Die Nachbarin

 



SIE KANN DICH HÖREN. SIE KANN DICH SEHEN.
 SIE KANN SICH NEHMEN, WAS DIR GEHÖRT.


In Lexies Leben scheint alles perfekt: Sie liebt ihren Freund Tom, die beiden planen eine Familie, und sie wohnen in einem eleganten Apartment mitten in London, das keine Wünsche offen lässt. Doch Lexies Idylle trügt. Wenn sie allein ist, lauscht sie den Geräuschen aus der Nachbarwohnung. Und stellt sich dabei das mondäne Leben ihrer Nachbarin vor ...

Harriet führt ein ausschweifendes Leben voller wilder Partys, ihr Leben ist ein Abenteuer. Nur selten gesteht sie sich ein, wie unglücklich sie in Wahrheit ist. Sie wünscht sich einen Freund wie Tom. Sie möchte das Leben ihrer Nachbarin Lexie. Und sie ist bereit, alles zu tun, damit dieses Leben ihr gehört……

 

Das Buch fängt in der Gegenwart an und um wen es nun geht ist noch nicht so klar geht es um Lexi oder geht es um Harriet.

 

Die nachfolgenden Kapitel sind Rückblicke und dort steht dann aber auch um wem es geht und es wird in der Ich Version geredet.

 

Hauptsächlich lesen wir viel darüber das die beiden sich selbst und ständig bemitleiden. Die eine weil sie unbedingt Schwanger werden will und die andere weil sie aus ihrem Leben raus kommen will.

 

Sie wollen unbedingt das Leben der anderen haben weil sie denken das, das Leben der anderen Perfekt ist was es aber nicht ist.

 

An sich ist es eine Interessante Geschichte die aber leider durch das viele Gejammer sehr langweilig und nervig wird. Ich habe mich teilweise echt durch das Buch gequält. Einige stellen waren aber dennoch sehr spannend und haben einen richtig mitgenommen.

 

Für mich war es nun nicht unbedingt ein Thriller, sagen wir es so kein typischer Thriller.

 

 

Leseprobe

 

 

PROLOG

 

Gegenwart 

 

Ich sitze da und lausche dem Tropf, tropf, tropf der Dusche, die immer nur für kurze Zeit Wasser spendet, damit ich keine Möglichkeit habe, mich zu ertränken. Vom anderen Ende des Ganges her kommt ein lauter, undefinierbarer Knall. Dann ein Schluchzen, das direkt vor meiner Tür seinen Höhepunkt erreicht und nun wie eine Sirene wieder leiser wird, als sein Verursacher weitergeht, wohin auch immer. Vor lauter Frust schlage ich mit der Faust auf den abgenutzten, graugrünen Teppichboden. Ich ziehe an einem Faden. Schreibe mit dem Finger die Initialen hinein, die mir nicht aus dem Kopf gehen: A.A. Eine psychiatrische Klinik ist ein entsetzlicher Ort. Es ist nie still, nicht einmal für ein paar Sekunden, obwohl ich wirklich dringend Ruhe bräuchte. Trotzdem unternehme ich einen weiteren Versuch. Ich lege das Ohr an den Putz und schließe die Augen. Vielleicht kann ich das, was auf der anderen Seite der Wand vor sich geht, besser hören, wenn ich meine übrigen Sinne ausschalte. Doch es nützt nichts. Wütend mache ich die Augen wieder auf. Von meinem Platz auf dem Fußboden aus betrachte ich die Umgebung, die mir seit meiner Ankunft vor vier Wochen mittlerweile vertraut geworden ist. Den Maschendraht vor den Fenstern. Die Pantoffeln – keine richtigen Schuhe –, die ich fast immer an den Füßen trage.

 

Den Nachtschrank, in dem sich weder Nachtcreme noch Pinzette noch irgendwelche anderen Gegenstände befinden, die normalerweise im Dasein eines Nachtschranks eine Rolle spielen. Danach wende ich mich wieder der Unterhaltung zu, die meine Besucherin und ihr Freund im Nebenraum führen. Die Gelegenheit ist einfach zu gut, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. »Die beiden sind wieder da«, verkündet die Pflegerin, als sie schwungvoll die Tür zu meinem Zimmer öffnet. Sie sieht mich auf dem Boden sitzen und zieht die Brauen hoch. Ich stehe langsam auf und gehe zurück zum Bett. Falls sie mein Verhalten seltsam findet, so gibt sie keinen Kommentar dazu ab. Wahrscheinlich ist sie an seltsames Verhalten gewöhnt. Und daran, keine Kommentare dazu abzugeben. »Wir erledigen nur noch schnell die Formalitäten, dann kommt sie zu Ihnen«, sagt sie. »Er will so lange nebenan warten. Keine Ahnung, wieso er überhaupt mitgeht.« Aber er geht mit. Jedes Mal. Es gibt die beiden nur im Doppelpack, wie einen KitKat-Riegel. Abermals presse ich das Ohr gegen die Wand, diesmal so fest, dass es wehtut. Aber seit wann machen Schmerzen mir etwas aus?

 

 

Harriet

Dezember

Ich höre, wie sie Sex haben, und runzle irritiert die Stirn, weil es so obszön klingt. Doch schon im nächsten Moment denke ich: Was bin ich bloß für eine Heuchlerin. Schließlich habe ich selber gerade Sex. Mit einem Mann, von dem ich glaube, dass er Eli heißt. Ich frage mich, ob das Paar nebenan uns auch hören kann; ob ihnen wohl gerade ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen wie mir. Über Elis nackte, gebräunte Schulter hinweg schaue ich in Richtung Fernseher. Keine Ahnung, wer ihn eingeschaltet hat, aber er läuft ohne Ton. Die Morgennachrichten, irgendein Beitrag über Truthahnmastbetriebe. Ein ziemlich merkwürdiger Kontrast zu all dem Sex. Als Eli fertig ist, wende ich peinlich berührt den Blick von den Geflügelbildern ab und ziehe mir das Kleid herunter. »Ich muss dann mal los, zur Arbeit«, sagt er, ohne mich anzusehen. Meine Energie reicht gerade noch für ein lustloses Nicken. »Tür ist nicht abgeschlossen«, antworte ich, und er geht ohne ein weiteres Wort. Ich atme aus, angle mir mein Glas vom Boden und trinke einen Schluck Amaretto Cola. Es ist sieben Uhr morgens, aber ich war noch gar nicht im Bett, deshalb ist es nicht so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Außerdem habe ich Durst, und das Glas stand in Reichweite. Die Tür fällt krachend ins Schloss.

Ich lasse den Kopf gegen das Sofapolster sinken und sehe mich um. Halbvolle Gläser, Pinot-Grigio-Flaschen, Zigarettenstummel, die in leeren Schokopuddingbechern ausgedrückt wurden. Unzählige winzige, nach Essig schmeckende Chipskrümel auf einem Kissen. Szenen wie aus meiner Studentenzeit. Irgendwie habe ich mir das Leben mit zweiunddreißig anders vorgestellt. Ich schalte den Fernseher aus und wende meine Aufmerksamkeit wieder dem Pärchen in der Wohnung nebenan zu. Ich glaube, sie treiben es auf dem Sofa, denn hin und wieder stößt die Armlehne gegen die Wand. Entschuldigung, falsches Pronomen: gegen meine Wand.


Lexie

Dezember

 »Tom, wir müssen es machen«, sage ich provokant, wie es so meine Art ist. Er sitzt in T-Shirt und Hose auf dem Sofa und löffelt mit der einen Hand Porridge, während er mit der anderen auf dem Smartphone durch seine Social-Media-Seiten scrollt. Ohne seine Antwort abzuwarten, ziehe ich mir das Schlafanzugoberteil über den Kopf. Der Teststreifen sagt, dass es jetzt passieren muss, und wir sind Sklaven des Teststreifens. Tom weiß, dass er keine andere Wahl hat, obwohl er ziemlich müde aussieht, aller Wahrscheinlichkeit nach zu spät zur Arbeit kommen wird und wirklich Appetit auf sein Porridge zu haben scheint. Aber er fährt heute Abend für drei Tage weg, deshalb heißt es: jetzt oder nie. Und wenn man dreiunddreißig ist und seit zwei Jahren vergeblich versucht, schwanger zu werden, ist nie keine Option. Ohne den Blick von seinem Smartphone loszureißen, zieht sich Tom mit einer Hand die Hose herunter. Der Versuch, ein Kind zu zeugen, macht einen früher oder später zu einem wahren Experten des Multitaskings. Ich stelle seine Porridgeschüssel beiseite, damit sie nicht versehentlich umgestoßen wird. Das hier wird kein »Ich muss dich jetzt unbedingt haben«-Sex, eher ein »Ich muss dich jetzt haben, weil der Ovulationstest es befiehlt, aber wir haben noch Zeit, das Porridge in Sicherheit zu bringen, schließlich möchten wir keinen »klebrigen Haferflocken auf unserem Sofa aus dem Online-Versandhaus haben«-Sex.

 

»Keine Sorge«, flüstere ich atemlos. »Wir machen schnell, dann kommst du nicht zu spät zur Arbeit.« Tom schluckt noch seinen Mundvoll Porridge herunter und wartet bis zur letzten Sekunde, ehe er aufhört, an seinem Handy zu spielen. Eine halbe Stunde nachdem er gegangen ist, liege ich immer noch ohne Slip auf dem Sofa, die Beine gegen die Wand gelehnt, und hoffe – so wie jedes Mal –, dass diese Schwerkraftverstärkende Position die Vorgänge in meinem Körper beschleunigt, auch wenn alle Fakten dagegen sprechen. Ich war schon einmal schwanger. Seitdem hat es nie wieder geklappt. Inzwischen betrachte ich Schwangerschaft nicht länger als einen Zustand des Entweder-oder, sondern eher als etwas Kumulatives, eine Art Spektrum. Und ich befinde mich an der Stelle, die als »eindeutig unschwanger« gekennzeichnet ist. Vorsichtig ziehe ich mir meinen Slip wieder an. Bloß nicht den potenziellen Embryo stören. Bloß nicht das Sperma von seinem rechten Weg abbringen. Ich stehe auf. Nebenan höre ich, wie meine Nachbarin Harriet in hochhackigen Schuhen über ihren Holzfußboden läuft. Ein Schlüssel klimpert, dann geht ihre Wohnungstür auf. Ich weiß, es sollte mir peinlich sein, dass sie uns möglicherweise gehört hat, aber ich bin so sehr auf mein derzeit einziges Ziel fokussiert, dass mir dafür schlichtweg das nötige Maß an Stolz fehlt. Außerdem könnte ich schwören, dass ich aus ihrer Wohnung vorhin auch Sexgeräusche gehört habe. Vermutlich heißer Morgensex. Sie konnten sich einfach nicht beherrschen, obwohl sie eigentlich zur Arbeit mussten. Das genaue Gegenteil von uns. Wir haben lediglich einen Punkt auf unserer To-do-Liste abgehakt.

 

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