Rückkehr nach Sunset Cove

Wenn der Horizont weit ist und der Ozean rau, ist es Zeit, Geheimnisse zu lüften! 


Wie aus dem Nichts bricht Niclas Hunters Welt zusammen. Gerade noch war er ein erfolgreicher Staatsanwalt, doch seine Konkurrentin Gillian Mulhare brachte ihn mit einer sorgsam eingefädelten Intrige zu Fall. Um der Belagerung durch die Presse zu entkommen, flüchtet Niclas nach Cape Cod, wo er im Familiensitz Sunset Cove zur Ruhe kommen will. Doch statt des Hauses wie erwartet leerstehend vorzufinden, ertappt er eine mysteriöse Einbrecherin – unter der Dusche. Von der ersten Sekunde an fühlt sich Niclas zu der jungen Frau hingezogen, wie er es noch nie zuvor erlebt hat. Doch wer ist die schöne Unbekannte und was führt sie im Schilde?

 

 

Die Geschichte ist flüssig geschrieben, und durch die jeweilige Sicht der handelnden Personen beschrieben. Das Verleiht ihr das ganz besondere Spannungspotential.

Die Handlung ist auf zwei Personen bezogen und zwar Nicolas und Marie aber es gab insgesamt sieben Erzählstränge die aber zum Teil nur einmal aufgetaucht sind und so auch dazu beigetragen haben damit alles zusammen eine völlig runde Geschichte für den Leser wird.

 

Marie war Buchhalterin und wurde zu Unrecht als Betrügerin verurteilt; sie musste vier Jahre einsitzen und ist nun auf Bewährung draußen. Ihr Leben ist ein Scherbenhaufen. Ihre Familie und auch ihr Verlobter haben sich von ihr abgewendet. Marie versucht, sich ein neues Leben aufzubauen, was jedoch nicht einfach ist, wenn man jeden Dollar zweimal umdrehen muss.

Nicolas ist privilegiert aufgewachsen und hat als Staatsanwalt eine steile Karriere hingelegt bis er dann von einer Kollegin durch eine Intrige zu Fall gebracht wurde.

 

Niclas ist gleich von Marie fasziniert. Sie entspricht zwar überhaupt nicht seinem üblichen Frauenbild, aber eigentlich hat er von Frauen sowieso gerade mal genug. Diese Frau ist so anders – sie wirkt taff, mutig und auch sehr verschlossen. Aber Marie sollte nun wirklich nicht das Ziel seiner Gedanken sein, sondern der Plan, wie er seinen Ruf wiederherstellen kann.

Werden die beiden zueinander finden? Oder ist der Unterschied zwischen den beiden so groß das es doch kein Happy End gibt?

Werden die beiden die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen können?

Fragen über Fragen aber lest es selbst es lohnt sich.

 

Leseprobe

 

Prolog

Es hatte eine Zeit gegeben, da war das Überqueren des träge dahinfließenden Cape Cod Canal für Niclas Hunter der Inbegriff von Glück gewesen. Die Sommer seiner Jugend hatte er auf der Halbinsel verbracht. Ferien, Familienausflüge. Und später Segeltörns und Männerwochenenden mit seinen Collegekumpels. Früher war das Cape untrennbar mit guter Laune, dem Geruch nach Sonnencreme, salzigem Wind und kaltem Bier verbunden gewesen. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag vor elf Jahren, der alles verändert und das ohnehin sehr fragile Geflecht seiner Familie zerschmettert hatte. Seitdem war Cape Cod nicht mehr, was es zuvor gewesen war. Sunset Cove hatte seine Unschuld verloren. Die Hunters hatten der Wahrheit, vor der sie in Boston leicht die Augen verschließen konnten, ins Gesicht sehen müssen. Niclas war nur noch selten auf die Halbinsel zurückgekehrt. Bei keinem dieser Besuche beflügelte ihn mehr diese Mischung aus Vorfreude und Freiheit, wenn er seinen Wagen auf die Sagamore Bridge lenkte. Auch heute nicht. Seine rechte Hand umklammerte das Lenkrad, während er sich mit der linken die brennenden Augen rieb. Müdigkeit und abgrundtiefe Erschöpfung waren die einzigen Emotionen, zu denen er im Moment fähig war.

Unter normalen Umständen würde er begeistert Fotos von dem dramatisch rot und lila leuchtenden Himmel und den schwarz dahinjagenden Wolken schießen. Er würde sich mit seinen Freunden zu einem Barbecue treffen. Zum Strand hinuntergehen, sich von den Böen treiben lassen und ein Sturmbier trinken. Dieses Mal kam er nicht auf die Halbinsel, um zu feiern oder ein entspanntes Wochenende zu verbringen. Er war auf der Flucht. Vor seinem Job, der ihm mit einem Riesenknall um die Ohren geflogen war. Vor den hämischen Kommentaren und schadenfrohen Blicken seiner Kollegen und vermeintlichen Freunde. Nicht zuletzt vor der Presse – und irgendwie auch vor sich selbst, seiner Dummheit und seinem Versagen. Und vor der nagenden Angst, dass diese Dummheit einen Menschen das Leben kosten könnte. Dass eine junge Frau starb, weil durch sein Verhalten ein Mörder, der hinter Gitter gehörte, frei herumlief. Er ließ Dennis und Eastham hinter sich und bog vor dem National Seashore auf die einsame Schotterstraße ab, die ihn nach Sunset Cove führte. Über den dunklen Himmel zuckten die ersten Blitze. Eine wunderbare Ergänzung zu seiner Stimmung. Niclas hatte nach der unwahrscheinlichsten aller Möglichkeiten gegriffen: sich im Sommerhaus zu verstecken. Hier konnte er in Ruhe seine Wunden lecken. Sunset Cove war jahrelang in seinem Bewusstsein so weit nach hinten gerückt, dass er es zunächst gar nicht als Rückzugsort betrachtet hatte. Und genau deshalb war es ein perfekter Unterschlupf. Niclas stellte seinen Wagen vor den Garagen ab und stieg die großzügigen Stufen zur zweiflügligen Eingangstür von Sunset Cove hinauf.

Er tippte den Code ein, atmete tief durch, stieß die schwere Eichentür auf – und blieb wie angewurzelt stehen. Anstatt dunklen Geistern und schmerzhaften Erinnerungen zu begegnen, erblickte er einen Hund. Einen großen Labrador, der breitbeinig mitten im lichtdurchfluteten Foyer stand. Er knurrte nicht, und doch erweckte er den Eindruck, dass er das Haus, wenn nötig, gegen Niclas verteidigen würde. Aus dem oberen Stockwerk drangen gedämpfte Geräusche. Niclas war sich sicher gewesen, niemanden aus seiner Familie in Sunset Cove anzutreffen. Er legte seine Hand dafür ins Feuer, dass seine Mutter keinen Schritt über die Schwelle des Strandhauses setzen würde. Sein Bruder Andrew war viel zu sehr damit beschäftigt, in einer Bostoner Klinik Leben zu retten, um hier rauszufahren. Damit blieb einzig sein Vater, der regelmäßig herkam. Aus Gründen, über die Niclas nicht nachdenken wollte. Deshalb hatte er die Assistentin seines alten Herrn vor der Fahrt angerufen. Es gab schließlich Dinge, bei denen man seine Eltern nicht ertappen wollte. Ihm war versichert worden, dass Theodor Hunter gerade dabei war, einen spektakulären Finanzdeal abzuschließen. Mit einer langsamen Bewegung, um den Hund nicht zu reizen, zog Niclas sein Handy aus der Tasche. Sein Bruder war immer über jede Kleinigkeit informiert. Hey, Drew. Haben wir im Moment einen Gast in Sunset Cove, von dem ich nichts weiß? tippte er und schickte die Nachricht ab. Es dauerte keine drei Sekunden, bis das Handy in seiner Hand vibrierte. »Ist das dein Ernst?«, ertönte die Stimme seines Bruders an seinem Ohr. Andrew klang sauer. Stinksauer. »Ich versuche seit gestern, dich zu erreichen. Genau wie der alte Mann und Mom. Jake hat es versucht …« »Ja, und eine Million andere Leute auch«, unterbrach las ihn.

Der Hund legte den Kopf schief und betrachtete ihn neugierig. »Hör mal, wenn du mich anbrüllen willst, verschieben wir das lieber auf später. Ich stehe im Foyer von Sunset Cove und bin ganz offensichtlich nicht allein.« Andrew schwieg einen Moment. Wahrscheinlich überlegte er. »Meines Wissens hast du das Haus ganz für dich. Der alte Herr steckt mitten in Firmenverhandlungen. Wer außer ihm würde schon freiwillig auf die Halbinsel fahren?« Der Labrador ließ sein Hinterteil entspannt auf die italienischen Fliesen sinken und schlug einmal mit dem Schwanz auf den Boden. Er schien zu grinsen. »Hier ist jemand.« Niclas trat endlich über die Schwelle. Er schnappte sich einen Golfschläger aus der Tasche, die hinter der Tür lehnte, und ging auf die Treppe zu. »Jemand duscht.« »Ein Einbrecher, der duscht?«, erwiderte Andrew. »Sei bloß vorsichtig. Soll ich die Cops oder die Sicherheitsfirma anrufen?« »Nein. Ich kümmere mich schon darum. Ich lege jetzt auf.« »Wenn ich in zehn Minuten nichts von dir gehört habe, kontaktiere ich die Polizei. Also ruf mich an!« Niclas drückte das Gespräch weg. Die Aufforderung seines Bruders bezog sich nicht nur auf den Einbrecher, das war ihm klar. Er seufzte innerlich, steckte das Handy ein und warf dem Hund noch einen wachsamen Blick zu. Er schien tatsächlich harmlos zu sein. Also ließ Niclas ihn links liegen und schlich nach oben. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Badezimmer rechts von der Treppe. Er hielt kurz inne. Die Tür war nur angelehnt, aber er konnte niemanden sehen. Er schloss seine Hände fest um den Golfschläger und stieß die Tür mit einer so heftigen Bewegung auf, dass sie gegen die Wand prallte. Mit einem erschrockenen Laut fuhr der Eindringling herum. Niclas blinzelte. Hinter der Wand aus Glas stand eine Frau. Er konnte ihre große, schmale Gestalt deutlich erkennen. Langsam ließ er den Golfschläger sinken. Auch wenn das Wasser ihre Silhouette verschwimmen ließ, war er sich sicher, ihr noch nie begegnet zu sein. Das musste nichts heißen. Sie konnte eine der Geliebten seines Vaters sein. »Verdammt noch mal, wer sind Sie? Und was haben Sie in diesem Haus verloren?«

 

 

1

»Einen Moment.« Die Frau drehte sich um und stellte die Dusche ab. Niclas bekam ihre Kehrseite zu sehen. Ihr Haar war lang. Es reichte ihr fast bis zum Ansatz eines wirklich bemerkenswerten Hinterns. Da die Haare nass waren, konnte er ihre Farbe nicht genau bestimmen. Unvermittelt drehte sich die Frau wieder um und ertappte ihn, wie er sie anstarrte. Peinlich berührt ließ er seinen Blick durch das Bad schweifen. Er griff nach einem Handtuch und warf es ihr zu, als sie aus der Dusche trat. Mit der linken Hand fing sie es auf und wickelte sich darin ein. Sie blickte ihn hochmütig mit ihren bernsteinfarbenen Augen an und reckte stolz das Kinn. Um ihr zu zeigen, dass er sich von ihrer Arroganz nicht beeindrucken ließ, lehnte er sich mit der Schulter gegen den Türrahmen und zog die Augenbrauen hoch. »Ich frage Sie noch einmal: Was tun Sie hier?« »Das Gleiche könnte ich Sie fragen.« Sie war wirklich frech. »Sind Sie eine der Affären meines Vaters?«, fragte er geradeheraus. Sie hob ihr Kinn noch höher. »Nein.« »Was haben Sie dann hier verloren?«

Die Unbekannte schwieg. Niclas wartete einen Moment, ob sie sich zu einer Erklärung herabließ. Als sie nichts sagte, zuckte er mit den Schultern. »Da mir kein Grund einfällt, der Sie berechtigen könnte, sich hier aufzuhalten, rufe ich jetzt die Polizei und lasse sie das klären.« Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in ihren Augen auf, das ihn an blanke Panik erinnerte. »Kein Problem.« Sie hob beschwichtigend die Hände. »Ich bin schon weg. Kein Grund, einen großen Wirbel zu veranstalten. Geben Sie mir zwei Minuten.« Niclas atmete den Duft nach Kokos ein, der in der feuchten Luft des Badezimmers hing, und bemühte sich, die Frau nicht anzustarren. Irgendetwas hatte sie an sich. Er hatte keine Ahnung, wieso er nicht einfach die Cops rief. »Zwei Minuten«, gestand er ihr zu. Bestimmt brauchte sie zehn Mal so lange. »Ich warte unten auf Sie.« Er kehrte ins Erdgeschoss zurück und räumte den Golfschläger weg. Der gut gelaunte und tatsächlich ziemlich harmlose Hund gesellte sich zu ihm und schnüffelte an seinem Hosenbein. Niclas kraulte ihn hinter den Ohren und ging ins Wohnzimmer, um sich einen Whiskey einzuschenken. Die Anwesenheit dieser mysteriösen Fremden stellte ihn vor ein Rätsel. Einen Augenblick überlegte er, ob sie eine Reporterin war, die ihm aufgelauert hatte. Er schüttelte den Gedanken ab. Auf die Idee, dass er sich in Sunset Cove versteckte, kam wirklich niemand. Die Unbekannte hielt Wort. Sie tauchte zweieinhalb Minuten später in zerschlissenen Jeans und einer roten Kapuzenjacke auf. Ihr nasses Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter hing und feuchte Flecken auf ihrer Kleidung hinterließ.

Der Wind rüttelte an den Fenstern. Es war stürmisch, und die Wolken rasten immer schneller auf das Festland zu. Die Frau blickte an ihm vorbei durchs Fenster, straffte die Schultern und wandte sich zur Tür. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Haus. Der Hund sah Niclas ein letztes Mal an und folgte ihr. Was für eine surreale Begegnung! Niclas kippte den Whiskey hinunter und schenkte sich einen zweiten ein, den er mit auf die Terrasse nahm. Die Böe, die ihn erfasste, riss ihn beinahe von den Füßen. Doch der scharfe Wind tat gut. Er verhinderte zumindest, dass Niclas im Stehen einschlief. Einen Moment überlegte er, sein klingelndes Handy zu ignorieren. Andrews Anruf war seit dem Vortag der erste, den er angenommen hatte. Wahrscheinlich war es auch jetzt sein Bruder. Der keine Ruhe geben würde, bis er ihn erreichte. Oder ihm tatsächlich noch die Cops auf den Hals hetzte. »Hey«, meldete er sich. »Nic, alles in Ordnung bei dir?« Jetzt hörte Andrew sich nicht mehr wütend an. In seine Stimme hatte sich ein sorgenvoller Unterton gemischt. »Ja. Alles klar.« Niclas versuchte, so fröhlich wie möglich zu klingen, auch wenn er Andrew nicht täuschen konnte. »Was war denn los? Wer ist in das Haus eingebrochen? Wir sollten auf jeden Fall die Polizei rufen. Schon wegen der Versicherung und so weiter.« Niclas sah wieder das Gesicht der Fremden vor sich, spürte ihren gehetzten Blick, als er die Cops erwähnte. Es spielte keine Rolle mehr. Sie war verschwunden. Gleich morgen früh würde er den Türcode ändern. Seinem Bruder würde er nichts von dieser Begegnung erzählen.

Wahrscheinlich war sie eines der Flittchen ihres Vaters, ein wunder Punkt in der Familie, der besonders Andrew zu schaffen machte. »Die Dusche war eingeschaltet. Wahrscheinlich hat die Putzfrau vergessen, sie abzustellen. Es ist wirklich alles in Ordnung.« »Gut. Dann können wir jetzt darüber reden, was gestern passiert ist«, sagte Andrew gepresst. »Eigentlich würde ich lieber einfach auf der Terrasse sitzen, auf den Ozean starren und mich betrinken.« Das war nicht gelogen. »Ich weiß jetzt, wo du steckst. Du wirst mir also entweder sagen, was im Gerichtssaal passiert ist, oder ich setze mich ins Auto und komme nach Cape Cod, damit du es mir persönlich erzählen kannst«, erwiderte Andrew. Er verstand sich verdammt gut darauf, den großen Bruder raushängen zu lassen. Niclas wusste, das war keine Drohung, sondern ein Versprechen. Er wollte nicht darüber reden, aber sein Bruder ließ ihm keine Wahl. »Was weißt du über die Sache?« »Das, was den reißerischen Medien zu entnehmen war.« Andrew seufzte. »Du hast deine Nachrichten nicht abgehört oder gelesen. Du hast dich nicht bei Mom und Dad gemeldet. Glaub mir, der alte Herr sitzt in seinem Glasturm und spuckt Feuer«, fasste er die aktuelle Familienstimmung zusammen. »Ich war gestern Abend bei dir zu Hause, aber die Presse hatte dein Haus belagert, und es brannte kein Licht.« »Ich saß im Dunkeln«, musste Niclas zugeben. »Hast du dich inzwischen bei Mom oder Dad gemeldet?« »Nein.« Niclas kippte seinen Whiskey hinunter, klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr und goss sich weitere zwei Fingerbreit in den Kristalltumbler. »Es wäre mir sehr recht, wenn du ihnen nicht sagen würdest, dass ich in Sunset Cove bin.«

Ein Gespräch mit seinem Vater war das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte. Er hatte die Anrufe und E-Mails aus dem Hunter Building nicht umsonst ignoriert. Dass er auf ganzer Linie gescheitert war, wusste Niclas selbst. Er war nicht scharf darauf, sich von seinem Vater vorhalten zu lassen, dass er sich nicht dermaßen in die Scheiße geritten hätte – wobei Theodor Hunter dieses Wort mit Sicherheit nicht benutzen würde –, wenn er BWL studiert hätte und ins Familienunternehmen eingestiegen wäre. Genauso wenig wollte er das Lallen und Jammern seiner Mutter hören, dass sein Verhalten sie zum Gespött ihrer gehässigen Freundinnen gemacht habe, die sich das Maul über sie zerreißen würden. Er schob die Gedanken an seine verkorksten Eltern beiseite. »Keine Sorge, ich verrate dich nicht. Aber ruf sie an, okay?«, bat Andrew. »Zumindest Mom macht sich Sorgen um dich.« Wer es glaubte. Da er nicht antwortete, fuhr Andrew fort: »Wirst du mir jetzt verraten, was gestern los war?« Das Ganze ließ sich ziemlich einfach zusammenfassen. »Ich bin daran schuld, dass eines der schlimmsten Monster, die Boston jemals gesehen hat, frei herumläuft.« Wieder leerte er das Glas in einem Zug und goss nach. »Ich habe es versaut. Und zwar auf ganzer Linie. Ich bin in die Falle einer Frau getappt wie ein blutiger Anfänger. Wenn noch ein Mädchen in Murray Bralvers’ Fänge gerät, kann ich niemanden dafür verantwortlich machen außer mich selbst. Das läs»Du wirst einen Weg finden. Du wirst das wieder hinbiegen.« »Gerade du solltest das besser wissen.« Niclas schaffte es nicht, den zynischen Unterton aus seiner Stimme zu verbannen. Sein Bruder, ein Arzt, wusste, dass es nicht immer gut ging. Dass man nicht jeden retten konnte. Andrew seufzte noch einmal. »Und wie geht es jetzt weiter? Du versteckst dich ausgerechnet in Sunset Cove?« »Warum nicht? Ich brauche wirklich Abstand. Ich muss nachdenken. Überlegen, wie es weitergehen soll. Der alte Kasten steht sowieso leer. Niemand wird mich hier vermuten.« Niclas räusperte sich. »Dad … Er wird doch nicht hier auftauchen, oder?« »Nein.« Andrew bestätigte, was Niclas bereits in Erfahrung gebracht hatte. »Momentan bleibt er offenbar lieber in der Stadt. Er zieht gerade irgendeinen riesigen Deal an Land und lebt praktisch in seinem Büro.« Obwohl Andrew ihren Vater und seine Neigung zu blutjungen, hohlköpfigen Assistentinnen verabscheute, wusste er verdammt gut über sein Treiben Bescheid. »Ich versteh dich, okay? Bleib in Sunset Cove. Sammele dich, finde zu dir, und schmiede einen Plan. Du wirst deinen Ruf wiederherstellen und dieses Schwein, Bralvers, zur Strecke bringen. Wenn das einer hinbekommt, dann du. Bis dahin – versuch, nicht durchzudrehen in der alten Hütte. Und kipp dir ordentlich was von dem teuren Whiskey hinter die Binde.« Niclas blickte auf das Glas in seiner Hand. »Das werde ich.« Andrew verabschiedete sich von ihm, und Niclas schob das Handy wieder in die Tasche. Aus dem Augenwinkel nahmst sich nicht beschönigen, Drew.«

 

»Du wirst einen Weg finden. Du wirst das wieder hinbiegen.« »Gerade du solltest das besser wissen.« Niclas schaffte es nicht, den zynischen Unterton aus seiner Stimme zu verbannen. Sein Bruder, ein Arzt, wusste, dass es nicht immer gut ging. Dass man nicht jeden retten konnte. Andrew seufzte noch einmal. »Und wie geht es jetzt weiter? Du versteckst dich ausgerechnet in Sunset Cove?« »Warum nicht? Ich brauche wirklich Abstand. Ich muss nachdenken. Überlegen, wie es weitergehen soll. Der alte Kasten steht sowieso leer. Niemand wird mich hier vermuten.« Niclas räusperte sich. »Dad … Er wird doch nicht hier auftauchen, oder?« »Nein.« Andrew bestätigte, was Niclas bereits in Erfahrung gebracht hatte. »Momentan bleibt er offenbar lieber in der Stadt. Er zieht gerade irgendeinen riesigen Deal an Land und lebt praktisch in seinem Büro.« Obwohl Andrew ihren Vater und seine Neigung zu blutjungen, hohlköpfigen Assistentinnen verabscheute, wusste er verdammt gut über sein Treiben Bescheid. »Ich versteh dich, okay? Bleib in Sunset Cove. Sammele dich, finde zu dir, und schmiede einen Plan. Du wirst deinen Ruf wiederherstellen und dieses Schwein, Bralvers, zur Strecke bringen. Wenn das einer hinbekommt, dann du. Bis dahin – versuch, nicht durchzudrehen in der alten Hütte. Und kipp dir ordentlich was von dem teuren Whiskey hinter die Binde.« Niclas blickte auf das Glas in seiner Hand. »Das werde ich.« Andrew verabschiedete sich von ihm, und Niclas schob das Handy wieder in die Tasche. Aus dem Augenwinkel nahm er einen roten Fleck wahr, der seine Aufmerksamkeit erregte. Die Frau schlich also immer noch um das Haus. Den Hund an ihrer Seite, kletterte sie die Stufen zum Strand hinunter. Was zum Henker …? Hatte sie einen Schlafsack unter dem Arm? Niclas blinzelte in sein Glas. Begann er zu halluzinieren? Egal. Er schenkte sich nach. Sich zu betrinken war eindeutig das Beste, was er heute noch tun konnte. Der Sturm fegte über ihn hinweg, riss an seiner Kleidung und seinen Haaren. Einen der spektakulären Sonnenuntergänge, denen die Bucht ihren Namen verdankte, würde es heute nicht geben. Niclas musste sich mit dem düsteren Zwielicht zufriedengeben, was ihm nichts ausmachte. Die Dunkelheit spiegelte sein Inneres wider. Er lehnte sich gegen das Geländer und ließ den Whiskey durch seine Kehle rinnen. Der Wind brannte in seinen Augen. Er wollte die Frau nicht mit seinen Blicken verfolgen, wollte sie nicht beobachten. Doch er wurde magisch von dem roten Fleck am Strand angezogen. Sie hatte sich in ihren Schlafsack gewickelt. Die Hand auf dem Rücken des Hundes starrte sie auf den Atlantik hinaus. Was trieb sie da unten? Er wollte nicht darüber nachdenken. Er leerte sein Glas und schenkte sich erneut ein. Langsam setzte das Summen in seinem Kopf ein. Taubheit breitete sich in seinen Gliedern aus. Der erste Schritt in Richtung Vergessen.

 

 

 

 

 

 

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