Die perfekte Lüge

 

Thriller von Michelle Sacks

Erscheinungstermin: 08. April 2019

384 Seiten, 11,8 x 18,7 cm, 1 s/w Abbildung

Davon haben sie immer geträumt: Ein Haus in den Wäldern, Blaubeerkuchen und Gartenarbeit - das gute, das einfache Leben. Als Merry und Sam mit dem kleinen Conor aufs schwedische Land ziehen, können sie kaum glauben, wie glücklich sie sind. Doch dann kommt Merrys älteste Freundin Frank zu Besuch und das Glück zeigt erste Risse. Frank weiß Dinge über Merry, die sonst niemand weiß. Sie baut sofort eine Bindung auf zu dem kleinen Conor, versteht sich prächtig mit John. Und ganz allmählich fühlt sich Merry aus dem eigenen Leben verdrängt...

Biografie

 

MICHELLE SACKS, geboren in Südafrika, hat Film und Literatur in Kapstadt studiert. Mit ihren Erzählungen war sie für den südafrikanischen PEN Literary Award und für den Commonwealth Short Story Prize nominiert. "Die perfekte Lüge" ist ihr Debütroman. Michelle Sacks lebt in der Schweiz.

 

Sei vorsichtig, wenn du in den dunklen Wäldern Schwedens unterwegs bist, denn dort leben viele dunkle, dunkle Kreaturen. Hexen und Werwölfe und böse, böse Trolle. Hüte dich vor den Trollen! Denn sie haben die Angewohnheit, Menschenkinder zu stehlen und bei sich zu behalten. Oh, hüte dich bloß vor den Trollen, denn du wirst sie niemals kommen sehen. Sie sind Meister der Verstellung.

Åsa Lindqvist, Den Hämnd Troll

 

 

Eine Geschichte wo man gar nicht mehr weiß wem man trauen und auch glauben kann. Was das lesen richtig Spannend macht, durch die Wendungen in der Geschichte ist es ein immer echt nicht durchschaubar was ich total toll finde den es hält die Spannung aufrecht.

 

Die Hauptpersonen werden gut beschrieben und man bekommt auch von jeder Person einen Einblick in die Vergangenheit, was aber nicht unbedingt heißt das man das Handeln versteht. Jeder von diesen drei Hauptpersonen hat so seine Geschichte und ich muss sagen es sind schon heftige Abgründe die sich bei einigen Charakteren auftun.

 

Auch muss ich sagen ich möchte keinen von den dreien im realen Leben kennenlernen, der einzige der mir in der Story leid tat war der kleine Conor.

Auch das Ende ist nicht so typisch ich würde sagen es passt zwar zu der Geschichte es ist aber nicht so wie in anderen Storys das immer alles Gut wird. Aber das finde ich auch gut den es muss ja nicht immer ein Happy End geben. Im Realen Leben gibt es auch nicht immer ein Happy End.

 

Ich fand das Buch echt Spannend zu lesen und es war auch fesselnd und es ist mal eine andere Art von Thriller den ich nur empfehlen kann.

 

 

Leseprobe

Merry Ihr würdet uns wahrscheinlich hassen. Wir sehen aus wie eine Familie aus der Versicherungswerbung: glücklich und zufrieden. Eine perfekte kleine Familie, die ein perfektes kleines Leben lebt. War das nicht wieder ein perfekter Tag?, sagen wir am Abend immer. Ein Tag wie ein Versprechen. Wie eine Bestätigung. Ein Abwehrzauber gegen alle Tage, die anders sind als unsere. Die meisten Tage hier in Schweden sind perfekt, fast alle, mehr, als ich zählen kann. Es ist so schön hier, besonders jetzt, mitten im Sommer, wenn das Licht tanzt und die Sonne milde scheint. Das kleine rote Holzhaus, in dem wir leben, sieht aus wie aus dem Bilderbuch – wie es sich gemütlich in den Wald schmiegt, mit all den Bäumen rundum und dem kleinen Garten, in dem alles grünt und blüht. Leben im Überfluss – die Gemüsebeete mit ihren vielen Blättern, die Sträucher prallvoll mit sommerreifen Beeren, von Bienen umschwirrt. Es ist hell bis zehn Uhr abends, der See ein blasser, ruhiger Spiegel, das zarteste Blau, das auf der Farbpalette zu finden ist. Und diese Stille – überall nur Vogelgezwitscher und das Rascheln der Blätter in den Bäumen.

In unserem Leben hier gibt es keinen Straßenverkehr, keine Umweltverschmutzung, keine Nachbarn, die in der Wohnung über uns zu laute Musik hören, keine Nachbarn, die unter uns ihr Elend hinausschreien, keinen Abfall auf den Straßen, keinen stinkenden Müll wie in Manhattan, keine schwitzenden Pendler in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, keine Menschenmassen, keine Touristen, keine Ratten oder Kakerlaken, die einem tagtäglich begegnen, keine Triebverbrecher oder Straßenprediger. Nichts von alldem, nur dieses unfassbar schöne Leben der Leichtigkeit und Träume. Sam und das Baby und ich, auf unserer kleinen Insel, die nur uns dreien gehört. Wie fast jeden Morgen legte ich das Baby schlafen und ging in die Küche, um zu backen. Diesmal einen Blaubeerkuchen aus den Beeren, die wir am vergangenen Wochenende im Wald gepflückt haben. Ich knetete den Teig, rollte ihn aus, stach mit der Gabel kleine Löcher hinein und schob ihn kurz in den Ofen, um ihn schön knusprig zu backen. Die Sonne strömte durch die großen, offenen Fenster herein, breite Lichtstrahlen, die schräg über die Holzböden unseres hübschen kleinen Hauses fielen. Ich ließ die reifen Beeren zusammen mit etwas Ahornsirup und einer Zimtstange in einem Topf schmurgeln, ganz behutsam, damit sie ihren ganzen Saft abgaben und nicht anbrannten. Sam roch in seinem Studio die Butter, den Zucker und die Süße der Früchte und kam in die Küche, um nachzusehen, was ich machte. Er sah mich an und grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Siehst du«, sagte er, »ich hab’s dir doch immer gesagt. Du bist wie gemacht für dieses Leben.« Der Kuchen war gut; wir aßen ihn noch warm mit einem großen Becher Kaffee dazu, draußen in der Nachmittagssonne im Garten.

Ich gab dem Kleinen einen Löffel von der Füllung zum Probieren, und als sie ihm aus dem Mund quoll, sah er aus wie ein kleiner Büroangestellter, der an seinem blauen Kugelschreiber gekaut hatte. Sam lachte und strich die Reste vorsichtig mit dem Löffel wieder ab. »Ist er nicht zum Schreien?«, sagte er, hob ihn hoch und knuddelte ihn, bis der Kleine vor Vergnügen lachte und quietschte und blaubeerblau zu sabbern begann. Ich sah den beiden zu. Meine Jungs. Vater und Sohn. Ich lächelte und spürte die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Am Ende des Feldweges, der die Häuser in dem Reservat miteinander verbindet, hat einer der Nachbarn eine ganze Koppel voller preisverdächtiger Rennpferde, die gerade gefohlt haben. Die Jungtiere staksen auf spindeldürren, noch unsicheren Beinen herum, und die Mütter stupsen sie mit weichen Mäulern an, um ihren Nachkommen sanft den Weg in die Welt hinauszuweisen. Es sind gute Mütter. Geduldig folgen sie ihrem Instinkt. Und sie lieben ihre Kinder über alles, so wie die Natur es von ihnen verlangt. Sam und ich gingen zusammen mit dem Baby hinüber, um uns die Pferde auf der Koppel anzuschauen. »Pferd«, sagte Sam, zeigte auf die Tiere und wieherte, und das Baby gluckste. Ich streckte die Hand nach einer kastanienbraunen Stute aus, die sich dem Zaun genähert hatte, spürte das bebende Leben und die zuckenden Muskeln unter meinen Fingern. Sie war schön. Stark und selbstbewusst. Ihre schwarzen Augen blickten stolz. »Vorsicht«, warnte Sam. »Junge Mütter können gefährlich sein.« Wir verließen die Weide und gingen langsam zum Haus zurück. Unser Zuhause seit nunmehr fast einem Jahr. Es liegt etwa fünfundvierzig Minuten außerhalb von Stockholm in einem Naturreservat ganz in der Nähe von Sigtuna, der ältesten Stadt Schwedens.

Das Reservat befindet sich auf einem ziemlich großen Stück Land und besteht hauptsächlich aus Feldern und Wald, die rund um einen See liegen. Ab und zu steht ein Haus inmitten der Kiefern. Viele der Häuser gehören seit Generationen einer einzigen Familie; es sind die stets gleichen roten Holzhütten, die im Laufe der Jahre, wenn nötig, ausgebaut oder renoviert worden sind. Sie alle bezeugen das Kommen und Gehen ihrer Bewohner, der Neugeborenen, der kürzlich Verstorbenen. Sam hat das Haus von Ida geerbt, der zweiten Frau seines Großvaters, die hier geboren wurde und aufwuchs. Sie hatte keine eigenen Kinder, aber Sam war ihr ganz besonderer Liebling, der immer genau wusste, wie er sie um den Finger wickeln konnte, ob er nun ihren Rosengarten lobte, ihre Spekulatiuskekse oder den weichen schwedischen Akzent, der ihren Worten einen besonderen Singsang verlieh. Als sie vor einigen Jahren starb, erfuhr Sam, dass sie ihm das Haus vermacht hatte, unter der Bedingung, dass es niemals verkauft werden dürfe, sondern höchstens vererbt. Bis voriges Jahr waren wir nie hier, hatten nicht einmal einen Gedanken an dieses Haus oder das Land verschwendet. Genauer gesagt war unser einziger Bezugspunkt zu Schweden eines dieser kleinen roten Dalapferde gewesen, das uns Ida einmal bei einem Besuch mitgebracht hatte. Es stand auf dem Gewürzregal in unserer Wohnung in Brooklyn, gleich neben der Pfeffermühle und einer immer noch ungeöffneten Dose mit Safranfäden, die ich auf einem Nachtmarkt in Marrakesch günstig erstanden hatte.

Natürlich war es Sams Idee, hierherzuziehen. Die guten Ideen sind immer seine, scherzt er gern. Er sagte, es werde sein wie im Märchen. Und dass wir glücklicher sein würden denn je. Und er hatte recht. Das hat er immer. Er zeigt uns, wo’s langgeht, ist der Kompass, der mich aus dem Sturm rettet. Wie glücklich ich mich schätzen muss, ihn zu haben. Am späteren Nachmittag machten wir drei einen langen Spaziergang im Wald, das Baby saß in der Trage, eng an Sams Rücken geschmiegt. Während der Wanderung benannten wir all die Bäume und Vögel, deren Namen wir in diesem vergangenen Jahr gelernt hatten – hier eine Fichte, dort ein Nest mit Finken, da hinten fraxinus excelsior, die gemeine Esche. Das Spiel mit den Namen ist unser neuestes Hobby, eines der Dinge, mit denen wir uns hier beschäftigt halten. Manchmal müssen wir über uns selbst lachen, wenn wir daran zurückdenken, was für Menschen wir früher einmal gewesen sind. In der kleinen Stadt Sigtuna machten wir Pause und aßen in dem Café am Pier in Roggenbröseln gebratene Heringe mit Kartoffelsalat, lauschten dem Geschrei der Möwen und dem Klatschen der Wellen an die Mole, was zusammen mit dem leisen Geplauder der Schweden in ihren Sonntagsgewändern eine berauschende Mischung ergab. Die Kellnerin kitzelte das Baby an der Wange und nahm in makellosem Englisch unsere Bestellung auf. Tack, sagten wir. Tack. Wieder daheim, bekam der Kleine sein tägliches Bad, dann wiegte ich ihn auf meinen Armen in den Schlaf. Ich pustete ihm in den Nacken und strich sanft mit der Hand über sein flaumiges goldenes Haar, das allmählich dicker wird.

Ich legte ihm eine Hand auf die Brust, spürte seinen Herzschlag, so regelmäßig, dass es mir wie ein Wunder vorkam, tadamm, tadamm, das Echo des Lebens. Müde von dem Spaziergang und der frischen Luft schlüpften Sam und ich unter die kühlen Bettlaken, noch bevor es draußen dunkel war. Ich schmiegte mich in die Arme meines Mannes und nahm das alles in mich auf – sein gut aussehendes Gesicht, die dunklen Augen, das kantige Kinn und diese Brust, so hart, als trüge er eine Rüstung. Ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht, der das Gewicht einer anderen Person mittragen kann, und der das auch tut. Ich stieß einen zufriedenen Seufzer aus. »War das nicht wieder ein perfekter Tag?«, fragte ich. Sam küsste mich auf die Stirn und schloss die Augen. Ich zog meinen Arm weg und wollte mich auf den Bauch drehen. »Nein«, sagte er. »Bleib.« Ja, es ist wirklich so, wie Sam gesagt hat. Ein Leben in den Wäldern, wie im Märchen………………..

 

 

 

 

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