten. Andererseits hatte das Mädchen vermutlich recht. So spät abends waren in Kilmore bestimmt keine Sozialarbeiter mehr zu erreichen. »Ich melde mich über Funk auf der Polizeiwache«, sagte Cormac schließlich. »Ich frage mal, was mein Sergeant dazu meint.« Maude starrte ihn nur an, und echte Besorgnis sprach aus ihrem Blick. In dem Moment fiel Cormac ein, dass das Funkgerät ja kaputt war. Mist! Das Mädchen sah ihn an, als hinge das Schicksal der beiden einzig und allein von seiner Antwort ab, und als hätte es sich auf das Schlimmste eingerichtet. Meine Güte, Maude war wirklich total abgemagert. Und noch so jung. Sie hatte sich die Ärmel ihres Pullovers bis halb über die Hände gezogen und zupfte mit der rechten Hand an einem Wollfaden herum. Cormac brachte es nicht fertig, die beiden Kinder einfach zurückzulassen. »Dann fahren wir also nach Castlebar«, sagte er. Maude lächelte nicht. Sie sagte oder tat auch nichts. Aber die Erleichterung war ihr so deutlich anzusehen, dass Cormac sich mit seiner Entscheidung schon ein wenig wohler fühlte. »Möchtet ihr irgendetwas mitnehmen? Schlafanzüge vielleicht? Oder ein Stofftier von Jack, das er besonders gern mag?« Maude zeigte auf etwas hinter ihm. Cormac drehte sich um, und erst jetzt fielen ihm die beiden Schultaschen auf, die neben der Tür an der Wand lehnten.

»Ich habe unsere Sachen schon gepackt«, sagte Maude. »Mehr brauchen wir nicht.« Lieber Himmel. Cormac musste schlucken. Diese beiden kläglichen Schultaschen hatten etwas zutiefst Anrührendes. »Dann fahren wir jetzt los«, sagte er und erhob sich. »Soll ich deinen Bruder zum Auto tragen?« Maude schüttelte den Kopf. Sie stand auf und nahm den kleinen Jungen auf den Arm, sodass seine Beine an ihren Hüften herabbaumelten. Sie war kräftiger, als sie aussah, und hatte keine Mühe damit, ihn zu tragen. Cormac nahm eine alte Decke von der Rückenlehne des Stuhls, auf dem er gesessen hatte, und die beiden Schultaschen. Dann ging er voraus zu seinem Streifenwagen. Er breitete die Decke auf der stinkenden Rückbank aus, und nachdem Maude ihren Bruder daraufgelegt hatte, setzte sie sich neben ihn und legte ihm beschützend eine Hand auf die Schulter. Vorsichtig fuhr Cormac zurück zur Hauptstraße, auf jedes Schlagloch bedacht, um Jack keinen zusätzlichen Schaden zuzufügen. Eine Zeit lang sagte keiner von ihnen etwas. »Was sind das für Verletzungen, die Jack hat, Maude?«, fragte Cormac schließlich. Maude hielt ihren Bruder vorsichtig fest, damit er im Schlaf nicht von der Rückbank rutschte. Sie strich ihm das sandfarbene Haar aus dem Gesicht. »Er hat ein paar Blutergüsse«, antwortete sie nach einer Weile. »Hat jemand ihm die Verletzungen zugefügt? Und hast du auch welche?« »Ich habe keine. Ich kann auf mich aufpassen.«

Mehr sagte sie nicht. Cormac überlegte, ob er genauer nachfragen sollte. Nein. Vielleicht würde er alles nur noch schlimmer machen, wenn er irgendetwas Falsches sagte. Ihr Angst machen, ein weiteres Trauma hervorrufen. Aber wie konnte das passiert sein? Wie war es so weit gekommen, dass zwei Kinder in einem eiskalten, verfallenen Haus ganz allein waren, mit einer Mutter, die scheinbar zu nichts mehr in der Lage gewesen war? Cormac sah Maude im Rückspiegel an. »Jack hat keinen Dad«, sagte Maude erschöpft. »Auf seiner Geburtsurkunde steht kein Name. Können Sie denen im Krankenhaus das bitte sagen? Wenn sie wissen, dass er ein Waisenkind ist, kann er adoptiert werden. Es wäre schön, wenn er eine richtige Familie hätte.« »Ihr könnt bestimmt zusammenbleiben«, sagte Cormac und verfluchte sich sofort dafür. Ein Fünfjähriger würde leicht ein neues Zuhause finden. Für eine Fünfzehnjährige hingegen standen die Chancen deutlich schlechter. Die beiden Kinder zusammenbleiben lassen? Das wäre ein Wunder. Im Rückspiegel sah er Maudes zaghaftes Lächeln. Ein trauriges Lächeln. Die Fahrt nach Castlebar dauerte eine Weile, aber Maude sagte nichts mehr. Als Cormac in die Zufahrt zur Notaufnahme abbog, weckte sie Jack und redete ihm beruhigend zu. Jack fing an zu weinen, und sie nahm ihn wieder auf den Arm und trug ihn zum Eingang, wo sich die Türen automatisch öffneten. Im Wartebereich saß die übliche Mischung aus Kranken, Betrunkenen und Idioten. Drei Jugendliche, die den Eindruck machten, als fielen sie unter mindestens zwei der drei Kategorien, hatten sich auf den Sitzplätzen breitgemacht. Die Heizung lief auf Hochtouren, und die Luft war stickig.

Die Krankenschwester, die für die Erstaufnahme zuständig war, schien mit irgendwelchen Formularen beschäftigt, doch Cormacs Dienstmarke und die Erklärung, die er sich bereits zurechtgelegt hatte, verschafften ihnen sofort Zutritt zur Notfallambulanz. Maude folgte der Krankenschwester zu einem Bereich, der durch einen Vorhang abgetrennt war. Vorsichtig setzte sie Jack auf einer Liege ab, aber er wollte ihre Hand nicht loslassen. »Gibt es hier eine Toilette?«, fragte Maude die Schwester. »Den Gang dort entlang. Dann links, erste Tür rechts.« Jack fing wieder an zu weinen, als Maude seine Hand losließ. »Du bist bestimmt ein ganz tapferer Junge«, sagte die Krankenschwester. »Und deine Schwester kommt doch gleich wieder.« Aber Jack hielt den Kopf gesenkt und weinte vor sich hin, furchtbar lautlose Tränen. Cormac nahm eine seiner kleinen Hände und drückte sie beruhigend. So gut er konnte, versuchte er, den Jungen abzulenken. Erzählte ihm Geschichten, redete über Hockey und sprach von tapferen Superhelden, während die Krankenschwester Jack auszog und ihm ein Krankenhaushemd überstreifte. Cormac versuchte, sich sein Entsetzen nicht anmerken zu lassen, als er die Schwellung oberhalb von Jacks Hüfte und die schwarzblauen Prellungen sah, die sich entlang der Wirbelsäule seinen Rücken hinaufzogen. Als der Arzt erschien, machte Cormac ihm Platz, damit er Jack untersuchen konnte. Mit verschränkten Armen und elendem Blick stand Cormac daneben, derweil Jack weiterhin stumme Tränen weinte und teilnahmslos alles über sich ergehen ließ.

Es dauerte lange, bis Cormac klar wurde, dass Maude nicht wiederkommen würde. Es dauerte noch länger, bis er auf die Idee kam, nach ihr zu suchen. Und zwei volle Stunden vergingen, bis Tully im Polizeirevier unruhig wurde und Cormac ausfindig machte. Erneut suchten sie das gesamte Erdgeschoss ab – die Toiletten, die Cafeteria, die Untersuchungsräume –, bis sie einsehen mussten, dass sie Maude dort nicht finden würden. Es war die einzige Suchaktion, die für die fünfzehnjährige Maude Blake jemals unternommen wurde. Sie wurde als Ausreißerin zu den Akten gelegt, und da es keine Angehörigen gab, die nach ihr hätten fragen können, geriet sie innerhalb des Systems in Vergessenheit. Irgendwann auch bei Cormac Reilly.

 

 

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