Die Augenzeugin

                                                

Die 29-jährige Harriet Vesterberg zieht aus Stockholm zurück in ihren kleinen Heimatort, das Fischerdorf Lerviken, an der südschwedischen Küste. Dort beginnt sie als Ermittlerin bei der hiesigen Polizei. Auch möchte sie ihrem Vater unter die Arme greifen, dem bekannten und mittlerweile pensionierten Jura-Professor, der erste Zeichen einer Demenz zeigt. Als eine Frau auf brutale Weise ermordet wird, hat Harriet es gleich mit einem hochkomplexen Mordfall zu tun. Und ist mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert: Kennt sie den Mörder?

 

Harriet kehrt nach Stockholm zurück um für den an anfangender Demenz leidenden Vater da zu sein.Sie ist Zivile Beraterin der Polizei und gerät auch sofort in einen Mordfall.

Der Anfang in ihrer Neuen Umgebung fällt Herriet nicht gerade leicht die Neue Chefin ist sehr herrisch und sie geraten schon sehr schnell an einander. Im Laufe der Ermittlungen hat Harriet das Gefühl das sie den Täter kennt aber kann das wirklich sein?

Harriert werden während der Ermittlungen auch immer wieder Steine in den Weg gelegt was sie aber gekonnt umgeht. 

Es gibt auch immer mal wieder Einblicke zu ihrem kranken Vater.

Ich finde den Charakter von Harriet sehr gut sie ist 29 Jahre alt und Zivile Beraterin der Polizei und man merkt ihr noch junges Denken an, sie wirkt nicht Naiv oder überheblich.

Ich fand das Ende sehr gut gelungen da es dann noch etwas anders war als ich es gedacht habe, aber trotzdem Super war.

Am Ende gibt es dann noch einen Cliffhanger zum nächsten Teil es wird wohl nicht der letzte Fall von Herriet  werden.

 

 Leseprobe

Sonntag, 27. August 2017 

Margareta muss verrückt sein. Soll Harriet ihren neuen Job wirklich an einem Sonntag anfangen? Seit wann arbeiten Zivilermittler der Polizei übers Wochenende? Sie liest die SMS noch einmal. Harriet, ich habe versucht, dich anzurufen, aber dein Telefon scheint abgeschaltet zu sein. Könntest du schon morgen reinkommen? Grüße, Margareta Bladh Die SMS wurde am Samstagabend um 22:37 versendet. Entweder ist ihre neue Chefin ein Workaholic, oder Wochenendarbeit gilt seit der Umstrukturierung der Polizei in Schonen als normal, denkt Harriet und steckt das Handy in ihre Tasche. Es ist früher Morgen, und der Wimpel an der Fahnenstange ihrer Nachbarin Yvonne flattert. Draußen auf dem Meer schaukeln weiße Schaumkronen, und der Wind trägt einen schwachen Geruch nach altem Tang aus dem Hafen herüber. Vorsichtig schließt Harriet die Haustür und schleicht den gepflasterten Gartenweg entlang. Es klickt, als sie den silbernen Saab in der Garagenauffahrt aufsperrt, und sie wirft einen letzten Blick auf das gekalkte Steinhaus ihres Vaters. Früher war es einmal eine Fischerhütte, aber dann wuchs die Familie, und es wurde nach und nach zu einem kleinen Wohnhaus im schonischen Stil ausgebaut.

Schwarz und weiß hebt es sich von der Grasböschung ab, genau dort, wo der erodierte Steilhang auf den Strand trifft. Die Stockrosen, die fast bis zum Dachfirst hinauf ranken, verdecken die Fenster etwas, aber Harriet kann sehen, dass es drinnen immer noch dunkel ist. Weder ihr Vater Eugen noch der Schäferhund Kato sind schon wach. Sie holt das Handy wieder heraus. Typisch, dass ihre zu[1]künftige Chefin sie nicht erreicht hat: Die Netzabdeckung ist meistens zu schwach, um es bis nach Lerviken hinunter zu schaffen, geschweige denn bis zu Eugens Haus. Nachrichten kann man schicken, aber Anrufe gehen selten durch. Uns hier im Dorf ist das egal, sagt Yvonne immer, wenn sie an den spätsommerlichen Nachmittagen im Garten ihren üblichen Kaffee trinken, und nickt dabei liebevoll zu Eugen hinüber. Yvonne wohnt in dem rostroten Ziegelhaus neben ihm, solange sich Harriet erinnern kann, schon ewig, und dabei ist sie noch keine fünfzig. Sie muss sehr jung gewesen sein, als Harriet klein war, aber ihr kam sie immer älter vor als ihre eigene Mutter Jorun. Vielleicht lag das daran, dass Yvonne Dinge sagte und schätzte, die sonst eher ältere Menschen mochten. Wir führen ein ruhiges Leben, Eugen und ich und alle anderen hier. Wenn in Lerviken die Ampel gelb wird, dann bremsen wir, anstatt aufs Gas zu treten. Sobald Harriet die Landstraße erreicht hat, tritt sie das Gaspedal durch und lässt die Gemeinde hinter sich. Bis zur Polizei in Landskrona wird sie knapp eine Viertelstunde brauchen. Zum Land hin breiten sich Äcker aus, und zwischen den Parzellen schimmern Höfe hinter den Baumgruppen hervor.

Die Felder sind schon abgeerntet, und die Landschaft ähnelt einem Flickenteppich. Harriet biegt auf die Autobahn ein, die an der Küste entlangführt. Das Ufer ist von Fischerdör[1]fern gesäumt. Ålabodarna, Sundvik und Borstahusen. Und natürlich Lerviken, benannt nach dem Tonabbau, der im vorigen Jahrhundert die Ziegeleien versorgte. Alles, was heute von dieser Zeit geblieben ist, sind die tiefen, mit Wasser gefüllten alten Gruben. Das hier ist der schönste Platz auf der Erde, vielleicht im ganzen Universum, denkt Harriet. Sie hat die richtige Entscheidung getroffen. Eine Sekunde lang wendet sie den Blick vom weißen Mittelstreifen der Straße ab und lässt ihn über die grasbewachsenen Hügel schweifen. Sie sieht ein paar braun gefleckte Kühe weiden, und am Horizont, mitten im wogenden Sund, kann man die Windräder und die Konturen der Brücke nach Dänemark erahnen. Der vermehrte Einsatz von Zivilermittlern in Südschweden war ihre Chance gewesen, andere Themen zu bearbeiten als Einbrüche und auf die schiefe Bahn geratene Jugendliche, wie sie es in Stockholm getan hatte. Seit sie zu Eugens Entsetzen ihr Jurastudium abgebrochen und auf Sozialpädagogik umgesattelt hatte, wollte sie beweisen, dass sie etwas schaffen kann. Auch wenn sie nie Professorin werden würde wie ihr Vater, war eine Anstellung als Ermittlerin in Landskrona ein Schritt nach vorn. Sogar etwas, worauf er stolz sein könnte. Und außerdem war es eine Möglichkeit, das kommende Halbjahr in dem kleinen Fischerdorf am Öresund zu verbringen. Ich wäre echt sauer gewesen, wenn du abgelehnt hättest. Dieser Job führt garantiert zu irgendwas, was mich total neidisch machen wird, und außerdem können wir uns öfter treffen, hatte Lisa gesagt.

Harriet lächelt, als sie daran denkt. Lisa liebt Männer in Uniform. Momentan wohnt sie in Malmö, nachdem sie ihre Stockholmer Wohnung verkauft hat und zu einem höchst zweifelhaften Mann gezogen ist, mit dem sie am Mittsommerwochenende ein Marathondate von exakt siebenundsechzig Stunden hatte. Harriet ist weit weniger abenteuerlustig, aber sie fühlt sich trotzdem mutig, auch wenn Lerviken nichts Neues für sie ist. Als Kind hat sie jeden Sommer hier verbracht. In den letzten Jahren war sie nicht mehr so oft hier, was daran lag, dass ihr Bruder Paul das Haus jeden Sommer zehn Wochen lang mit seiner Frau Eva-Lena und ihren drei Söhnen belagerte. Nachdem Harriet wertvolle Urlaubswochen damit verbracht hatte, über Schwimmflügel und Schwimmreifen zu springen, die auf der kleinen Rasenfläche vor dem Haus verstreut lagen, und bei jedem Abendessen vom »Fertig, ab[1]putzen!« der Kinder unterbrochen worden war, um dann hinterher noch als Babysitterin ausgenutzt zu werden, hatte Harriet aufgegeben. Es ist ermüdend, ständig die verrückte Tante zu sein, die keinen Freund und keinen festen Job, da[1]für aber einen schlechten Charakter hat. Aber jetzt bin ich hier, denkt Harriet. Außerdem waren Paul und sie sich einig gewesen, dass jemand eine Zeit lang bei Eugen sein sollte. Wenn der eigene Vater langsam auf die achtzig zugeht, muss jemand ein Auge auf ihn haben, hatte Paul gesagt und durchblicken lassen, dass er Harriet meinte. Er selbst war mit der Familie nach Bali geflogen und hatte dem Vater seinen Hund untergejubelt. So machte Paul das immer: etwas anfangen und dann abhauen. Ich glaube, ein Haustier ist genau das, was Eugen braucht, dann ist er nicht mehr so allein, hatte Paul erklärt, als wäre es aus reiner Fürsorge.

Aber sie weiß, dass es hier gar nicht um Eugen geht. Paul braucht diese Reise, um seine Ehe zu reparieren. Und irgendjemand muss sich ja um den unerzogenen Schäferhund kümmern, für den sie nie Zeit hatten. Sie wechselt die Hand am Lenkrad und schaltet einen Gang herunter. Der Gedanke macht ihr ein schlechtes Gewissen. Ihr Bruder hat ein gutes Herz, aber manchmal scheint es, als seien Eva[1]Lena und die Kinder seine einzige Sorge und Harriets Bedürfnisse unwichtiger, weil sie keine Familie hat. Sie biegt in die Rådhusgatan ein und parkt den Saab vor der Pizzeria gegenüber der Polizeiwache von Landskrona. Die hübschen Häuser aus der Jahrhundertwende, die dunkelroten Ziegel und die Oberleitungsbusse haben für Harriet immer eine fast exotische Anmutung. Sie klappt den Sonnenschutz herunter und betrachtet sich im Spiegel. Ihre braunen Locken sind vom Wind zerzaust, und ihre Nasenspitze leuchtet rot. Sie wünschte, ihr würde ein Gesicht mit mehr Würde entgegenblicken, aber es hilft nichts. Fast neunundzwanzig, und noch immer sitzt der Babyspeck an den Wangen, genau wie an den Schenkeln. Ein »Pling« erklingt, und Harriet fasst nach ihrem Handy. Die Nachricht ist von Lisa. Willkommen im Süden, Harry, viel Glück im neuen Job, ich drück die Daumen, dass die Wache proppenvoll mit Sahne[1]schnitten ist. Lass von dir hören, sobald du kannst. Harriet kichert. In Lisas Vorstellung haben alle Polizisten tätowierte Oberarme, verputzen Hamburger und scheuen sich nicht, ihre Handschellen auch privat zu nutzen. What’s not to love, wie Lisa sagen würde. Sie muss daran denken, sie anzurufen, bevor sie wieder im Funkloch Lerviken verschwindet. Aber erst einmal schickt sie ihr eine Nachricht.

Danke, meinst du, sie behalten die Uniformen sogar beim Unihockey an oder spielen mit nacktem Oberkörper? Sie weiß, dass Lisa über die Nachricht lachen wird. Harriet rückt ihre Jeans zurecht und steigt aus dem Auto. Jetzt geht es los

 

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