Die Vergessenen
 
 
 
Ellen SANDBERG ist das Pseudonym einer erfolgreichen
Münchner Autorin. Sie arbeitete zunächst in der
Werbebranche, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete.
Ihr erster Roman Die Vergessenen sprang auf Platz 2
der Bestsellerliste und begeisterte Leser und die Presse.
Parallel zur Taschenbuchausgabe von Die Vergessenen
erscheint Der Verrat, Ellen Sandbergs zweiter groß
angelegter Spannungs- und Familienroman.
 
(Der Verrat ist auch in meiner Büchervorstellung klickt mal rein)
 
 
1944. Kathrin Mändler tritt eine Stelle als Krankenschwester an und meint, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Als die junge Frau kurz darauf dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, fühlt sie sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
 
2013. In München lebt ein Mann für besondere Aufträge, Manolis Lefteris. Als er geheimnisvolle Akten aufspüren soll, die sich im Besitz einer alten Dame befinden, hält er das für reine Routine. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat ...
 
 
Vorweg gibt es jetzt erstmal die Pressestimmen.
 
»Eine gelungene Verstrickung historischer Wahrheiten mit einem fiktiven Kriminalfall. Ein Buch, das Geschichte auf geradezu erschreckend spannende Weise lebendig werden lässt. Ein absolutes Muss.«
 
(WDR5 »Büchercheck«)
 
»Dieser super recherchierte München-Krimi erzählt leise und eindringlich von Recht und Gerechtigkeit. Packend, feinfühlig und sehr engagiert geschrieben.« (Für Sie)
 
»Mit ihrem fesselnden Roman schafft es Sandberg, dem Vergessen entgegen zu wirken. 500 Seiten die berühren, überraschen und aufwühlen.« (Bayern 2 »kulturWelt«)
 
»Bedrückende Suche nach Gerechtigkeit« (Münchner Merkur)
 
»Ellen Sandberg hat einen berührend anderen Roman geschrieben: historische Fakten aus dem Dritten Reich spannend verknüpft mit einer aktuellen fiktiven Kriminalgeschichte.« (Meike Dannenberg in BÜCHER Magazin)
 
»Nervenkitzel« (Alles für die Frau)
 
 
 
Das Buch spielt in zwei Zeitebenen einmal 2013 in München und einmal im Jahre 1944 in Winkelberg.
 
 
Die Hauptperson ist Manolis er ist halb Grieche und Sohn einer Hippimutter. Er ist in dem Buch schon Anfang 40 und nach außen hin ist er ein seriöser Autohaus Betreiber aber auf der anderen Seite ist er ein Problemlöser und wen es sein muss auch ein Auftragskiller.
 
Die Story fängt an in dem Manolis einen neuen Auftrag erhält wo er denkt das wird ein leichter Fall sein einfach nur eine Beschattung.
Aber es kommt anders den dieser Fall wird ihn doch mehr beanspruchen als er denkt.
 
Die Gegenspielerin ist die Journalistin Vera die näher an ihrer Tante Kathrin  ist als an ihrer Mutter.
Als Kathrin  nun einen Schlaganfall erleidet kümmert sich Vera um alle wichtigen Angelegenheiten auch um die Pflege ihrer Tante.
Als sie noch Unterlagen aus der Wohnung von Kathrin holen will entdeckt sie einen Einbruch aber auch entdeckt sie ein altes Foto ihrer Tante.
 
Sie kann es kaum glauben aber auf dem Bild ist ihre Tante Kathrin in einer Schwesternuniform und im Hintergrund ist das Hakenkreuz.
 
 
Im Jahr 1944 war Kathrin sehr naiv und hatte noch nicht den durchblick,aber nach und nach begreift sie das Geschehen um sie herum,was wirklich in der Anstalt passiert.
 
Kathrin steckt in einer Zwickmühle was sie machen soll und wie sie Handeln soll den sie könnte auch den Tot im KZ finden.
 
 
70 Jahre nun Später treffen sich Vera und Manolis unabhängig von einander,aufeinander und decken ein unglaubliches Verbrechen auf.
 
Den die Person die Infos über Maolies Fall haben soll ist ausgerechnet Katrin Mändler die Tante von Vera.
 
 
 
Es ist jedenfalls eine Spannende Geschichte aus einer Vergangen Zeit die sich mit der heutigen Zeit vermischt.
Einige Stellen sind echt schockierend zu lesen und auch schwer zu verarbeiten.
 
 
Leseprobe
 
Prolog
 
Blut klebte an seinen Händen, an seiner Kleidung. Angst
scharrte in seiner Brust wie ein in die Enge getriebenes Tier.
Atemlos rannte er über den Hof, sah sich um. Wo konnte er
sich verstecken?
Da! Die Tür zur Ölmühle stand offen. Er lief hinein. Vor ihm
eine Mauer aus gestapelten Pressmatten. Er kletterte hinüber,
duckte sich in den Spalt dahinter, spürte kalten Stein im Rücken und den rauen Sisal der öligen Matten an der Wange. Er
machte sich winzig, wollte unsichtbar sein, musste das Angsttier in sich beruhigen, seinen Atem kontrollieren. Das Keuchen
würde ihn verraten! Er bestand nur noch aus zitternder, japsender, bebender Angst, die jeden Gedanken vertrieb, bis ein
Rauschen seinen Schädel füllte und nur eines ihn beherrschte:
der archaische Wille zu überleben.
Der vertraute Duft von Oliven stieg aus den Matten auf,
weckte die Erinnerung an kargen Boden, an die Weite des
Himmels und den sachten Wind, der von Norden her über das
Gebirge zum Meer strich. All das, was er vielleicht nie wieder
sehen würde, nahm er für einen tröstlichen Augenblick wahr,
der ihm Ruhe und Zuversicht schenkte. Sie würden ihn nicht
finden.
Aber dann überrollte ihn erneut Panik, und er wollte nach 
Mama rufen, doch sie lag im Stall, in ihrem Blut, das an ihm
klebte. Die Schreie seiner Schwestern in der Küche waren verstummt, und die Stille machte ihm mehr Angst als alles andere.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Es war über ihm,
kam aus dem Zwischenboden. Ein leises Scharren. Mäuse.
Sicher nur Mäuse, beruhigte er sich.
Wo waren sein Vater und sein Bruder? Wo waren die Mörder?
Vorsichtig reckte er den Kopf über den Stapel, ließ den Blick
durch den Raum gleiten, vorbei an den Mühlsteinen, die im
Koller stillstanden, bis zum Fenster, durch das gleißend die
Nachmittagssonne fiel. Da sah er sie aus dem Haus kommen,
ihre Kleidung blutgetränkt. Einer blieb stehen, schloss den
Hosenschlitz und zündete sich eine Zigarette an. Der andere
hob die Hand, in der ein Messer aufblitzte, und wies zur Mühle, direkt auf ihn.
 
1
 
Es war ein warmer Junitag in München, als Manolis Lefteris
nach dem Schlüssel für den Aston Martin griff und die Verantwortung für das Autohaus seinem Geschäftsführer überließ,
um sich auf dem Friedhof mit seiner Schwester Christina am
Grab der Eltern zu treffen. Zehn Jahre waren es nun schon,
und er fragte sich, ob es ihm jemals gelingen würde, seinen
Frieden mit Babás zu machen.
Das Leben hat einen Rückspiegel, und in dem sieht man
immer die Eltern. Dieser Satz, den er irgendwo einmal gelesen hatte, ging ihm durch den Kopf, als er in den Wagen stieg.
Wie wahr! Er war jetzt Mitte vierzig, und nach wie vor gab es
dieses Loch in ihm, diese unausgefüllte Nische, etwas, das auf
ein Wort der Anerkennung wartete, auf ein »Gut gemacht!«.
Während er durch den dichten Innenstadtverkehr fuhr, zog
von Westen eine Wolkenfront heran, die das flirrende Mittagslicht vertrieb, das seit dem Morgen wie eine Verheißung über
der Stadt gelegen hatte. Eine Stunde noch oder zwei, dann
würde es regnen. So wie vor zehn Jahren, als zwei Polizisten
vor seiner Wohnungstür gestanden hatten und er das Klingeln
zunächst nicht gehört hatte, weil ein Wolkenbruch niederging
und der Regen aufs Dach und gegen die Scheiben prasselte, als
forderte die Natur selbst Einlass.
 
Manolis parkte beim Blumenladen am Friedhof und stutzte,
als er das neue Schild sah. Aus der Floristeria war Anna Blume
geworden. Unwillkürlich lächelte er. Anna Blume. Etwa nach
dem Gedicht von Kurt Schwitters, das er in der Oberstufe
auswendig gelernt hatte, weil es so herrlich absurd war? Oder
hieß die Floristin am Ende tatsächlich so?
Eine Glocke bimmelte, als er eintrat. Die Luft war schwer
vom Duft der Blumen, die in Eimern, Kübeln und Schalen auf
schrundigen Tischen und Stellagen standen. Von irgendwoher
vernahm er eine Stimme. »Komme gleich.«
Kurz darauf wurde die Tür des Nebenraums aufgestoßen,
und eine Frau trat ein, in den Armen einen Korb voller burgunderroter Dahlien. Trotz ihrer schlanken Figur wirkte sie
kräftig und robust. Das Grün ihrer Augen war bemerkenswert, außerdem trug sie tatsächlich ein rotes Kleid, wie in dem
Gedicht. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie
darauf anzusprechen, ließ es dann aber bleiben.
Wie jedes Jahr kaufte er einen Strauß Sommerblumen und
achtete darauf, dass auch Löwenmäulchen dabei waren, die
seine Mutter so sehr gemocht hatte.
Er zahlte, überquerte die Straße und betrat den Friedhof.
Der Lärm der Stadt blieb jenseits der Mauern. Graues Licht
sickerte vom Himmel, legte sich wie ein Schleier über Hecken,
Wege und Gräber, und in ihm stieg wieder einmal die Frage
auf, warum sein Vater das getan hatte. Er würde es nie verstehen, obwohl er die Gründe kannte. Wie hatte Babás nur
auf Gerechtigkeit hoffen können? Sie war nicht mehr als eine
Illusion, ein selten erreichtes Ideal.
Das hatte er schon als Junge erkannt, kurz nach dem Wechsel aufs Gymnasium, als die anderen ihn aufzogen wegen sei-
 
nes Gastarbeitervaters und seiner Hippiemutter, als er sich gedemütigt fühlte und beschämt, weil alles an ihm falsch zu sein
schien, als sie ihn mit Worten schlugen und er sich mit Fäusten
wehrte. Er war nicht hilflos. Er war kein Opfer!
Bereits mit zwölf oder dreizehn hatte er gewusst, dass er
nie so werden wollte wie sein Vater. So geduckt, so hinnehmend, so schweigend. Wobei das Schweigen in Wahrheit eine
Staumauer gewesen war, hinter der sich das Unaussprechliche
sammelte, bis sie dem Druck nicht mehr standhielt und barst,
was häufig geschah, wenn Babás etwas getrunken hatte und
eine gewaltige Wortflut aus ihm strömte.
Manolis atmete durch. Schnee von gestern.
Die Trauer war in zehn Jahren vorübergegangen, doch ein
Rest an Wut war neben einem großen Bedauern geblieben. So
viele verlorene Möglichkeiten. So vieles, das nie geschehen
würde. So viele ungesagte Worte. Warum?
Letztlich war es nicht mehr als eine Vermutung, ein Verdacht. Es konnte tatsächlich ein Unfall gewesen sein. Doch tief
in seinem Innern befürchtete Manolis, dass sein Vater den alten Opel absichtlich gegen den Baum gelenkt hatte. Sonst war
er immer so defensiv gefahren war, ein typischer Mittelspurschleicher.
Manolis überholte eine alte Frau mit zwei Gießkannen, die
sie beinahe nicht zu schleppen vermochte. Bei jedem ihrer
schwankenden Schritte schwappte Wasser heraus. Ihr Kopf
war tief zwischen die Schultern gesunken, sodass sie ihn schief
legen musste, um zu ihm aufzusehen, als er anbot, ihr zu helfen.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen.« Ihre Stimme war hell
und wollte nicht recht zu ihrem Alter passen. »Sie müssen 
 
aber beide nehmen. Sie halten mich im Gleichgewicht. Mit nur
einer kippe ich um.«
Mit einem Seufzer stellte sie die Kannen ab. Er gab ihr den
Strauß und folgte ihr zu einem Grab, dessen Stein die Inschrift
Letzte Ruhestätte der Familie Baumeister trug. Mehr als ein
Dutzend Namen waren bereits hineingemeißelt. Mehrere
Generationen waren hier bestattet. Die Frau wies darauf.
»Bald liege ich auch da. Beim Ernst, meinem Mann, und seinen Ahnen.«
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es ein ähnliches Grab geben musste, in dem mehrere Generationen von Lefteris’ lagen.
Eine Familie mit zahlreichen Zweigen und Ästen, gefällt von
einem gewaltigen Sturm. Übrig geblieben war nur der verdorrte Stamm. Nach ihm würde niemand mehr diesen Namen
tragen. Der Gedanke kam völlig unerwartet. Manolis vertrieb
ihn mit einem Kopfschütteln. Jahrestage waren etwas Seltsames.
»Bis es so weit ist, sollten Sie das Leben genießen«, sagte er
und nahm den Strauß wieder an sich.
»Ach, wissen Sie, ohne meinen Ernst ist es nicht mehr dasselbe. Ich bin jetzt fünfundachtzig und allmählich des Lebens
müde.« Ein Seufzer entstieg ihrer Brust. »Danke für Ihre Hilfe,
vergelt’s Gott.«
Er glaubte nicht an Gott, und sollte es ihn doch geben, würde seine Vergeltung fürchterlich werden. Manolis verabschiedete sich und ging weiter zum Grab seiner Eltern.
Der Stein war aus Granit und mit einer schlichten Inschrift
versehen. Yannis Lefteris und Karin Lefteris, geb. Brändle.
Er las die Namen seiner Eltern, die eine große Liebe verbunden hatte, und das tiefe Bedauern stellte sich wieder ein und 
 
mit ihm sein Zwilling, der Zorn, der neben der Liebe zu Babás auch Verachtung und Enttäuschung in sich trug, wie eine
Frucht ihre Kerne.
Am Brunnen holte Manolis Wasser, füllte es in die Grabvasen und stellte den Sommerstrauß in eine davon. Er war
gerade fertig, als er Schritte hinter sich hörte. Seine Schwester
Christina kam, und wie immer, wenn er sie sah, stieg Freude
in ihm auf. Er liebte dieses Bündel an Hektik und Chaos, aber
auch an Zuversicht und Verlässlichkeit. Sie trug ein blaues
Kleid mit afrikanischen Mustern. Es spannte über dem Busen
und den Rundungen an Bauch und Hüften und betonte ihre
Botero-Figur, die er allerdings nicht so nennen durfte, denn sie
hielt Boteros Skulpturen für lächerlich übertrieben, während
sie ihm in ihrer runden Zufriedenheit gefielen. Die messingfarbenen Locken, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, kringelten sich in der schwülen Luft um ihr Gesicht. Sie schwenkte
einen Strauß Rosen und warf die Arme samt Blumen um Manolis’ Schultern und drückte ihn an sich. Dabei fiel die Tageszeitung aus ihrer offenen Handtasche.
»Hallo, Bruderherz. Schön, dich mal wieder zu sehen.«
»Grüß dich, Mutter Teresa. War das ein leiser Vorwurf?«
Er bückte sich nach der Zeitung, und sein Blick fiel auf die
Headline. Milena Veens Mörder erschossen! Seit gestern ging
die Meldung durch die Medien, wie nicht anders zu erwarten.
Christina nahm die Zeitung und steckte sie in die Tasche.
»Danke. Mein Vorwurf war übrigens ein lauter. Wir sehen uns
viel zu selten. Komm doch mal wieder zum Essen zu uns.«
»Ja, gerne. Was machen die Kinder?«
»Stress«, sagte sie lachend. »Elena ist unglücklich in einen
Jungen aus der Parallelklasse verliebt. Glaube ich jedenfalls, 
 
mit mir redet sie ja nicht darüber. Wie soll ich ihr denn da
helfen?«
»Gar nicht. Liebeskummer bespricht man nicht mit den Eltern, man heult sich bei der besten Freundin aus. Hast du doch
auch so gemacht. Sie wird das schon durchstehen, schließlich
kommt sie nach dir.«
Manolis mochte seine Nichte. Elena war ein taffes Mädchen,
unkompliziert und geradeheraus und natürlich mit dem Lefteris’schen Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit ausgestattet. Die
Familie hatte sich eine Illusion aufs Wappenschild gemalt.
»Da hast du wohl recht«, sagte Christina. »Außerdem will
sie Reiten lernen. Als ob wir uns das leisten könnten. Yannis
mutiert zum großen Schweiger. Das hat er von dir. Und um
Benno mache ich mir Sorgen. Er arbeitet zu viel. Irgendwann
dreht’s ihn zusammen. Was täte ich nur ohne meine Nervensägen?«
»Ohne die drei würdest du wohl all deine Energie in den
Verein stecken.«
Christina war Anwältin und Gründerin des Vereins Null
Toleranz, mit dem sie gegen häusliche Gewalt kämpfte. Sie
engagierte sich für Prävention und schärfere Gesetze und bot
den betroffenen Frauen schnelle, manchmal auch unkonventionelle Hilfe an.
»Vermutlich hast du recht«, sagte sie nun und arrangierte
die Rosen in der Vase neben dem Sommerblumenstrauß.
Für einen Moment spürte Manolis den vertrauten Stich von
Eifersucht. Seine Schwester war der Mittelpunkt einer Familie,
und auch im Beruf war sie von Menschen umgeben, die auf sie
bauten, und mit allem, was sie tat, rechtfertigte sie dieses Vertrauen. 
 
Christina erhob sich aus der Hocke, zielte mit dem zusammengeknüllten Blumenpapier auf den Abfallkorb, der einige
Meter entfernt stand, und traf. »Himmel! Ich bin noch immer wütend auf Babás! Warum konnte er das Urteil nicht akzeptieren und sich des Lebens freuen? Es ist ihm zweimal geschenkt worden. Ein solches Geschenk wirft man doch nicht
weg.«
Auch wenn er in manchen Punkten anderer Meinung war,
bewunderte Manolis Christinas unbedingten Willen, wenn
schon nicht die Welt, dann zumindest misshandelte Frauen
zu retten, obwohl die meisten zu ihren prügelnden Männern
zurückkehrten. Auch sie glaubte an das Gute im Menschen,
an Wahrheit und Gerechtigkeit, genau wie Babás. Sie war ein
weiblicher Don Quichotte und hatte keine Ahnung, welche
Geister in ihrem Vater gehaust hatten.
»Er war über das Urteil maßlos enttäuscht. Und ganz sicher
war er depressiv. Kein Wunder, oder? Nachdem Justitia so
eindrucksvoll bewiesen hat, dass sie blind ist.«
»Sie ist unparteilich, nicht blind. Sie urteilt ohne Ansehen
der Person. Das bedeutet die Augenbinde.«
»Aber nicht ohne den Einfluss der Mächtigen.«
Wie oft hatten sie dieses Gespräch schon geführt?
Christina starrte auf das Grab. Manolis wusste, was sie
dachte, welche stumme Frage sie an Babás richtete. Auch er
hatte sie sich schon unzählige Male gestellt. Seine Eltern hatten sich geliebt. Es war möglich, dass Mama sich entschlossen hatte, mit ihm zu gehen, auch wenn Manolis das nicht so
recht glauben konnte. Er vermutete, dass sie ihn davon hatte
abhalten wollen, indem sie ihn nicht aus den Augen ließ, und
deshalb mit ins Auto gestiegen war.
 
Christina durchbrach seine Gedanken. »Er hätte Mama
nicht mitnehmen dürfen.«
»Du sagst das, als hätte er gewusst, was passieren würde. Im Polizeibericht ist von einem Unfall die Rede.« Es war
ihm ein Rätsel, weshalb er seinen Vater vor seiner Schwester
immer wieder in Schutz nahm, obwohl sie beide das Gleiche
dachten.
Sie wandte sich zu ihm um, und ihre Schultern, Arme und
Hände sackten herab wie ein einziger großer Seufzer. »Ach,
Mani, wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Im Gutachten
steht, dass die Ursache nicht geklärt werden konnte. Sie vermuten nur, dass Babás zu schnell gefahren und der Wagen
deshalb auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geraten ist.«
Weshalb hatte Babás nie etwas unternommen, um Justitias
Waagschalen ins Gleichgewicht zu bringen? Lange Zeit hätte
man noch etwas tun können. Lautlos. Unauffällig.
Manolis kannte die Antwort. Nur nicht auffallen. Niemals
aufbegehren. Mach dich unsichtbar. Schwimm mit dem Strom.
Das ewige Mantra seines Vaters. Seine Überlebensstrategie.
»Alles in Ordnung mit dir?« Besorgt sah Christina ihn an.
»Natürlich.«
»Wenigstens ist ihm das IGH-Urteil erspart geblieben. Er
würde sich im Grab umdrehen, wenn er davon wüsste.«
»Lass es gut sein. Es ist nicht mehr zu ändern.« Sein Tonfall
geriet ungeduldiger als beabsichtigt. »Entschuldige.«
Sie strich ihm über den Arm. »Ist schon gut.«
Für eine Weile verharrten sie noch vor dem Grab ihrer Eltern, jeder in seine Gedanken versunken, dann hakte Christina
sich bei ihm ein. 
»Sollen wir etwas essen gehen, oder musst du gleich zurück
ins Autohaus?«
»Schöne Idee. Ich bin der Boss und gebe mir frei.«
»Dein Laden läuft hoffentlich so gut, dass du deiner ewig
klammen Schwester eine Pizza spendieren kannst.«
Er war froh, dass sie das Thema gewechselt hatte, und ging
erleichtert auf ihren Tonfall ein. »Wenn ich meine letzten Kröten zusammenkratze, sollte es reichen«, meinte er lachend.
»Kaufen die oberen Zehntausend etwa keine Luxusautos
mehr?«
»Doch, doch. Ich kann nicht klagen. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich daran denke, wie viel ich dieses Jahr ans Finanzamt überweisen muss.«
Christina stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Wenn es dir
derart gut geht, hast du sicher eine kleine Spende für meinen
Not leidenden Verein übrig. Die Kasse ist ziemlich leer.«
»Wie viel brauchst du denn?«
Ein Lachen war die Antwort. »Frag lieber nicht.«
»Ist dir mit fünftausend geholfen?«
Für eine Sekunde lehnte sie den Kopf an seine Schulter.
»Mehr als geholfen. Danke, Mani. Du bist ein guter Mensch.«
Weshalb dachten das alle? Unwillkürlich stieß er ein leises
Schnauben aus.
»Was denn? Es stimmt.«
»Ich überweise dir das Geld noch heute. Hast du Lust, den
neuen Italiener am Wittelsbacher Platz auszuprobieren? Er
soll sehr gut sein.«
Bevor Christina antworten konnte, vibrierte eines der beiden Handys in seiner Sakkotasche. Es war das nicht registrierte.
 
Manolis zog das Smartphone hervor, dessen Nummer außer
ihm nur zwei Menschen kannten. Eine leichte Unruhe stieg
in ihm auf, als er Bernd Kösters Namen auf dem Display sah.
Die Sache mit Huth war reibungslos abgelaufen. Alles eine
Frage der Vorbereitung. Er hatte sich keinen Fehler erlaubt.
Oder etwa doch?
»Entschuldigst du mich einen Augenblick? Der Anruf ist
wichtig.«
»Na klar«, sagte Christina. »Ich gehe schon mal vor. Wir
treffen uns am Parkplatz.«
Er sah ihr nach, bis sie außer Hörweite war. »Hallo, Bernd.
Gibt es ein Problem?«
»Nein, nein. Alles wie erwartet.« Kösters Bariton rollte mit
leichtem Frankfurter Dialekt an Manolis’ Ohr. »Natürlich haben sie die Familie Veen im Visier. Doch alle haben Alibis, und
es gibt keine Spuren, was man so hört. Gute Arbeit.«
»Danke.«
»Ich hätte da einen neuen Auftrag für dich, keine große
Sache.«
»Worum geht’s?«
»Du sollst nur jemanden für mich im Auge behalten: Christian Wiesinger. Er lebt in München und ist auf der Suche nach Unterlagen, die einem meiner Mandanten gehören. Wenn er
sie gefunden hat, nimmst du sie ihm ab. Das ist alles.«
»Klingt nach einem Spaziergang. Gibt’s einen Haken?«
»Kein Haken. Ein einfacher Job. Ich schicke dir die nötigen
Informationen noch heute per Kurier. Ins Autohaus?«
»Besser in die Wohnung.«
»Gut. Ruf mich an, wenn sie da sind.«
Manolis steckte das Smartphone ein und ging Richtung
Ausgang.
Auch wenn Christina das anders sah, Justitia war gelegentlich blind. Zum Beispiel im Mordfall Milena Veen. Das spurlose Verschwinden der siebzehnjährigen Tochter eines Düsseldorfer Unternehmers hatte vor fünf Jahren für Aufregung
gesorgt. Ihre Leiche hatte man schließlich auf einer Müllhalde
gefunden. Die junge Frau war über mehrere Tage gefoltert,
missbraucht und schließlich ermordet und wie Abfall entsorgt
worden. Eine grauenhafte Tat, die ungeklärt und ungesühnt
geblieben war, obwohl es einen Tatverdächtigen und einen
Prozess gegeben hatte.
Peter Huth war ein Bekannter der Familie, gegen den schon
einmal ermittelt worden war. Damals hatte ihn seine ehemalige Lebensgefährtin wegen schwerer Körperverletzung angezeigt. Zur Anklage war es aufgrund fehlender Beweise nie gekommen. Huth geriet in Verdacht, weil er Milena kurz zuvor
auf einer Party belästigt hatte und die Auswertung der Funkzellendaten ergab, dass sein Handy sich zur selben Zeit in derselben Funkzelle eingeloggt hatte wie Milenas Handy, bevor
es ausgeschaltet worden war, was sie selbst nie tat. Huth bestritt die Tat und nahm sich einen erstklassigen Verteidiger.
 
Am Ende des Prozesses gab es Zweifel an seiner Schuld, vor 
allem, weil der Tatort nicht ausfindig gemacht werden konnte.
Aus Mangel an Beweisen wurde Huth freigesprochen.
Ein rabenschwarzer Tag für die Justiz, denn vor acht Monaten hatten Bauarbeiter beim Abriss einer leer stehenden Ziegelbrennerei ein Verlies mit einer blutigen Matratze und Milenas
verschwundener Schmetterlingskette entdeckt. Endlich hatte
man den Tatort gefunden. Tatrelevante Spuren konnten nach
einer DNA-Analyse zwar Peter Huth zugeordnet werden, doch
es gab ein rechtskräftiges Urteil, und damit war Strafklageverbrauch eingetreten. Huth konnte wegen desselben Verbrechens nicht ein zweites Mal vor Gericht gestellt werden. Es sei
denn, er hätte gestanden, was er nicht tat. Im Gegenteil. Er
inszenierte sich als Opfer einer Verleumdungskampagne, gab
Interviews und saß sogar als Gast in einer Talkshow, in der er
den Ermittlungsbehörden Fehler bei der DNA-Analyse unterstellte und zum Schluss die Finger zum Victory-Zeichen hob.
Eine unerträgliche Geste für Milenas Vater, der sich in seiner
Ohnmacht an Köster gewandt hatte. Manolis konnte es Veen
nicht verdenken.
Er erreichte den Parkplatz, wo Christina Zeitung lesend auf
einer Bank saß und aufsah, als er sich neben sie setzte.
»Hast du von dem Mädchenmörder gehört, den sie laufen
lassen mussten?«
»Aber sicher. Es kam ja auf jedem Sender. Jemand hat ihn
erschossen.«
Sie zog eine Braue hoch. »Es klingt, als ob du das in Ordnung findest.«
Diese Diskussion würde er nicht führen. »Eigentlich ist es
mir egal, obwohl ich eine gewisse Genugtuung nicht leugnen
kann.« 
 
»Ja. Ging mir im ersten Moment genauso. Hat der Kerl seine Strafe doch noch bekommen, hab ich gedacht. Aber mit der
Todesstrafe hätte er nicht rechnen müssen, jedenfalls nicht in
Deutschland. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder, der sich
ungerecht behandelt fühlt, Selbstjustiz übt?«
»Huth war schuldig.«
»Nicht, solange er nicht verurteilt war. Bis dahin gilt die
Unschuldsvermutung.«
»Sie haben seine DNA am Tatort nachgewiesen. Es besteht
kein Zweifel daran, dass er der Täter ist. Aber lassen wir das.«
Sie steckte die Zeitung zurück in die Tasche. »Ich glaube ja,
dass es Milenas Vater war, obwohl er ein Alibi hat. Immerhin war er beim Bund und hat eine Scharfschützenausbildung.
Oder er hat jemanden beauftragt. Über das nötige Kleingeld
verfügt er schließlich.«
»Kann es sein, dass du zu viele Krimis liest?« Manolis wollte das Gespräch nicht ausufern lassen.
Doch so schnell lenkte man Christina nicht ab. »Egal wer
und wie, er hat die Welt nicht zu einem besseren Ort gemacht,
sondern sich mit Huth auf dieselbe Stufe gestellt. Mörder zu
Mörder. Das Recht des Stärkeren ist nicht Gesetz.«
»Natürlich ist es das. Der Stärkere und Anpassungsfähigere
überlebt, das nennt man Evolution.«
»Genau das ist der Grund, weshalb sich zivilisierte Gesellschaften auf verbindliche Regeln einigen, die auch die Schwachen schützen und ein Zusammenleben möglich machen. Wir
leben nicht mehr in Höhlen.«
Seine Schwester irrte sich. Es galt nur ein Recht. Das Recht
des Stärkeren. »Aber diese Regeln werden nicht eingehalten.
Am Ende sind es immer die Mächtigen, die sich durchsetzen. 
 
Du musst nur die Zeitung aufschlagen und bekommst die Bestätigung dafür. Tag für Tag. Fändest du es tatsächlich besser,
wenn Huth weiter frei herumliefe und sich neue Opfer sucht?
Er war ein sadistischer Mörder. Die hören nicht ohne Weiteres auf.«
»Du klingst nach Stammtisch, Bruderherz.«
»Und du nach Elfenbeinturm.«
»Zugegeben, wie das alles gelaufen ist, ist furchtbar, wenn
nicht sogar grauenhaft. Aber das sind nun mal unsere Gesetze,
und im Extremfall muss eine Gesellschaft derartiges Unrecht
aushalten können. Mit einer Kalaschnikow stellt man keine
Gerechtigkeit her. Unabhängig davon müsste das Strafrecht
dringend den Möglichkeiten der modernen Kriminaltechnik
angepasst werden. Auch wenn man das Problem dadurch nur
für die Zukunft löst. Recht darf nicht rückwirkend geändert
werden. Wir werden also noch einige derartige Fälle ertragen
müssen.«
Es war keine Kalaschnikow gewesen, sondern ein Präzisionsgewehr. Und wer glaubte, dass man die Welt jemals zu
einem besseren Ort machen konnte, der war blind oder ein
Träumer. Im Fall Milena Veen hatte die Justiz ihre Chance gehabt, und sie hatte sie verspielt.
Manolis hielt Christina die Wagentür auf. »Was ist nun mit
dem Italiener? Sollen wir ihn ausprobieren?«
»Gerne.«
Beim Essen redete Christina viel über ihre Arbeit im Verein,
kam dann auf die Kinder und brachte das Gespräch irgendwann auf Greta.
Über ein Jahr hatte Manolis mit Greta zusammengelebt und
zum ersten Mal in seinem Leben darüber nachgedacht, ob er 
seine Einstellung zum Thema Ehe überprüfen und ihr einen
Antrag machen sollte.
 
»Ich habe sie vor ein paar Tagen zufällig in der Fußgängerzone getroffen«, sagte Christina. »Es scheint ihr gut zu gehen,
allerdings hat sie sehr solo ausgesehen.«
»Wie erkennt man das denn?«
»Jedenfalls war das mein Gefühl. Sie arbeitet nach wie vor
am Flughafen beim Bodenpersonal. Ruf sie doch mal an. Vielleicht lässt sich die Sache ja wieder einrenken. Ich habe immer
geglaubt, dass ihr mal heiraten werdet.«
Die Hoffnung hatte sich zerschlagen, und es tat noch immer
weh, wenn er an Greta dachte, obwohl inzwischen acht Monate vergangen waren, seit sie nach Wochen fruchtloser Diskussionen und dubioser Vorwürfe ihre Sachen gepackt und
ihn verlassen hatte. Ich kann nicht mit einem Mann zusammenleben, dem ich nicht vertraue, der Geheimnisse vor mir
hat und das auch noch als sein gutes Recht ansieht.
Manolis legte die Gabel beiseite. »Anscheinend bin ich für
die Ehe nicht geschaffen.«
»Was soll das denn heißen? Frönst du etwa der Vielweiberei
und hast sie wirklich betrogen, wie sie es vermutet?«
»Es soll heißen, dass ich kein Fan davon bin, sich in einer
Beziehung völlig nackt zu machen. Man muss nicht alles vor
dem anderen ausbreiten und sezieren. Manches ist zu intim
und persönlich.«
»Nicht, wenn man sich liebt.«
Er hatte Greta geliebt. Trotzdem … Manolis rang sich ein
Lächeln ab. Alles hatte seinen Preis. Vielleicht war der, den er
zahlte, ja doch zu hoch. »Du bist eine Romantikerin.«
»Und du weichst wieder einmal aus. Aber bitte, ich mische 
mich nicht ein.« Sie zuckte mit den Schultern. »Das Saltimbocca ist übrigens köstlich.«
Nach dem Essen verabschiedeten sie sich mit einer Umarmung vor dem Lokal. Christina ging zur U-Bahn, und er fuhr
zurück nach Schwabing ins Autohaus.
Während seiner Abwesenheit hatte sein Geschäftsführer
Max Hillebrand einen Jaguar F-Type an einen Immobilienmakler verkauft, der zuvor damit zwei Testfahrten unternommen
und den Wagen gegen eine symbolische Gebühr übers Wochenende ausgeliehen hatte. Ein lohnender Einsatz, ganz wie
Max vorausgesagt hatte. »Nach dem Wochenende wird er ihn
haben wollen.« Genau so war es gekommen. Außerdem gab
es mehrere Interessenten für Probefahrten, nur in der Werkstatt sorgte ein Lehrling für Probleme, doch Max meinte, den
würden sie schon wieder auf Kurs bringen. Er hatte den Laden
im Griff, und Manolis entschloss sich, nach Hause zu gehen.
Kösters Kurier würde bald kommen.

Nach oben