Tod im Februar                                                                                                    ***Werbung***          

Detective Harry McCoys erster Tag zurück im Dienst könnte schlimmer nicht sein. Ein Spieler von Celtic Glasgow wird tot im 14. Stock eines im Bau befindlichen Bürogebäudes aufgefunden. Sein Mörder hat eine blutige Nachricht hinterlassen, eingeritzt in die Brust des Opfers. Doch das ist erst der Anfang einer neuen Welle der Gewalt, die Glasgow in diesem Februar 1973 heimsucht. Wird es McCoy gelingen, seinen Kopf über Wasser zu halten?    

Harry McCoy ist kein vorzeige Polizist er trinkt er nimmt Drogen und geduldig ist er auch nicht unbedingt was heißt das er auch mal zuschlägt. Aber er hat Mitgefühl mit denen die die es verdienen und Loyal ist er auch.

 

Man taucht in dem Buch in eine andere Zeit ab nämlich in das Jahr 1973 und das merkt man auch an den Ermittlungen es ist eine andere Ermittlung wie heute die aber in diesem Buch richtig Klasse geschrieben wurde.

Man taucht in dem Buch in eine ganz andere Zeit ab mit den Problemen aus den 70ern mit den Schichten von gut und böse und arm und reich, aber auch die Kirchlichen Probleme von den Katholiken und den Protestanten aber auch Fußball ist natürlich ein Thema im Buch allein schon wegen dem Mordfall.

 

Alles in allem ist es ein Tolles Buch mit viel Hochspannung und auch die Nebengeschichten um Harry sind fesselnd. Beim lesen taucht man in eine andere Zeit mit einem interessanten Mordfall ab.

Dieses Buch ist nun Teil 2 das erste Buch heißt Blutiger Januar ein dritter Fall für Harry McCoy ist auch schon in Arbeit und soll 2020 raus kommen mit dem Titel „Bobby March will live forever“.

 

Leseprobe

Er setzt sich, betrachtet sein Werk. Trägt nur noch Hose und Unterhemd, harte Arbeit ist das. Noch immer stöhnt es, gluckst und hustet, das Blut läuft ihm in den Rachen. Er ist müde, aber bald wird es vorbei sein. Er steht wieder auf, beschimpft es noch einmal als Arschloch, bespuckt es. Sagt ihm, warum es hier ist, obwohl es das eigentlich weiß. Sagt es ihm trotzdem immer wieder. Keine Reaktion. Er holt aus, tritt es seitlich gegen den Kopf. Der Mond kommt hinter den Wolken hervor, taucht die Szene in kaltes, herzloses Licht. Er nimmt die neue Polaroidkamera aus der Sporttasche. Steckt einen Blitzwürfel auf und richtet sie aus. Ein vertrautes Klicken, beim Drücken des Auslösers, die kleine Birne zischt, die Kamera brummt, dann wird das Foto hinten herausgeschoben. Er klemmt es sich unter den Arm. Geht dichter ran, macht noch eins, dieses Mal aus der Nähe, klemmt sich auch das unter den Arm und wartet zwei Minuten, genau wie’s in der Anleitung auf der Verpackung steht. Er zieht die Rückseite ab, ein gespenstisches Bild bleibt seitenverkehrt auf dem Papier zurück. Der Wind reißt es ihm aus den Fingern. Schöne Überraschung für denjenigen, der’s findet. Die Bilder sind noch feucht. Er fasst sie an den Ecken, legt sie auf den Boden, gestattet sich nicht, sie lange zu betrachten. Das hebt er sich für später auf. Das Glucksen hat jetzt aufgehört, seinem Mund entweicht kein dunstiger Atem mehr. Tot. Er zieht das Rasiermesser mit dem Elfenbeingriff aus der Tasche und tritt näher heran. Er ist brav gewesen, hat es nicht getan, solange es noch gelebt hat. Jetzt grinst er. Nicht dass er’s bei anderer Gelegenheit nicht trotzdem gemacht hätte, vielleicht wird er ja soft im Alter. Er sagt ihren Namen, beteuert, es geschehe nur zu ihrem Besten. Wünschte, sie wäre hier und könnte zusehen, dann wüsste sie genau, was er getan hat. Er hebt den Arm und lässt das Rasiermesser herunterfahren. Dunkelrotes Blut spritzt in hohem Bogen an seiner Schulter vorbei und klatscht in die Pfützen.

 

10. Februar 1973

 

McCoy musste kurz stehen bleiben, es ging nicht anders. Er stützte die Hände auf die Knie, beugte sich vor, versuchte wieder zu Atem zu kommen, spürte dabei, wie ihm Schweiß über den Rücken lief und sein Hemd unter dem Pulli und dem Mantel an ihm klebte. Er blickte zu dem Uniformierten hinauf. Einer von Murrays Rugby-Jungs. Breit wie ein Schrank und garantiert dumm wie Scheiße. Genau wie die anderen. »Welches Stockwerk ist das jetzt?«, fragte er. Das große Arschloch atmete nicht mal schneller, stand bloß da und sah ihn an, Regentropfen glänzten auf seiner Uniform. »Das zehnte, Sir. Noch vier.« »Verdammte Scheiße. Das ist ein Witz, oder? Ich bin jetzt schon halb tot.« Sie stiegen über eine provisorische Treppe nach oben. Zwischen den Gerüststangen waren Seile als Handläufe gespannt, die Treppe selbst bestand aus rohen Betonplatten, die auf das erst halb fertige Bürogebäude hinaufführten. »Bereit, Sir?« McCoy nickte widerstrebend, dann ging es weiter. Vielleicht hätte er sich besser geschlagen, hätte er nicht gerade zwei Dosen Pale Ale getrunken und einen halben Joint geraucht, als der Große ihn holen kam.

Susan und er hatten gelacht und durchgeknallt getanzt, im Radio liefen die Rolling Stones, da hatte es an der Tür geklopft. Hinter der Milchglasscheibe ein großer Schatten in Uniform. Riesenpanik. Susan riss die Fenster auf und wedelte den Dopegestank mit einem Geschirrhandtuch nach draußen, während McCoy den Kollegen an der Tür möglichst lange in ein Gespräch verwickelte. Zum Glück hatten sie sich die Pille, die er in seiner Brieftasche gefunden hatte, dann doch nicht geteilt. Sie stiegen noch ein paar Stockwerke höher, bogen um eine Ecke, und endlich sah McCoy den Nachthimmel über sich. Er war grau und schwer, hin und wieder tauchte der Mond zwischen den Wolken und dem Regen auf. McCoy blieb kurz stehen, betrachtete die Aussicht und verschnaufte. Unter ihm lag Glasgow, schmutzige schwarze Gebäude, nasse Straßen. Er ging an den Rand und schaute in die Ferne, wollte nicht zu nah heran, hier oben gab’s keine Wände, nur wieder Seile als Absperrung. Er rechnete sich aus, dass er Richtung Westen blickte, die Kuppel der Mitchell Library war direkt vor ihm, der Universitätsturm befand sich weiter entfernt dahinter. Unter ihnen durchtrennte die gerade im Bau befindliche neue Autobahn das, was von Charing Cross übrig war – ein breiter Strom aus braunem Schlamm mit Betonpfeilern. Er hörte Schritte hinter sich und drehte sich um. Chief Inspector Murray streckte ihm die Hand entgegen. »Tut mir leid, ein Tag zu früh, aber Thomson ist bis Montag weg. Ich brauche jemanden, der ab sofort hier mitarbeitet.« Aus irgendeinem Grund trug Murray einen Smoking unter seinem gewohnten Schaffellmantel. Mit allem Drum und Dran: Fliege, Kummerbund, Seidenstreifen an der Hose.

Verdorben wurde seine adrette Erscheinung nur durch die schwarzen Gummistiefel, in die er die Hosenbeine gestopft hatte. »Dinner beim Lord Provost«, sagte Murray, der McCoys Blick gesehen hatte. »Im North British Hotel. Ein ungenießbarer Fraß war das. Hab mich selten in meinem Leben so gefreut, zu einem Mordfall abkommandiert zu werden.« »Will er dich immer noch überreden, den Job bei Central Scotland zu übernehmen?«, fragte McCoy. »Er will, aber er beißt auf Granit. Egal, zu wie vielen schicken Abendessen er mich einlädt.« Er nahm die unangezündete Pfeife aus dem Mund, zeigte in die Dunkelheit. »Folge mir, braver Pilger, denn ich irre nicht.« Ein Pfad aus feuchten platt getretenen Pappkartons führte zum hintersten Winkel auf dem Dach. Ungefähr zehn Leute waren bereits dort, Streifenpolizisten standen daneben, zwei Gerichtsmediziner trugen das Zelt, und sogar Wee Andy, der Fotograf, der in seinem Dufflecoat und dem großen Wollschal beinahe verschwand, war schon erschienen. McCoy hörte die Sirenen in der Ferne; sah zwei Rettungswagen den Fluss zu ihrer Seite hin überqueren, das Blaulicht kreiste. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis die Jungs von der Presse hier eintrafen. War so schon schwer genug, einen ganz gewöhnlichen Mord unter Verschluss zu halten, von einem wie diesem mal ganz zu schweigen. Eine Leiche oben auf dem Dach eines Rohbaus, nur wenige Gehminuten von der Redaktion des Record entfernt? Keine Chance. »Schöne Aussicht hat man von hier oben«, sagte Murray und zeigte auf die Stadt. »Ich kann die Kathedrale sehen. Wenn’s nicht so schütten würde, könnte man sogar den People’s Palace erkennen.« »Toll«, sagte McCoy. »Dann hat sich der Aufstieg über vierzehn Stockwerke ja voll gelohnt.«

Murray schüttelte den Kopf. »Und ich dachte, die kleine Auszeit hätte dich verändert, aber nein, du bist derselbe ewig maulende Drecksack geblieben. Wie war’s überhaupt? Bist du zu den Terminen gegangen?« Allerdings. Drei zweistündige Sitzungen in einem zugigen Hinterzimmer in der Pitt Street. Eine Frage nach der anderen. Was haben Sie empfunden, als Sie ihn vom Dach stießen? Was dachten Sie beim Anblick des Toten? Was haben Sie in Ihrem tiefsten Inneren gespürt? Haben Sie sich schuldig gefühlt? Tatsächlich hatte er vor allem das überwältigende Bedürfnis verspürt, sich über den Tisch zu beugen und dem Arschloch die Fresse zu polieren. Aber er wusste, wenn er’s tat, würde er niemals wieder zum Dienst zugelassen werden, also blieb er sitzen, sagte möglichst wenig und schaute auf die Uhr. Erst als er nach Hause kam, dachte er an die letzten Worte, die der Therapeut zu ihm gesagt hatte. Sind Sie noch glücklich in Ihrem Beruf als Polizist? Ist es das, was Sie wirklich wollen? McCoy nickte. »Ich war bei allen drei vorgeschriebenen Terminen. Und hab meine Wiederzulassung bekommen. Bin dem Dienst psychisch gewachsen, ganz offiziell.« Murray brummte. »Wie viel hast du dafür bezahlt?« »Und bei euch? Hab ich was verpasst?«, fragte McCoy. »Was gibt’s Neues bei …« »Da ist ja unser Junge!« Sie drehten sich um. Wattie kam auf sie zu. Mit seinem Anorak, seiner Bommelmütze und Fäustlingen aus Aranwolle ähnelte er eher einem freudig aufgeregten Kleinkind als einem angehenden Detective.

Er zog einen Handschuh aus und pumpte McCoys Hand rauf und runter. »Dachte, du bist erst ab morgen wieder im Dienst?« »Falsch gedacht. Konnte mich nicht länger drücken. Jedenfalls nicht, wenn so ein großer Wichser vor der Tür steht und sagt, dass Murray mich sofort braucht.« Wattie grinste. »Hast du mich vermisst? O Mann, weil ich dich nämlich vermi…« »Watson!« Murray hatte genug. »Sorg dafür, dass der Tatort gesichert wird, und zwar sofort! Und hör auf, dich wie ein verfluchter Schuljunge aufzuführen!« Wattie salutierte und ging durch den Regen zurück zu den Scheinwerfern, die in der hintersten Ecke auf dem Dach aufgestellt worden waren. »Wie hat er sich gemacht?«, fragte McCoy und versuchte seinen obersten Mantelknopf zu schließen, was mit seinen tauben Fingern gar nicht so einfach war. Murray schüttelte den Kopf. »Schlau genug ist er, aber er hält das alles für ein verdammtes Spiel. Du musst ihm endlich mal ein bisschen Vernunft beibringen.« »Und was ist hier los?«, fragte McCoy, sah sich um. »Wieso frieren wir uns hier auf dem Dach die Eier ab?« »Wirst du früh genug sehen. Komm mit«, sagte Murray. McCoy folgte ihm über den Pappepfad auf die andere Seite des Daches. Immer drei Schritte hinter Murray, wie früher. Als wäre er nie weg gewesen. Die Pappe löste sich im Regen und unter den Fußstapfen der vielen Leute hier oben bereits auf. Zwei Uniformierte drängten sich in der Ecke, bekamen zwei große Regenschirme über die Köpfe gehalten, auch wenn diese das Wasser kaum abhielten. Beide machten sich an den großen Batterien zu schaffen, wollten sie anschließen.

»Verfluchtes Scheißding«, sagte einer, dann entdeckte er Murray. »Verzeihung, Sir, geben Sie uns noch eine Minute.« Er brummte, und schließlich gelang es ihm, ein Kabel anzuschließen. »Jetzt müsste es gehen«, sagte er und steckte sich die Finger in den Mund, um ihnen erneut Gefühl einzuhauchen. »Na gut«, sagte Murray. »Worauf wartest du?« Der Streifenpolizist nickte und legte den Schalter um. Grelles weißes Licht reflektierte auf dem nassen Dach. McCoy hielt sich den Arm vors Gesicht, spähte durch halb geschlossene Augen. Den Anblick von Blut, egal wessen und wie viel, hatte er noch nie gut vertragen, von solchen Mengen mal ganz zu schweigen. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Ihm verschwamm die Sicht an den Rändern seines Blickfelds, und ihm wurde schwindlig. Er schloss die Augen, atmete tief durch, zählte von zehn herunter. Dann öffnete er sie wieder, sah überall Rot und wandte den Kopf schnellstmöglich ab. »Herrgott, du hättest mich auch vorwarnen können, Murray.« »Hätte ich, hab ich aber nicht«, sagte Murray. »Du musst es überwinden. Hab ich dir tausendmal gesagt, verdammte Scheiße.« Er schaute rüber zu der hell erleuchteten Ecke des Daches und verzog das Gesicht. »Wobei das hier allerdings ganz schön bestialisch ist.« Und das war es wirklich. Überall Blut. Es war bis an die halb fertigen Mauern gespritzt, tropfte von einer flatternden Plane. Teilweise war es bereits angefroren, die roten Eiskristalle glitzerten im Licht der großen Scheinwerfer. Das meiste aber war klebrig und feucht, verströmte den vertrauten Geruch nach Kupfer-Pennys und Schlachtereien. McCoy zog sich den Schal vor den Mund, redete sich ein, dass er’s schon schaffen würde, und versuchte sich zu konzentrieren.

Es ließ sich nicht vermeiden. Um näher an die Leiche zu gelangen, musste er in die große Blutlache treten. Auch dort war Pappe ausgelegt, aber sie war bereits mit Blut vollgesogen und brachte nicht viel. Vorsichtig setzte er seinen Fuß auf, spürte das gerinnende Blut schwer an seiner Schuhsohle. Eine Plane peitschte laut im Wind, und er schreckte zusammen. Sein Herzschlag normalisierte sich wieder, als er sah, wie sie sich löste und in die Dunkelheit davonflatterte. Er holte ein paarmal tief Luft und trat nun fest auf, zog seinen Mantel hoch über die Knie und ging in die Hocke. Ignorierte möglichst Kälte und Regen, die unfassbaren Massen an Blut, und konzentrierte sich auf das, was er vor sich sah. Ein junger Mann um die zwanzig. Er saß an aufgestapelte Gerüststangen gelehnt, die Beine vor sich ausgestreckt, die Arme hingen seitlich herunter. Am Ende seines linken Beins befand sich eine Masse aus Blut und Knochen, der Fuß hing gerade so noch daran. Was auch immer er angehabt hatte, es war verschwunden. Jetzt trug er nur noch eine Unterhose, die bleiche Haut seiner Beine und seines Oberkörpers wirkte bläulich im grellen Licht. In seine Brust waren die Worte »BYE BYE« geritzt, das Blut war ihm über den Torso gelaufen. McCoy zählte erneut von zehn herunter, so wie der Arzt es ihm geraten hatte, und schaute dem Mann ins Gesicht. Trotz allem lag sein Haar noch ordentlich an der Seite gescheitelt, Regentropfen glänzten darauf. Wenige Zentimeter tiefer allerdings fehlte ein Auge, aus der leeren Höhle hing eine Ader heraus, getrocknetes Blut klebte an seiner Wange. Die Kinnlade hing herunter, sah aus wie gebrochen. Irgendwas steckte in seinem Mund. McCoy wusste, was es war, noch bevor er es genauer betrachtete, was er aber trotzdem tat. Und er hatte sich nicht getäuscht.

Er richtete sich auf, rannte los, wäre beinahe ausgerutscht, schaffte es gerade noch zur Dachkante, bevor er kotzen musste. Als er fertig war, spuckte er noch einmal aus, versuchte den Geschmack von Magensäure und abgestandenem Bier aus dem Mund zu bekommen, schaute seiner Spucke hinterher. Murray tippte ihm auf die Schulter und reichte ihm einen Flachmann. Er nahm einen Mund voll, spülte den scharfen Whisky von einer Backe in die andere und schluckte. Murray schüttelte den Kopf, sah ihn an, als wäre er ein junger Streifenpolizist an seinem ersten Tag. McCoy gab ihm den Flachmann zurück, Murray schaute ihn immer noch missbilligend an. »Hör bloß auf, Murray. Dir macht so was Spaß, oder? Die beschissenen Riesenscheinwerfer einschalten, genau wenn ich auftauche? Verdammt noch mal, die haben ihm seinen eigenen Schwanz ins Maul gestopft.« »Stimmt genau, McCoy. Der Tatort wurde so inszeniert, dass du einen Scheißschrecken kriegst.« McCoy nickte zu der Leiche rüber. »Wie haben wir davon erfahren?« »Anonymer Anruf in der Zentrale«, sagte Murray. »Der Täter?« Murray nickte. »Wer sonst? Weiß doch sonst kein Schwein, dass er hier oben ist.« »Sir?« Sie drehten sich um. Wattie stand mit einer transparenten Asservatentüte in der Hand vor ihnen. »Das hat einer der Kollegen hier gefunden.« Er reichte Murray die Tüte. Murray zog seine Taschenlampe heraus, schaltete sie ein  und leuchtete hinein. Zwei benutzte Blitzwürfel, die Birnen verschmort, außerdem die Rückseiten zweier Polaroidfotos, das dünne Stück Pappe, das übrig blieb, wenn man die Bilder abzog.

Er drehte die Tüte um, und sie sahen ein Gespensterbild darauf. Die spiegelverkehrte Ansicht eines zerstörten, toten Gesichts. »O Gott«, sagte McCoy. »Bilder für später. Reizend. Könnten da Fingerabdrücke drauf sein?« Murray nickte. »Wie meinst du das, für später?«, fragte Wattie. McCoy machte eine Wichsbewegung. Wattie ächzte. »Mr. McCoy … schön, dass Sie wieder da sind.« Er drehte sich um und sah Phyllis Gilroy, die Gerichtsmedizinerin. Unter ihrer Regenhaube schien sie eine Art Diadem zu tragen, dazu Perlen am Hals, und unter ihrer schwarzen Regenjacke lugte der Saum eines rosa Chiffonkleids hervor. »North British Hotel?«, fragte McCoy. Sie nickte. »Mrs. Murray war verhindert, deshalb war Hector so nett, mich als seine Begleitung mitzunehmen. Leider konnten wir nicht lange bleiben. Mussten vor der Darbietung schon weg. Moira Anderson. Schade, sie hat eine ganz hervorragende Stimme, finde ich.« »Sie haben sich ja mächtig …«, McCoy suchte nach Worten, »… aufgedonnert.« »Ich will das mal als Kompliment verstehen«, sagte sie, »oder so was in der Art.« »Haben Sie ihn sich angesehen?«, fragte Murray. »Allerdings.« »Und?« »Vorläufig?«, fragte sie. Wie immer. Murray seufzte. Wie immer. »Vorläufig.« »Pistolenschuss von vorne in den Kopf, genauer gesagt, das linke Auge. Wie Sie gesehen haben, wurde dadurch mehr oder weniger der gesamte Hinterkopf abgesprengt.

Es gibt eine weitere Schussverletzung am linken Fußknöchel, scheinbar post mortem zugefügt. Abgesehen davon wurde er geschlagen und getreten, er weist Kratz-, Schürf- und Platzwunden auf. Und natürlich noch der amputierte …« Sie zögerte kurz. »… Penis«, fuhr sie fort. »Die Worte auf seiner Brust scheinen ebenfalls post mortem eingeritzt worden zu sein, aber das werde ich noch einmal überprüfen.« »Warum trägt er keine Kleidung?«, fragte McCoy. »Das, Mr. McCoy, ist eine Frage, die besser Sie beantworten, nicht ich. Müsste ich allerdings eine Vermutung anstellen, würde ich sagen, weil der Täter wollte, dass das ›BYE BYE‹ auf der Brust gesehen wird, und zwar zuallererst. Wie gesagt, ist nur eine Vermutung. Wenn Hector uns grünes Licht gibt, hole ich die Jungs vom Rettungsdienst, damit sie ihn einpacken, ja?« Murray nickte, und sie ging über das Dach davon, machte den Rettungssanitätern Zeichen, dass sie loslegen konnten. McCoy sah ihr hinterher, schaute Murray an und grinste. »Aha, Hector also? Wusste gar nicht, dass du und die hochgeschätzte Madame Gilroy so eng befreundet seid.« »Meine Geheimwaffe. Sie ist perfekt, um mir die ganzen hohen Tiere vom Hals zu halten. Sie ist klüger, reicher und vornehmer als die alle zusammen. Ich verstecke mich einfach hinter ihr und lächle. Dann machen die keinen Druck mehr wegen Central Scotland.« McCoy blies sich in die Hände. Er fror, der strömende Regen hatte ihn mehr oder weniger durchweicht. Der eisige Wind, der oben auf dem Gebäude wehte, machte es kaum besser. »Wissen wir, wer er ist? Ein Nachtwächter oder so?«

Murray hielt ein transparentes Tütchen mit einer blutigen Brieftasche hoch. »Weiß nicht, aber das lag neben der Leiche. Wer auch immer es getan hat, wollte, dass der Mann schnell identifiziert wird.« McCoy nahm ihm das Tütchen ab und fischte die Brieftasche heraus, versuchte möglichst, kein Blut an die Finger zu bekommen. Er klappte sie auf, entzifferte den Namen auf dem Führerschein. »Auf keinen Fall«, sagte er. »Das gibt’s doch nicht.« Er suchte weiter in der Brieftasche, fand einen zusammengefalteten Zeitungsartikel. Faltete ihn auseinander. Las, was dort stand. Konnte es nicht fassen. »O Gott, das ist er. Er ist es.« Er hielt den Artikel hoch. Murray schaute drauf, aber seine Augen waren zu schlecht, um ihn im Dunkeln lesen zu können. Er nahm seine Taschenlampe. Leuchtete auf die Überschrift.

                                          TRAUMSTART FÜR CELTIC-NEUZUGANG

 

 

 

                                         

 

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