Puppenheim

Ein packender Thriller aus London. Für alle Leser von Nicci French. Erstmals auf Deutsch.

Eine Reihe mysteriöser Vermisstenfälle hält London in Atem. Junge Mädchen, die von zu Hause ausgebrochen sind, verschwinden von einem Tag auf den anderen spurlos. Das Gerücht geht um, ein geheimnisvoller Mann habe seine Finger im Spiel. Schon bald wird die erste Leiche gefunden, hindrapiert wie eine Puppe. Marnie Rome von der Kriminalpolizei London wird zum Tatort gerufen. Marnie, die brillante Ermittlern, die aus eigener Erfahrung weiß, was es heißt, Opfer zu sein. Und die sofort spürt, dass man sich auf die Fürsorge dieses Mannes nicht verlassen kann ... 

 
Das Buch ist aus zwei Sichten geschrieben und das Durchgehend. Einmal aus der Seite von den Ermittlern Marnie und Noha und einmal aus der Sicht von den Mädchen.
 
Im ganzen Buch muss ich sagen war eine Distanz zu Marnie da aber Noha hingegen mochte ich sehr.
Auch hatte ich recht Schnell raus wer der Täter ist aber eben auch die Hintergründe, was etwas die Spannung nahm. Aber trotzdem war es ein Toller Thriller und war mal etwas anderes  von der Story her.
 
Auch gibt es viele kleinere Nebenhandlungen zu den Charakteren einige finde ich ganz interessant andere muss ich sagen waren eher unwichtig.
 

Über die Autorin 

Sarah Hilary lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bristol. Sie arbeitet bei einem bekannten Reiseführerverlag, war jedoch auch schon als Buchhändlerin oder bei der Royal Navy tätig.
 
Noch eine Info dies ist nun der 3te Band aus der Marnie Reihe. 
 
 
Leseprobe
 
Zwei Jahre zuvor Regen hatte sämtliche Türme Londons glanzlos gemacht, die Wolkenkratzer geschrumpft, die Hochhäuser in Pfützen voller Dreck begraben. Selbst die Schornsteine der Battersea Power Station waren gedrungen, ihre langen Schatten flirrten im Wasser. Nicht nur Tage, sondern Wochen des Regens. Herabprasselnde Sintfluten, Gestank aufwühlend, die einem den Boden unter den Füßen verschoben, dich nicht vergessen ließen, dass diese Stadt auf Grabhöhlen gebaut war. Der Regen fand seinen Weg in alles, sickerte durch Mauerwerk, brachte das Glas von zerbrochenen Fensterscheiben zum Erzittern, füllte die leere Dose, die Christie zur Hauptverkehrszeit aufgestellt hatte. Mit dem Finger fuhr sie am schartigen Rand entlang, brachte sich eine blutige Wunde bei – der Beweis, dass sie immer noch da war. Eine Dose Guinness, der Deckel mit einem stumpfen Messer abgetrennt, Steine als Gewicht am Boden. Mit Münzen hätte es genauso funktioniert, aber seit Tagen hatte niemand Kleingeld hineingeworfen. Sie saugte an ihrem Finger, schmeckte Fleisch und Kupfer. Wund im Innern, eine schmerzhafte Leere, aber Ich bin immer noch da, dachte sie. Sie wünschte, sie hätte einen besseren Beweis als ihren blutigen Finger. 
 
Die Welt war eine Wand aus Regenschirmen. Sie kannte die Pendler auf diesem Weg, hatte sie in ihren dern und Hemdsärmeln schwitzen gesehen. Jetzt mit finster dreinblickenden Gesichtern, die Köpfe gesenkt, hochgezogene Schultern. Wütend auf sie, weil sie auf ihrem Gehweg Platz für sich beanspruchte, ihre schmutzigen Füße in die halb geschlossene Tür ihres Gewissens schob. Der Regen war eine Ausrede, um sie noch mehr zu hassen, als sie es ohnehin schon taten. Als sie neu dabei gewesen war  – vor wie langer Zeit? Monaten? –, hatte sie die Menschenmenge nach freundlichen Gesichtern abgesucht. Doch sie hatte schnell gelernt, dass es nicht Freundlichkeit war, die Münzen gab. Leute schleuderten ihr Kleingeld zu, wie sie es in Parkautomaten warfen. Um vorbeizukommen, weg. Bald würden sie nicht mehr so tun müssen, als bemerkten sie sie nicht. Sie wäre dann durchsichtig. Der Regen wusch sie aus. »Entschuldigung!«, sagte eine Frau, im Klartext Christies Füße meinend, die anscheinend im Weg waren, obwohl sie es nicht waren. Sie hatte sich so klein gemacht, kein Teil von ihr war irgendjemandem im Weg. »Herrgott noch mal, such dir ein Dach über dem Kopf.« Dünn und wutentbrannt, die Faust, erbarmungslos mit Ringen bestückt, um einen gelben Regenschirm gekrallt. Christie hatte sich in einen Hauseingang gedrängt, in dem es fast trocken war, aber der Regen fand sie dennoch. Kroch durch alte Ziegel, erst ein Rinnsal und dann ein Strom. Sie spürte, wie seine Finger ihren Nacken kitzelten. »Es gibt Orte, weißt du?« Davon wusste sie nichts. Sie wünschte, sie wüsste es. Sie hatte Angst vor Regen, wie er alles zerstörte, ihre Kleidung, ihren Schlafsack – alles, was sie besaß. Vor Regen hatte sie sogar noch mehr Angst als vor Feuer. Als das alles noch neu für sie gewesen war, kam manch mal ein junges Pärchen mit Broschüren vorbei.   
 
  Sie blieben stehen und gingen in die Hocke, mit Gesichtern, die schwer arbeiteten. Über Unseren Herrn redeten und was kommen würde und »Bist du bereit?«. Christie hätte das von alten Leuten erwartet, obwohl die meisten von ihnen den Kopf schüttelten, als hätte es zu ihren Zeiten keine Bettler gegeben. Nur einmal hatte jemand über sechzig sie genauer in Augenschein genommen. Das junge Pärchen hatte Broschüren mit Fotos von grinsenden Menschen dabei. Das Papier färbte ab, sodass ihre Hände noch schmutziger wurden. Als sie die beiden um Geld bat, wurden sie wütend. Sie gaben vor, es nicht zu sein – »Wir sind auf deiner Seite« –, aber sie sah es unter der Oberfläche ihrer Haut, wie Schlangen, die ihre Beute verschluckt hatten. Schlimmer als die Schlangen war der kleine Mann, der immer kam und sich neben sie setzte. Er sprach nie ein Wort, hockte einfach da und ließ Kleingeld in ihre Dose fallen, einen Penny nach dem anderen, damit sie nicht aufstehen und weggehen oder ihm sagen konnte, dass er sich verpissen sollte, obwohl er ihr unheimlich war. Er roch komisch. Nicht armkomisch. Reich-komisch. Reich zu sein helfe nicht, erklärte das junge Pärchen, es ginge nur darum, für das bereit zu sein, was kommen würde. Den Tod oder Jesus, das wusste sie nicht, aber da war ein Moment gewesen, als sie geglaubt hatte, sie könnte es tun  – heucheln, religiös zu sein, damit die zwei sie vor dem hier retteten. Ein Niemand zu sein, ein Nichts, unsichtbar. Als der Regen einsetzte, kamen sie nicht mehr. Niemand kam mehr, abgesehen von dem kleinen Mann. In einem Plastikumhang, von dem nasse Tropfen in ihren Hauseingang rannen. Und der Kleingeld in ihre Dose warf. Sie wusste, dass sie es sich nicht leisten konnte, wählerisch zu   sein, aber wenn er verschwunden war, stopfte sie die Hand hinein, schaufelte seine Münzen heraus und schleuderte sie weg, bevor sie sich rostiges Blut von den Knöcheln leckte.
 
  Morgen würde er mit neuem Kleingeld kommen. Sie sollte umziehen, irgendwohin, wo er sie nicht finden konnte. Ihr ganzer Körper schmerzte, als würde er zusammengequetscht werden. Wohin sollte sie gehen? Wer sollte sie sein? Für die Frau mit den Ringen könnte sie sich kleiner machen, für das religiöse Pärchen so tun, als glaube sie an Gott. Mit dem unheimlichen Typ im Umhang mitgehen und… sein, was auch immer er wollte, das sie war. Nur um dem Regen für einen Tag, eine Stunde zu entfliehen. Er wusch sie aus, jegliche Farben, alles. Sie war längst nicht mehr sie selbst. Innerlich leer, ausgehöhlt. Verloren. Genau in dem Moment hatte er sie gefunden, genau dort… Als sie kurz davorstand, sich selbst zu verlieren. Er war nicht wie der kleine Mann. Er war groß und blond und roch nach dem Regen, der die Schultern seines Hemds dunkel färbte. Er hatte keine Broschüren, keine Fragen. Er war nicht wütend auf sie. Seine Hände waren leer und offen, wie sein Gesicht. Als er vor ihren Hauseingang trat, sperrte er die Regenschirme und das Zischen und Fauchen der Reifen auf der Straße aus. Seine Schultern hielten den Regen von ihr ab. Starke Finger, nass wie ihre, doch seine Handflächen waren trocken und warm. Sicherheit, er war Sicherheit. Es gibt Orte, weißt du. Sie hatte nicht daran geglaubt, bis zu diesem Moment.  
 
 
 

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