Die fabelhafte Welt der Ameisen
 
 
 
»Ich liebe den Geruch von Ameisensäure.« (Christina Grätz)
 
Sie bringen mehr Biomasse auf die Waage als alle Säugetiere der Welt zusammen, und doch stehen sie auf der Roten Liste. Ameisen sind in Deutschland hochgradig gefährdet. Damit sie überleben, gibt es besondere Menschen: Ameisenumsiedler. Immer, wenn Bauprojekte eine Kolonie gefährden, treten sie in Aktion. Hier erzählt die bekannteste Ameisenumsiedlerin Deutschlands von ihren abenteuerlichen Erlebnissen. Skurrile Geschichten voller verblüffender Fakten über kooperativen Naturschutz, die Biologie des Waldes und über den kuriosen Kosmos der kleinen Krabbler.
 
 
Ameisen – die spannendste Krabbelgruppe der Welt
Leidenschaftlich gelebter Naturschutz: die Ameisenflüsterin erzählt
Skurrile Geschichten für Entdecker und Neugierige
Alles Wissenswerte über die Polizei des Waldes
 
 
 
 
Über den Autor und weitere Mitwirkende
Christina Grätz, geboren 1974, ist Diplom-Biologin und dreifache Mutter. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Niederlausitz, ist Unternehmerin und hat bereits über 1.300 Ameisennester in ihrer Laufbahn als Ameisenhegerin umgesiedelt, eines davon sogar auf ihren Hof. Ihre Tätigkeit als Ameisenumsiedlerin erregte im Jahr 2017 besondere mediale Aufmerksamkeit. Beiträge über die Umsiedlung von fast 200 Nestern am Berliner Ring waren deutschlandweit in den Printmedien und im Radio, aber auch in großen Fernsehsendern (ARD-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin, ProSieben Galileo, RTL Aktuell) vertreten.
 
Manuela Kupfer, geboren 1968, ist Diplom-Biologin. Sie studierte an den Universitäten Würzburg und Marburg und arbeitet seit 20 Jahren freiberuflich als Lektorin und Fachredakteurin im Bereich Naturwissenschaften und Gesundheit. Ihr Interesse an sozialen Insekten hat sprunghaft zugenommen, seit sie selber Honigbienen hält. Und nachdem sie mehrere Ameisenumsiedlungen begleiten konnte, haben es ihr die emsigen Krabbeltiere ebenfalls angetan.
 
 
 
 
Eine schlanke Taille und schön beweglich in der »Hüfte«
Ameisen, die allesamt staatenbildend sind, haben sich vor mehr als 100 Millionen Jahren aus vermutlich solitär lebenden Wespen entwickelt und demensprechend viele Kennzeichen mit ihnen gemeinsam.
 
Der Grundbauplan eines Insektenkörpers besteht aus den drei Abschnitten Kopf, Brust und Hinterleib.
 
Diese Gliederung ist äußerlich meist deutlich zu erkennen, der Körper ist eingekerbt. Deshalb werden Insekten auch Kerbtiere oder Kerfe genannt. Anders als Wirbeltiere, wozu ja auch der Mensch gehört, haben Insekten kein inneres Skelett aus einer Wirbelsäule und zahlreichen Knochen. Als wirbellose Tiere besitzen sie vielmehr ein Außen- oder Exoskelett.
 
Dieses besteht aus einer Kutikula genannten, stabilen äußeren Hülle. Neben Chitin, das ähnlich wie Zellulose aufgebaut ist, enthält die Kutikula vor allem verschiedene Proteine. Wie eine Ritterrüstung verleiht sie dem Tier Festigkeit und bietet ihm Schutz. Daher spricht man auch von einem Chitinpanzer.
 
Fotocredit: Andreas Grasser, Gütersloher Verlagshaus.
 
 
 
 
 
Ja wie bin auf dieses Buch gekommen.
 
Wir wohnen ja sehr Ländlich und da haben wir auch viele Ameisen draußen im Garten.
Auch hatten wir schon das vergnügen Fliegende Ameisen zu beobachten die aufeinmal aus ihrem Nest kamen alles wimmelte aufeinmal von ihnen und dann sind sie weg geflogen und dann war das Specktakel vorbei.
 
Aber die Frage war was war das?
 
Ja nun weiß ich es den es ist der Hochzeitsflug der Ameisen die sich dann auch paaren den die Fliegenden Ameisen sind alles geschlechtsreife Ameisen.
 
Auserdem sind Ameisen ja nun wirklich ein sehr interessantes Volk,sie sind so klein aber so Stark was diese kleinen Tiere alles bewegen kann ist schon fazinierend.
 
Das Buch ist mit viel Humor aber auch der gewissen Ernsthaftigkeit geschrieben.
 
Auch sind viele Zeichnungen in dem Buch enthalten die auch das erklärte sehr gut beschreibt.
Mittig im Buch sind dann 33 Bilder die nochmal alles Real zeigt.
 
Auch ist es super interessant wie die Ameisen so sozial zusammen Leben und alles durchorganisiert ist so das jeder weiß was er zu tun hat.
 
Auch denkt man gar nicht drüber nach wie wichtig Ameisen für unser Ökosystem sind.
 
Durch das Buch hab ich eine menge über die Ameisen gelernt sogar das die Ameisen ihr eigenen Haustiere haben,welche das sind das müsst ihr selber erfahren und nachlesen in diesem doch sehr Interessanten Buch über ein kleines Volk.
 
 
 
 
Leseprobe
 
 
Vorwort
 
 
Liebe Leserin, lieber Leser,
etwa sieben Milliarden Menschen leben gegenwärtig auf
unserem Planeten. Wenn wir annehmen, dass diese Menschen durchschnittlich etwa 50 Kilogramm auf die Waage
bringen, entspricht das einem Gewicht von 350 Millionen
Tonnen. Alle Ameisen, die in unzähligen verschiedenen
Arten auf fast allen Kontinenten vorkommen, wiegen vermutlich etwa genauso viel! Die kleinen Krabblerinnen, die
Ihnen auf Terrasse oder Balkon im Sommer gelegentlich
vielleicht etwas auf die Nerven gehen, sind also Teil einer
Gemeinschaft, die es, was ihre Biomasse angeht, durchaus
mit uns aufnehmen kann.
Es gibt aber noch viel mehr Erstaunliches aus der faszinierenden Welt der Ameisen zu berichten – und das wollen
wir Ihnen hier gerne zeigen. Wir möchten Sie mitnehmen
auf eine Reise in diese fremde Welt, die sich am und im
Boden unseres Waldes, unter geheimnisvollen Kuppeln
am Rande von Lichtungen, aber auch in Urwäldern und
Wüsten auftut.
Wir werden Ihnen dabei zunächst von ganz praktischem Naturschutz berichten, von der Umsiedlung von
Kolonien der Waldameisen nämlich. Von den körperlichen
Anstrengungen, der Säure auf der Haut, den skurrilen
Erlebnissen und den wunderbaren Begegnungen bei den
Umsiedlungsaktionen erzählt jedes Kapitel des Buches.
Doch dabei belassen wir es nicht: Wir werden das, was
es bei Umsiedlungen von Waldameisen zu entdecken gibt,
um unterhaltsame Aspekte aus der ganzen Welt der Ameisen vertiefen und erweitern, sowie um einige Dinge, die
Wissenschaft und Forschung dazu wissen. Sie werden einen Eindruck davon bekommen, wie entscheidend wichtig Ameisen im Netzwerk der Natur sind.
Wir hoffen, dass wir Sie damit nicht nur informieren
und unterhalten, sondern Ihnen auch zeigen können, wie
besonders diese kleinen Wesen sind.
Die kleinen Krabbeltiere versetzen uns nicht nur immer wieder in Erstaunen, sondern haben auch unsere
Herzen ganz und gar erobert. Wenn es Ihnen nach der
Lektüre dieses Buches ebenso erginge und Sie beim Anblick eines Ameisenhügels Freude sowie Ehrfurcht empfänden, dann hätten wir unser Ziel erreicht.
Kommen Sie also mit in die fabelhafte Welt der Ameisen und lassen Sie sich begeistern!
 
Christina Grätz und Manuela Kupfer
 
 
AUF DIE AMEISE GEKOMMEN
 
Ich stehe an den Lakomaer Teichen bei Cottbus vor einem geöffneten Waldameisennest, im Hintergrund die
Silhouette der Erlenbrüche. Es ist September, morgens
gegen acht Uhr, die Sonne scheint mir ins Gesicht. Es wird
gewiss ein warmer Tag. Zehntausende Ameisen sind in
heller Aufregung und wuseln umher. Ein leicht stechender
Geruch von Ameisensäure liegt in der Luft, in der Ferne
kann ich das Quietschen der Bagger des Tagebaus hören.
Der Ameisenheger Bernhard Helbig erklärt gerade, worauf man bei einer Umsiedlung achten muss und greift mit
bloßen Händen ganz tief in das Nest hinein, um dessen
Inhalt in einen großen braunen Papiersack zu befördern.
Unzählige Tiere krabbeln an seinen Armen hoch und über
den ganzen Körper hinweg. Fasziniert beobachte ich eine
Ameise, die am Hals des tatkräftigen Mannes emporklettert und über sein Ohrläppchen bis ins Ohr vordringt. Da
gruselt es mich ein bisschen. Es kribbelt und juckt vom
bloßen Zusehen. Wie muss das erst sein, wenn die eifrigen
Krabbeltiere zubeißen und Ameisensäure in die Wunden
spritzen? Oh Gott, das soll ich auch bald machen, schießt
es mir durch den Kopf. Ob ich das aushalte? Ich bin hier
doch nur gelandet, weil mein Chef jemanden braucht, der
Ameisennester versetzt! Da wusste ich noch nicht, dass
ich noch am selben Tag meine Hände tief in das Gewimmel eines Ameisennestes graben, die Wärme darin spüren
und eine erste Verbindung zu den Tieren aufbauen würde.
Damals arbeitete ich als Botanikerin in einem Ingenieurbüro, das Bauvorhaben naturwissenschaftlich begleitete. Einer der Kunden, das Lausitzer Bergbauunternehmen, fragte an, ob wir Erfahrungen mit der Umsiedlung
von Waldameisen haben bzw. diese durchführen können. 
 
Auf die Ameise gekommen Denn auf einer der Flächen, die in Kürze dem Tagebau
Cottbus-Nord weichen sollte, waren überraschenderweise
20 Ameisennester entdeckt worden. Unser Büro recherchierte, und schließlich wandten wir uns an die Ameisenschutzwarte. Dort hieß es, dass Bernhard Helbig als Ameisenheger für die Lausitz zuständig sei; den sollten wir mal anrufen. Herr Helbig sagte auch zu, die Umsiedlungen zu übernehmen, aber er stellte eine Bedingung: Jemand
aus dem Ingenieurbüro müsse sich bereit erklären, die Ameisenhegeausbildung zu machen und danach selber ehrenamtlich Umsiedlungen durchführen. Freundlich, aber nachdrücklich fügte er hinzu: »Solch eine Umsiedlung ist
schwere körperliche Arbeit! Ich aber hab’ schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, und nicht nur dort zwickt und
zwackt es.« Daher brauche er jemanden, der ihn bei dieser Arbeit unterstütze. Überhaupt fehle es dringend an Nachwuchs (siehe auch Kapitel »Traumjob Ameisenhegerin«).
Nach dem Telefonat mit dem Ameisenheger kam mein Chef auf mich zu: »Christina, für diese Aufgabe bist du als
Biologin doch genau die Richtige! Oder etwa nicht?«
Das war als rhetorische Frage gemeint. Er ging fest davon aus, dass ich zustimmen würde, ich musste jedoch erst einmal eine Nacht darüber schlafen. Denn Zoologie war nicht unbedingt mein Ding. Schließlich hatte ich mich ja ganz
bewusst für die Botanik entschieden. Aber andererseits wurde mir klar: Ameisen umzusiedeln bedeutet, ihre Kolonien zu erhalten. Das ist aktiver Naturschutz. Ich entschied mich also für die Ameisen und ging bei Bernhard
Helbig in die Lehre.
 
Autobahn trifft Ameisenstraße
Das Bergbauunternehmen hatte die Ameisenumsiedlungen
in Auftrag gegeben und bezahlte sie auch. Meist machen Autobahn trifft Ameisenstraße Bauherren das aber nicht freiwillig, sondern weil sie dazu verpflichtet sind. Denn wird bei einer Baumaßnahme ein Waldameisenvolk gefunden, besteht die gesetzliche Pflicht,das Volk mitsamt seinem Nest an einem neuen, für die Ansprüche der Art angemessenen Standort umzusiedeln.
Typische Baumaßnahmen, bei denen das vorkommt, sind Wohngebiete, Pipelines, Solarparks, Tagebaue oder Straßen. Man kann sagen: Immer, wenn eine Autobahn einer Ameisenstraße in die Quere kommt, müssen Ameisennester in Sicherheit gebracht und umgesiedelt werden. 
Hierfür gibt es fachkundige Personen, die sogenannten Ameisenhegerinnen und -heger. Sie kümmern sich um den passenden Standort und um den »Umzug« der Nester.
Die rechtliche Grundlage für den Schutz einzelner Tierund Pflanzenarten bildet in Deutschland das Gesetz über
Naturschutz und Landespflege, kurz Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG). Darauf aufbauend wurde die Verordnung zum Schutz wild lebender Tier- und Pflanzenarten (Bundesartenschutzverordnung, BArtSchV) erlassen,
wonach Tier- und Pflanzenarten entweder als besonders geschützte oder als streng geschützte Art kategorisiert
werden. Alle streng geschützten Arten sind automatisch auch besonders geschützt, der Umfang ihres Schutzes ist
jedoch noch umfassender. Anhang 1 der Bundesartenschutzverordnung listet sämtliche Arten auf, die in eine
der beiden Kategorien fallen. In Deutschland sind mit Ausnahme der Blutroten Raubameise alle hier heimischen
Spezies der Waldameisen besonders geschützt, insgesamtsind es zwölf Arten der Gattung Formica.
Der breiten Öffentlichkeit geläufiger dürften die Roten Listen gefährdeter Arten sein. Sie beschreiben die Gefährdungssituation der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Die Roten Listen werden von der Weltnaturschutzunion, den
einzelnen Staaten oder den Bundesländern herausgegeben und existieren dementsprechend auf internationaler,
auf nationaler sowie auf regionaler Ebene. 
Spezialisten für die einzelnen Artengruppen erstellen dabei Fachgutachten zur jeweiligen Gefährdung aller in dem Gebiet vorkommenden Arten und ordnen sie in verschiedene Gefährdungskategorien ein. Im Vergleich zum Schutzstatus ergibt sich ein ganz anderes, weniger positives Bild: In Deutschland stehen von 108 berücksichtigten
Ameisenarten 77 auf der Roten Liste, darunter sind elf Spezies vom Aussterben bedroht und 17 stark gefährdet.
Die Gefährdungssituation sagt allerdings nichts über den gesetzlichen Schutz der Art aus. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Für die sogenannte Eingriffs-Ausgleichs-Regelung sind nicht die Roten Listen relevant,sondern ausschließlich die Bundesartenschutzverordnung. Man kann sich denken, dass dieser Umstand den
einen oder anderen Interessenskonflikt heraufbeschwört.
Und genau in diesem Spannungsfeld bewege ich mich beruflich …
 
 
Meine große Liebe
 
Die Natur hat schon immer eine große Rolle in meinem
Leben gespielt. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf
in der Lausitz, in einem Haus mit großem Grundstück
samt Teichen, verbrachten meine Geschwister und ich die
meiste Zeit an der frischen Luft. Unsere Spielplätze waren 
der Garten und der nahe gelegene Wald sowie ein Fischteich und ein Bach, die zu unserem Grundstück gehörten. 
Mein Vater, ein selbstständiger Zimmermann, war
sehr naturverbunden. Er nahm uns Kinder häufig mit auf
seine Streifzüge durch die Natur und vermittelte uns früh,
Achtung und Respekt vor den Tieren und den Pflanzen zu haben: Jedes Lebewesen, egal ob groß oder klein, grazil oder unförmig, niedlich oder lästig, sei wertvoll, denn
jedes erfülle eine bestimmte Funktion im Netzwerk der
Natur. Manchmal waren seine »Vorschriften« aber auch
etwas kleinlich und bremsten, zumindest aus Kindersicht,
den Spaß ganz gewaltig. So durften wir nicht mal giftige
Pilze umtreten oder einfach so Zweige von den Bäumen
abreißen. Und auf keinen Fall sollten wir die Enten auf
den Teichen aufscheuchen. Mit der Zeit jedoch verinnerlichten wir seine Regeln, wurden uns die zugrunde liegenden ökologischen Zusammenhänge bewusst.
Meine Mutter wiederum hat einen ausgesprochen grünen Daumen – nein, es müssen tatsächlich zwei sein, denn
unter ihren Händen sprießen und gedeihen die Pflanzen
wie bei keinem anderen Menschen, den ich kenne: Die
Blumen in ihrem Garten entwickeln sich in ihrer Obhut
prächtig, und das Obst und Gemüse darin wächst reichlich
und schmeckt, was nicht ganz unwichtig ist, sehr gut. Immer mal wieder standen auch Nachbarinnen vor unserer
Tür, in der Hand eine kümmerliche Blume oder Staude,
die sie eigentlich schon aufgegeben hatten. Meine Mutter
nahm diese jämmerlich anzusehenden Pflanzen in ihre
Obhut – und wie von Zauberhand entwickelten sie sich
vortrefflich und wuchsen bald üppig. Noch heute denke
ich gerne an unseren schönen, in allen Farben blühenden
Garten zurück.
Das Idyll fand jedoch ein jähes Ende – unser Dorf wurde
abgebaggert, als ich zwölf war. Unter unserem Grundstück
lag ein Braunkohleflöz, das zum Abbau freigegeben worden war. Bald schon fraßen sich Schaufelradbagger tiefer
und tiefer in meine Wiesen hinein, zerstörten die Teiche
und vernichteten das Paradies meiner Kindheit. Sämtliche
Dorfbewohner sollten in einen eigens dafür errichteten
Neubaublock umgesiedelt werden. Um dieser Tristesse zu
entgehen, schauten sich meine Eltern nach einem BauMeine große Liebe
grundstück um und wurden am Rande eines Naturschutzgebiets fündig. 
 
Die Gegend und das neue Haus waren wunderschön, dennoch vermisste ich mein altes Zuhause sehr.
Ich fühlte mich buchstäblich entwurzelt. Fast jeden Abend
vor dem Einschlafen rief ich mir den alten Garten, unsere
Teiche, die Blumen auf der Wiese in Erinnerung … und
wurde ganz wehmütig. Die Heimat meiner Kindertage ist
noch immer meine große Sehnsucht.
Stellte ich mir damals meine Zukunft vor, sah ich mich
immer als Ärztin. Ich war fest entschlossen, Medizin zu
studieren. Die Sache hatte allerdings einen Haken. In der
DDR hing die Studienplatzvergabe nicht unbedingt von
Eignung und Neigung einer Schülerin oder eines Schülers ab, sondern eher davon, ob das Elternhaus der durch
den Staat vorgegebenen Linie treu genug folgte. Da meine
Familie – wie man im Osten sagt – »kirchlich« ist, stand
für meine Mutter fest: Das Mädchen geht nicht zur Jugendweihe, sondern wird konfirmiert. 
 
Als ich 14 Jahre alt war, zitierte mich der Direktor meiner Schule zu sich
und redete mir ins Gewissen: »Christina, du bist zwar die
Schlaueste in der Klasse, aber ohne Jugendweihe gibt’s
kein Abitur und damit auch kein Studium.« Bestürzt ging
ich nach Hause und berichtete meiner Mutter, was der
Schulleiter gesagt hatte. Nach längerem Hin und Her und
vielen Tränen änderten meine Eltern ihren Beschluss. Ich
nahm an der Jugendweihe teil – ironischerweise war es
1989 die letzte in der DDR.
Für mich persönlich war der Fall der Mauer ein Glück.
Niemals hätte ich mit meinem familiären Hintergrund
und meiner Weltanschauung in der DDR Medizin oder
Biologie studieren dürfen, und auch Naturschutz war
tabu. Mit der Wende aber bekam ich dann Zugang zu Zeitschriften und Magazinen, die sich dem Thema ausführlich
und kritisch widmeten. Eifrig blätterte ich in den Publikationen des NABU (Naturschutzbund Deutschland), in
der GEO und in anderen Wissenschaftsmagazinen. Aktionen von Umweltschützern und die Themen Regenwald
und Artenschutz beeindruckten mich besonders. 
Meine Motivation, selber aktiv zu werden, nahm stetig zu. Jetzt
wollte ich also unbedingt die Natur retten. Damit war das
Medizinstudium vom Tisch, stattdessen stand »die Biologie« nun hoch im Kurs.
Und ehe ich‘s mich versah, war ich als Umweltaktivistin mittendrin im Geschehen: Zusammen mit Gleichgesinnten besetzte ich Lakoma, ein Dorf nur wenige Kilometer nordöstlich von Cottbus. Die Häuser standen leer; die
Bewohner waren bereits Jahre zuvor unter Protest umgesiedelt worden. Den Gebäuden drohte der Abriss, um
dort – wieder einmal – Platz für den Braunkohletagebau
zu schaffen. Dagegen wollten wir Widerstand leisten. Immerhin war das Gebiet auch ökologisch von herausragender Bedeutung: Es bot mehr als 170 bedrohten Tier- und
Pflanzenarten einen Lebensraum. Zwischenzeitlich war es
sogar als Flora-Fauna-Habitat an die EU gemeldet worden,
hatte also den Status eines europäischen Schutzgebietes.
Letztlich kämpften wir jedoch auf verlorenem Posten:
Gut zehn Jahre später, ich wohnte schon längst nicht
mehr dort, wurde mit der Abholzung und der Abbaggerung der Fläche begonnen …
Trotz meines Engagements in der Aktivistenszene
schaffte ich ein gutes Abitur. Danach wollte ich eigentlich
erst einmal meine Freiheit genießen und plante eine größere Tour durch Skandinavien. Deshalb bewarb ich mich
mehr oder weniger halbherzig für ein Biologiestudium
an der Humboldt-Universität zu Berlin. Doch prompt
bekam ich gleich im ersten Anlauf einen Studienplatz.
Wenn ich gefragt wurde, was ich mit diesem Studium
anfangen wolle, antwortete ich immer: »Den Regenwald retten oder die Bergbaufolgeflächen in der Lausitz zum
Blühen bringen.«
 
 
 
 

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