Kalte See

Tatort Föhr: Ein Serienmörder treibt sein Unwesen auf der beschaulichen Insel ...

Mitten in der Hochsaison wird auf der Insel Föhr die Leiche einer jungen Frau am Strand entdeckt. Kommissar Krumme und seine Kollegin Pat ermitteln diskret, um keine Panik aufkommen zu lassen. Doch schnell erhärtet sich der Verdacht, dass sie einem grausamen Serienkiller auf der Spur sind, der schon in anderen Teilen Deutschlands gemordet und nun den Weg auf die beschauliche Insel gefunden hat. Als die Presse davon Wind bekommt, gerät der Kommissar unter Druck. Wenig hilfreich scheint da zunächst das überraschende Auftauchen von Krummes Freund Harke, der zur Lösung des Falls auf seine ganz eigene, unkonventionelle Art beitragen möchte ...

 

Info über den Autor

Geboren wurde Hendrik Berg 1964 in Hamburg-St. Pauli. Nach einem Studium der Geschichte in Hamburg und Madrid arbeitete er als Journalist und Werbetexter (nachdem er sich vorher u.a. als Taxifahrer, Chauffeur, Fußmodel, Küchenhilfe und Cartoonist durchschlug). Seit 1996 verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern. 2012 erschien sein erster Roman "Dunkle Fluten", der im brandenburgischen Spreewald spielt. 2014 erschien dann "Deichmörder", der erste von mittlerweile drei Bänden um den Kommissar Theo Krumme, den es von Berlin nach Nordfriesland zieht. Hendrik Berg wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Köln.

 

Dies ist mein Erster Nordsee Krimi von Hendrik Berg obwohl dies schon Band 5 ist.

Während des Veranstaltungshighlight „Föhr on fire“ vor der Tür steht passiert ein Mord auf der Insel.

Es wird eine Leiche angespült und dann auch noch eine schwer Verletzte die den Mord beobachtet hat.

Kommissar Krumme und Kollege Pat fahren zum Fundort und fangen die Ermittlungen an aber so diskret wie möglich.

Während der Ermittlungen kommt nun raus das es vergleichsweise Fälle in anderen Urlaubsorten gab. Langsam wird Kommissar Krumme klar hier ist ein Serienmörder unterwegs.

Auch gibt es immer mal wieder Einblicke in die Psyche des Täters. So dass man auch erkennt der Mörder ist noch lange nicht fertig mit Morden.

Da kann man nur hoffen das Krumme und Pat dem Mörder schnell auf die Spur kommt.

Aber nicht nur das Krumme den Fall nun lösen muss so hat er auch im Privaten noch was zu klären den die Beziehung zu Marianne ist auch gerade nicht die Beste und auch da ist er nicht gerade unschuldig dran.

Das Buch liest sich super flüssig und ich muss sagen ich mag den Kommissar Krumme total er ist nicht Aal glatt er hat seine ecken und kanten und ist nicht gerade einfach aber genau das macht ihn so sympathisch.

Auch muss ich sagen ich bin sehr gut in alle Personen reingekommen obwohl es eben schon Band 5 ist.

Was mich total gefesselt hat war das ich als Leser mehr weiß als der Kommissar Krumme und man möchte doch dann einfach in das Buch rufen was er machen soll.

 

Schafft es der Kommissar Krumme und Pat den Mörder schnell zu finden oder gibt es noch viel mehr Opfer?

Ein fesselnder Krimi und ich muss sagen dieser Fall hat mich neugierig auf die anderen Fälle gemacht und die müssen nun auch noch her.

 

Leseprobe

Düsseldorf, Winter 2015 Sollte es so enden? In einem einsamen Park, im Schatten eines gefrorenen Rhododendrons? Sie spürte die eisige Kälte auf der Haut. Hörte das ferne Rauschen des Verkehrs auf der Rheinuferstraße. Sah den Widerschein der Großstadtlichter am schwarzen Nachthimmel. Und fühlte seine Hände an ihrem Hals. Mit aller Macht kämpfte Claudia um ihr Leben, versuchte verzweifelt, ihren Körper aus der quälenden Umklammerung des Mannes zu befreien. Sie strampelte mit den Beinen, stieß ihm ihre Knie in den Rücken. Sie schlug auf ihn ein, auf seine Arme, seinen Oberkörper, versuchte mit den Fingern an sein Gesicht zu gelangen, um ihm die Augen auszukratzen. Vergeblich. Er saß mit seinem schweren Körper auf ihr, drückte sie auf den kalten Boden. Scharfe Steine bohrten sich in ihren Rücken, in ihren Kopf. Die Hände mit den dicken Lederhandschuhen blieben immer an ihrem Hals. Unerbittlich pressten sie das Leben aus ihr. Sie hörte sein leises Schnaufen, sah nur den Schatten seines Kopfs gegen den dunklen Himmel. Und die schwarz glänzenden Augen.

Und die schwarz glänzenden Augen. Sie stöhnte, ächzte, öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sie wollte schreien. Mit letzter Kraft nach Hilfe rufen. Verdammt, irgendjemand musste doch in der Nähe sein! Doch kein Laut kam aus ihrem Mund. Der Druck auf ihre Kehle, er war viel zu stark. Bilder aus Filmen leuchteten in ihrer Erinnerung auf. Röchelnde, verzweifelte, gedemütigte Frauen, aufgerissene Augen, erfüllt von Tränen und grenzenloser Panik. Alles Fiktion! Kino. Andere Frauen. Aber hier ging es um sie! Das war wirklich, die Realität! Der Drang zu husten, das Verlangen nach nur einem Atemzug wurde schier unerträglich. Nein, nein, nein! Ich will nicht sterben! Ich darf nicht sterben! All die Chancen. Ihre Karriere, die doch gerade erst begonnen hatte. All die Lieben, die auf sie warteten. Das durfte nicht hier in dieser dunklen Ecke enden, zwischen matschigem Schnee und gefrorenem Laub. Sie hatte ein langes und glückliches Leben verdient. Erneut versuchten ihre klammen, fast tauben Finger, seine Hände von ihrem Hals zu lösen. Aber mit jeder Sekunde schwand ihre Kraft ein Stückchen mehr. Ihre Lunge begann, fürchterlich zu schmerzen. Heftige Stiche überall in ihrer Brust. Ihr Herz schlug wie verrückt, ein krampfender Muskel, verzweifelt in seiner Gier nach Sauerstoff.

Tränen liefen ihr über das Gesicht, Speichel tropfte aus ihren Mundwinkeln. Es war zu spät. Sie würde sterben. Lieber Gott, lass diese Qualen endlich zu Ende gehen! Bitte! Ein leises Knirschen im Schnee, nicht weit von hier! Schritte! Nur ein Traum? Ein Trugbild ihres gequälten Verstands? Nein, Claudia kehrte aus dem Abgrund ihres versinkenden Bewusstseins zurück ins Jetzt. Sah, wie auch er erstarrte, in die Dunkelheit lauschte, wartete. Aber seine Hände blieben an ihrem Hals, erbarmungslos, eine eiserne Klammer, die sie jede Sekunde weiter Richtung Tod trieb. Doch jetzt Schritte! Ihre letzte Chance! Mit allerletzter Kraft versuchte sie, sich von ihm zu lösen. Sich unter ihm herauszudrehen. Sie stöhnte, so laut sie konnte, scharrte mit ihren Joggingschuhen auf dem frostigen Boden. Das musste der Unbekannte doch hören! In ihrer Vorstellung schritt ein Engel mit weißen Flügeln durch den Park und brachte die Welt zum Leuchten. Hier bin ich! Warum siehst du mich nicht? Doch die Schritte entfernten sich wieder, das Knirschen wurde leiser, war schließlich nicht mehr zu hören. Die fürchterliche Erkenntnis: Es würde keine Hilfe kommen. Sie war allein, verlassen von der Welt. Alleine mit dem Mann, der mal ein Kollege gewesen war. Vor ein paar Stunden hatte er noch geweint wie ein kleines Kind, um Mitleid gebettelt und sie dann als Schlampe beschimpft.

Nun saß ein Teufel über ihr. Ein Dämon, der mit aller Macht ihren Tod wollte. Sein Körper drückte immer schwerer auf ihre Brust. Sie hörte seinen gleichmäßigen, angestrengten Atem, spürte seine Erektion auf ihrem Bauch. Die brutale Konsequenz ihrer Lage trieb ihr die Tränen ins Gesicht. Ihre Augen schmerzten. Traten hervor, als wollten sie aus ihrem Kopf springen. Claudia konnte hören, wie die Adern in den Pupillen platzten. Es ging zu Ende. Wie viel Zeit war vergangen, seit er sie zu Boden gerissen hatte? Minuten? Stunden? Tage? Die Zeit rauschte in einem endlosen Strom an ihr vorbei. Winter, Frühling, Sommer, Herbst und wieder Winter. Der strenge Blick ihres Vaters. Das Rauschen der Buchen vor ihrem Kinderzimmer. Ihr erster Kuss! Ihre Mutter, die weinte, genau wie sie. Endlich der letzte Schritt. Claudia versank in einem verblassenden Nebel aus Vergangenheit und Gegenwart. Dann war alles vorbei.

 

2

Es hätte ein perfekter Morgen sein können. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel. Die Luft duftete nach Blumen, frisch gebackenen Brötchen und dem Kaffee, der auf dem Frühstückstisch stand. Dazu wehte der Wind eine Prise Salz vom nahen Meer herüber. Trotzdem hätte seine Stimmung nicht schlechter sein können. Missmutig beobachtete er, wie die Spatzen sich um Brotkrumen auf dem Boden der Terrasse stritten. Er zerpflückte sein Brötchen und warf ihnen weitere Krümel zu, um ihren Streit noch anzutreiben. »Jetzt sei doch nicht sauer. Du wirst sehen, das wird ein ganz toller Tag«, sagte Marianne und wollte ihm Kaffee nachschenken. Aber Krumme hielt die Hand über die Tasse, er hatte genug. Überhaupt hatte er beschlossen, nicht zu gesellig zu sein. Wenn schon miese Laune, dann richtig. Er bemerkte, wie Marianne bei seinem Anblick vorwurfsvoll den Kopf schüttelte, aber das war ihm egal. »Mein Gott«, rief sie aus, »andere Menschen würden alles dafür geben, bei dem schönen Wetter eine Segeltour zu machen.« »Es ist nicht das Segeln, was mich stört«, erklärte Krumme trotzig.

»Schon klar.« Marianne seufzte. »Aber du solltest dich da nicht so hineinsteigern. Bernd kann sehr nett sein.« »Er ist ein Idiot.« »Ist er nicht. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ist das etwa ein Verbrechen?« »Nein, nur dass er ständig und ohne Unterbrechung darüber reden muss.« »Was bleibt ihm denn anderes übrig, als sich selbst um die Konversation zu kümmern, wenn du nicht den Mund aufkriegst?« »Soll ich etwa über seine bescheuerten Versicherungen reden?« »Er ist Anlageberater.« »Sag ich doch. Er verkauft Versicherungen.« Krumme nippte an seiner Kaffeetasse, obwohl sie längst leer war. Marianne verdrehte die Augen. »Soll ich ihn anrufen und unseren Ausflug absagen?« »Nein«, brummte er. »Ich weiß doch, wie du dich drauf freust.« »Ja, das tue ich. Und Beate erst. Aber ich kann auch darauf verzichten. Wenn du so wenig Lust hast, dann …« Sie sah ihn an, aber er wich ihrem Blick aus. »Ich verstehe dich einfach nicht. Du warst es doch, der ihn auf die Idee mit der Segeltour gebracht hat.« Er schwieg, starrte auf den Teller und klopfte mit einem Löffel gedankenverloren auf die Reste eines aufgeschlagenen Eis. »Trotzdem ist er ein Idiot.« Krumme warf wieder Brotkrümel zu den Spatzen.

Marianne musterte ihn verärgert. Dann stand sie mit einem tiefen Seufzer auf und verschwand im Haus. Er atmete aus. Zuerst war die vierundfünfzigjährige Frau nur seine Vermieterin gewesen, seit einem Jahr waren sie beide ein Paar. Am Anfang war alles wunderbar gewesen. In letzter Zeit kam es aber des Öfteren vor, dass ihr Gespräch in einer Sackgasse landete und einer von beiden aufstand und den Raum verließ. Krumme wusste, dass meistens seine Sturheit der Grund war. Aber er war selbst schon siebenundfünfzig Jahre alt, da ließen sich alte Gewohnheiten nicht mehr so leicht ablegen. Marianne hatte ja recht. Diese bescheuerte Segeltour war auf seinem Mist gewachsen. Er erinnerte sich an den Abend vor einer Woche. Das Treffen im Förderkreis der Stadtbibliothek. Eigentlich hatte Krumme gar nicht mitgewollt und wäre lieber zu Hause geblieben. Aber Marianne hatte ihm versprochen, anschließend gemeinsam zum Griechen zu gehen. Leider hatte dieser dämliche Bernd sich einfach mit zum Essen eingeladen, zusammen mit Beate, der leitenden Bibliothekarin. Schon während der Sitzung hatte er sich immer wieder aufgeplustert wie ein Pfau. Von neuen Projekten und Ausstellungen geplappert, die er mithilfe seiner prominenten Klienten organisieren wollte. Alle hatten ihm fasziniert gelauscht, auch Marianne. Nur Krumme hatte den Kopf geschüttelt. Als Kriminalkommissar konnte er Aufschneider und Lügner nur zu gut erkennen. Und dieser Mann mit dem beneidenswert vollen Haar und der sonnengebräunten Haut war einer.

Beim Griechen ging es dann weiter. Bernd erzählte von seinem Haus mit Pool hinter dem Deich bei Uelvesbüll auf Eiderstedt, das nach der Scheidung von seiner Frau viel zu groß für ihn allein war. Krumme hatte deutlich ein leises Seufzen von Beate hören können. Offensichtlich war sie Bernd regelrecht verfallen. Tatsächlich schenkte er ihr immer wieder ein charmantes Lächeln. Aber Krumme konnte er nichts vormachen, Ziel seiner Begierde war Marianne! Die beiden waren schon zusammen zur Schule gegangen. Immer nur gute Freunde gewesen, wie sie später behauptet hatte. Aber er hatte das Funkeln in Bernds Augen gesehen. Jetzt wollte er definitiv mehr, als nur ein guter Freund sein. Schließlich hatte Bernd über sein Hobby, das Segeln, gesprochen. Er besaß eine Segelyacht im Husumer Hafen und erzählte von seinem letzten Abenteuer, einer Segeltour nach Cuxhaven. »Nächstes Jahr plane ich eine längere Tour bis nach England«, behauptete er. Krumme konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. Bernd bemerkte, wie Marianne aufmunternd seine Hand drückte. »Segelst du auch, Theo?«, fragte er ihn. Bei der Förderkreissitzung hatten alle beschlossen, sich zu duzen. Wenn es nach Krumme gegangen wäre, wäre er gerne beim Sie und auf Abstand zu diesem Angeber geblieben. »Ich bin in Berlin regelmäßig gesegelt«, verriet er und nippte an seinem Pils.

Das stimmte. Er hatte einen guten Freund auf dessen Schiff oft auf dem Wannsee begleitet, allerdings nur, um Taue zusammenzulegen und ab und zu eine Dosensuppe in der Bordküche aufzuwärmen. Als Leichtmatrose also. »Sag bloß, du hast einen Segelschein?« Bernd lächelte überrascht und ließ dabei die Jacketkronen in seinem ebenmäßigen Gebiss leuchten. Krumme räusperte sich, nickte und schaute so tief wie möglich auf den Grund seines Bierglases. »Hochsee oder Binnen?« Krumme zögerte. »Binnen«, murmelte er, in der Hoffnung, dass seine Lüge so weniger schlimm war. »Toll! Das habe ich ja gar nicht gewusst!« Marianne schenkte ihm ein verliebtes Lächeln. »Das ist ja wunderbar, dann müssen wir unbedingt mal einen Törn machen. Alle gemeinsam auf meinem Schiff.« Bernd zwinkerte Beate, der Bibliothekarin, zu, deren Augen sofort wie ein Signalfeuer strahlten. »Ich weiß nicht. Mir fehlt die Übung. Ist ja schon ewig her«, brummte Krumme verlegen. Aber es war zu spät. »Hier wird nicht gekniffen, mein lieber Freund«, hatte Bernd gesagt und dabei jovial seine Hand auf Krummes Arm gelegt. »Segeln ist wie Radfahren, das verlernt man nicht.« Nun war es also so weit. Alle Versuche, sich vor dem Ausflug zu drücken, hatte Marianne freundlich abgelehnt. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Dass er mit Ach und Krach Backbord und Steuerbord unterscheiden konnte? Nein, ganz bestimmt nicht! Sie würde jede Achtung vor ihm verlieren – zu Recht, dachte Krumme, der sich für seine Lüge unendlich schämte.

Marianne kam zurück auf die Terrasse. Sie hatte sich einen weiß-blau gestreiften Pullover über die Schultern gehängt und schien wieder bessere Laune zu haben. »So, Aufbruch, wir wollen doch nicht zu spät kommen, oder?« Krumme verzog den Mund. Dass sie seinen Widerwillen nicht ernst nahm und ihn damit wie einen trotzigen Jungen behandelte, kränkte ihn ein bisschen. Aber na gut, er hatte sich als Kriminalkommissar schon oft der Gefahr gestellt, vor allem in seiner Zeit bei der Berliner Kripo. Da würde er auch so einen läppischen Ausflug auf einem dämlichen Segelboot in den Griff kriegen. Mit einem Seufzer stemmte er sich aus seinem Stuhl hoch. Im Haus griff er sich die Tasche mit den Snacks, die Marianne für ihren Ausflug vorbereitet hatte, eine Tupperdose mit Frikadellen und eine andere mit Tomaten. In diesem Moment klingelte es an der Tür. Marianne war ohnehin schon beim Ausgang und öffnete. Vor ihnen stand eine junge, zartgebaute Frau in einem pinken Sommerkleid. Ihre Beine steckten in schnürsenkellosen Armeestiefeln. »Anette?«, sagte Marianne. »Was machst du …« »Gut, dass ihr da seid«, unterbrach die junge Frau sie. »Ihr müsst mir unbedingt helfen!« Weiter kam sie nicht. Ein riesiger Fellberg drängelte sich an ihr vorbei und rannte auf Krumme zu. »Watson!«, rief er und zuckte unwillkürlich zurück.

Mittlerweile waren er und Anettes riesiger Hund, eine zottelige Mischung aus Bernhardiner, Labrador und Hirtenhund, dicke Freunde geworden. Vor einem Jahr hatte ihm der Hund in einer dramatischen Aktion sogar das Leben gerettet. Trotzdem, wenn das gewaltige Tier hechelnd auf ihn zulief, bekam Krumme immer noch einen Schreck. Nicht nur, weil er sich nicht an seine lange, pelzige Zunge auf seinem Gesicht gewöhnen konnte – was, wenn Watson ihn aus Versehen einfach verschluckte? Aber heute drückte der Hund seine Schnauze nur selig gegen Krummes Hüfte. Es war verrückt, sein Leben lang hatte er nie eine Beziehung zu Hunden gehabt. Aber aus Gründen, die er nicht verstand, sah Watson in ihm seinen allerbesten Kumpel. »Na, mein Lieber, das ist ja eine nette Überraschung«, sagte Krumme und klopfte dem glücklichen Hund auf die gewaltigen Flanken. Anette und Marianne hatten Watsons Begrüßung gerührt beobachtet. »Was ist denn los?«, erkundigte sich Marianne bei ihrer Nachbarin. Anette strich sich hektisch über die kurzen Haare. Krumme mochte die junge Frau ganz gerne. Sie hatte ein Riesenherz und machte eine perfekte Friesentorte. Aber wenn sie die exaltierte Schauspielerin gab, konnte sie mit ihrer Überdrehtheit ziemlich nervig sein. »Ein Notfall. Ein Casting«, rief sie. »Der Chefdramaturg des Kieler Theaters will mich unbedingt kennenlernen. Und zwar heute.«

»Ein Casting? Am Sonntag?«, fragte Marianne. Anette nickte. »Wir sind zum Mittagessen verabredet. Ich kann es kaum fassen. Eine Riesenchance!« Vor Aufregung vergaß sie fast zu atmen. Sie zeigte zu Watson, der Krumme mit seiner Liebe gegen die Wand drückte. »Aber was soll ich mit dem Kleinen machen?« Marianne schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Netti. Aber wir sind eigentlich schon weg.« »Nein, bitte, tu mir das nicht an! Das wäre mein erstes Engagement seit einem halben Jahr.« Krumme hatte den Eindruck, dass ihr gleich die Tränen kamen. »Wenn’s nicht anders geht, ich könnte ja mit ihm hierbleiben«, erklärte er und bemühte sich, nicht zu hoffnungsvoll zu klingen. Marianne zog die Augenbrauen zusammen und sah ihn vorwurfsvoll an. »Nein, auf keinen Fall. Eher bleibe ich hier, und du fährst alleine zu Bernd.« »Wo wollt ihr denn hin?«, fragte Anette. »Wir sind für eine Segeltour verabredet«, verriet Marianne. »Aber dann ist das ja überhaupt kein Problem!« Anette strahlte über das ganze Gesicht. »Dann müsst ihr ihn unbedingt mitnehmen. Watson liebt Schiffe!«

3

 Harke saß allein auf dem Deich auf einer Bank und betrachtete den Koog. Das flache Wasser, das in der Marsch stand, schimmerte wie ein riesiger Edelstein. Das lange Schilf wogte träge im warmen Sommerwind. Ein gewaltiger Schwarm Wildgänse erhob sich in der Ferne, aufgeregt schnatternd, flog vor dem Leuchtturm einen weiten Bogen über den blauen Himmel und kehrte dann wieder in den Koog zurück. Mit regloser Miene sah der Mann in der blauen Latzhose zu einer Herde Schafe, die auf dem Deich graste. Er wandte seinen Blick einer Libelle zu, die zwischen den Schilfrohren aufgetaucht war. Er beobachtete, wie das Insekt über das spiegelglatte Wasser schwebte und schließlich auf dem Rasen landete. Ohne die Miene zu verziehen, streckte Harke die Hand aus. Die Libelle erhob sich, flog auf ihn zu, so nah, dass er das Flirren der Flügel zu hören meinte. Dann setzte sie sich auf seine offene Handfläche. Für einen langen Moment sahen sich beide, der riesenhafte Mann und das Insekt, an, rührten sich nicht. Dann löste sich die Libelle wieder und verschwand im Schilf. Endlich stand Harke auf. Er sah auf die Hände, ballte sie zu Fäusten und öffnete sie dann wieder, betrachtete sie wie Fremdkörper.

Ein letzter Blick auf das Land, das sich vor seinen Augen ausbreitete. Dann blinzelte er kurz in die Sonne und machte sich auf den Weg. Langsam marschierte er auf dem Sommerdeich landeinwärts, die Augen starr nach vorn auf den Weg gerichtet. Nach einer Weile folgte er dem Pfad hinunter vom Deich, ging durch ein Gatter und erreichte eine schmale, asphaltierte Straße. Schon bald gelangte er zu einem ersten Haus. Ein großer Hof. In der Einfahrt stand ein Trecker mit einem leeren Anhänger. Ein Hund bellte. Aus dem Stall konnte er das Wiehern eines Pferdes hören. Ohne aufzusehen, ging der Mann immer weiter, wie von einer fremden Macht gelenkt. Bald hatte er den Ortskern des kleinen Dorfes erreicht. Nur eine Kreuzung mit einem moosbewachsenen Findling, ein Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Er wandte sich nach links, ging vorbei an einem kleinen Supermarkt und einem Blumenladen, folgte der Hauptstraße jetzt Richtung Ortsausgang. Einen Postwagen, der in diesem Moment die Straße entlangrauschte und ihn beinahe erfasste, beachtete er kaum. Auch das wilde Hupen schien ihm egal zu sein. In seinen schweren Arbeitsschuhen stapfte er immer weiter, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Schließlich hatte er das Ortsausgangsschild erreicht. Aber noch war er nicht am Ziel. Nach ein paar Hundert Metern und einer langen Kurve gelangte er zu einem frei stehenden Haus. Ein ehemaliger kleiner Hof, jetzt zu einem Wohnhaus umgebaut. Das Reetdach reichte fast bis auf den Boden.

Vor den weißlackierten Fensterrahmen standen Blumenkästen. Statt einem Zaun begrenzte wie oft in Nordfriesland eine kleine Mauer aus Natursteinen das Grundstück. Gegenüber dem Haus, auf der anderen Straßenseite, gab es einen Knick, eine Wallhecke, die die Straße zum Feld hin abgrenzte. An dieser Stelle wurde sie von mehreren Bäumen, darunter einer alten Eiche, unterbrochen, die, vom steten Westwind gebeugt, weit über die Straße reichte. Dort gab es eine einsame Bushaltestelle, an einer rostigen Stange hing ein vergilbter Fahrplan. Harke hatte sein Ziel erreicht. Er atmete tief durch, ging zu dem großen Baum und strich über die Rinde. Dann setzte er sich auf einen großen Findling, der sich hier am Rande des Feldes befand. Die Hände auf den Knien abgestützt, sah er hinüber zu dem Haus. Von hier aus konnte er bis hinein in den Garten blicken. An der Seite stand eine Holzhütte, daneben gab es einen kleinen Springbrunnen, der aber nicht eingeschaltet war. Die Mauer, der Garten, das ganze Haus – alles war mit viel Liebe gepflegt. Der Rasen war kurz geschnitten, das Reet auf dem Dach war frisch verlegt. Überall leuchteten Blumenbeete. Vor der Mauer reckten Sonnenblumen ihr Haupt in den Himmel. Es gab eine Schaukel und einen Tisch mit vier schweren Holzstühlen auf der Terrasse. Daneben glänzte ein teurer Gasgrill in der Sonne. Plötzlich ein leises Klappern. Harke wandte den Kopf in Richtung des Dorfes. Eine junge Frau näherte sich auf ihrem Fahrrad. Sie trug ein leichtes Sommerkleid, das sich im warmen Wind an ihren schlanken Körper schmiegte.

Er rückte ein wenig zur Seite, damit er von der jungen Frau nicht gesehen wurde. Er beobachtete, wie sie die Gartenpforte öffnete und ihr Fahrrad auf das Grundstück schob. In einem kleinen Korb hatte sie einen Strauß Feldblumen mitgebracht. Aus seinem Versteck sah er zu, wie sie sich ihren Korb schnappte und sich dann noch einmal umschaute. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden. Aber auf der Fahrt hatten sich einzelne Strähnen gelöst, fielen ihr jetzt über die Stirn. Mit der Hand strich sie sie nach hinten, blickte zu einer Schafherde, die sich auf der anderen Seite der Gartenmauer bis an das Grundstück herangetraut hatte. Der Mann beobachtete, wie die junge Frau für einen Moment lang die Augen schloss, die klare Luft einsog und dem Rascheln der Bäume im Garten lauschte. Schließlich zog sie ihr Kleid glatt, strich sich noch einmal übers Haar. Hinter der Eiche hatte Harke ihr die ganze Zeit zugeschaut. Zum ersten Mal trat jetzt ein Lächeln auf sein Gesicht. Das plötzlich wieder gefror. Eine andere, ältere Frau trat aus dem Haus. Etwas kleiner, aber die gleiche Nase und Haarfarbe wie das blonde Mädchen. Ihre Mutter, das wusste er. »Hallo, Kim«, rief sie und umarmte ihre Tochter. Sie bewunderte den Blumenstrauß, strich ihr stolz über den Kopf. Er konnte nicht verstehen, worüber die beiden redeten.

Aber selbst auf die Entfernung war die liebevolle Verbindung zwischen den beiden deutlich zu erkennen. Kim ging in das Haus, während ihre Mutter kontrollierte, ob das Gartentor auch richtig geschlossen war. Auf einmal hob sie irritiert den Kopf, schien aus den Augenwinkeln etwas bemerkt zu haben. Ihr Blick ging hinüber auf die andere Straßenseite zu der alten Eiche, zu der Bushaltestelle, zum Findling. Und zu ihm……………

 

 

 

 

 

 

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