Der Junge ***Werbung***
 
 
Goldmann Verlag
Alex Dahl
Der Junge
Psychothriller
Erscheinungstermin: 21. Januar 2019
464 Seiten, 12,5 x 18,7 cm
 
Der Junge
Cecilia Wilborg führt ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Sie wohnt mit ihrem erfolgreichen Mann und den gemeinsamen Töchtern in einer friedlichen und wohlhabenden Kleinstadt in Norwegen. Doch eines Tages wird sie gebeten, sich um einen kleinen Jungen zu kümmern, der plötzlich in der örtlichen Schwimmhalle aufgetaucht ist. Keiner weiß, wo Tobias herkommt oder wer er ist. Dann wird eine tote Frau gefunden, die man für seine Mutter hält. Aber Tobias kommt auch Cecilia merkwürdig vertraut vor. Hat sie ein Geheimnis, von dem niemand etwas ahnt? Und wie weit ist sie bereit zu gehen, um es zu schützen?
 
 
 
Der Klappentext hört sich schon richtig Spannend an und macht auch richtig Lust zu lesen den man wird wirklich neugierig was nun mit dem Jungen (Tobias) ist.
 
Das Buch liest sich sehr gut und auch flüssig.
 
Geschrieben ist das Buch aus den Augen von Cecilia es ist als ob man sich mit ihr unterhält und einfach nur gespannt zuhört.
 
Ich muss sagen es hat mich von Anfang an gefesselt,ab dem Zeitpunkt wo der arme kleine Tobias nicht aus dem Schwimmbad abgeholt wurde.
 
Wen man selber Kinder hat ist sowas echt fesselnd und will natürlich wissen was mit dem Jungen passiert.
 
Auch finde ich es toll das Cecilia so offen denkt,auch wen man für sich denken mag wie kann man in so einer Situation nur an sowas denken aber ich finde es Klasse den wie oft denken wir in diversen Situationen dann doch so.
 
Ein beispiel aus dem Buch noch recht am Anfang als sie den kleinen Tobias nach Hause bringen will,da denkt sie das sie sich den Abend so nicht vorgestellt hat sie wollte lieber schon zu Hause sein vor dem Kamin mit einem Glas Wein.
 
Die Situation macht Cecilia für mich echt total identisch.
 
Das Buch hat mich auch total gefesselt weil mir eben der kleine Tobias echt leid getan hat und das zieht sich wie ein Rotes Band auch durch das Buch,das ich nun eben wissen möchte was passiert mit Tobias,wird es ihm gut gehen.
 
Seit auch ihr nun neugierig geworden wie es mit Tobias weitergeht dann müsst ihr das Buch lesen,es lohnt sich wirklich es ist alles enthalten was ein Buch haben muss.
 
Und ich muss sagen die Genre Psychothriller trifft wirklich zu.
 
Den im laufe des Lesens wird die Geschichte ganz anders als erwartet und Cecilia nimmt eine ganz andere Rolle für Tobias ein als gedacht und es tun sich noch etlich abgründe auf.
Und das so Pefekte Leben von Cecilia ist dann doch nicht mehr so Perfekt.
 
 
Für mich ein wirklich fesselndes Buch mit einer unerwartender Wendung die erstmal nicht vorhersehbar war für mich.
 
Leseprobe
 
Kapitel eins
 
Am Dienstag wache ich wütend auf. Ehrlich gesagt passiert
mir das oft, aber heute ist es schlimmer als sonst. Erstens,
weil ich allein aufwache – Johan ist zum dritten Mal in
diesem Monat nach London gefahren  –, und zweitens,
weil wir Oktober haben und es bis kurz vor neun stockdunkel bleibt. Widerwillig kämpfe ich mich aus dem Bett,
stelle mich eine Zeit lang ans Fenster und sehe zum Hafen
hinunter. Es ist noch keine sieben Uhr, und trotzdem
schiebt sich auf der anderen Seite der Bucht eine Schlange
von Autos langsam Richtung Schnellstraße. In der dünnen, unheimlichen Eisschicht über dem Hafenwasser spiegelt sich das Mondlicht. Unten im Haus streiten sich meine
Töchter. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir zahlreiche
Nachrichten und verpasste Anrufe, aber dafür fehlt mir
jetzt einfach die Kraft. Zurzeit passiert so viel, dass ich letzte Woche kaum im Büro war. Heute jedoch werde ich hingehen.
Ich mache ein paar übermäßig tiefe Atemzüge und starre
den Mond an, der noch hoch am Himmel steht; Achtsamkeit soll ja helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich versuche,
Sandefjord zu sehen, wie es im Sommer ist, wenn es wirklich Freude macht, im hellen Licht des späten Abends an
diesem Fenster zu stehen und auf den friedvollen, ruhigen
 
Innenhafen voller Freizeitboote zu schauen. Wir bekommen mehr Sonne ab als die meisten anderen Gegenden
Norwegens, nur sind dafür die Winter in Sandefjord auch
besonders nass und trüb. Dem Wetterbericht zufolge können wir heute Nachmittag wieder mit sintflutartigen Regenfällen rechnen, doch im Moment ist es kühl und klar.
Ich atme noch ein paarmal tief durch und wappne mich
innerlich für den Tag, der vor mir liegt. Wahrscheinlich hat
jeder ab und zu das Gefühl, die Welt wäre ein finsterer
Ort.
❊ ❊ ❊
 
 Es ist schon
nach halb acht, als Hermine auftaucht, frisch geföhnt und
mit einem Hauch rosa Lipgloss, obwohl sie gleich hinaus
in den Wolkenbruch geht.
Ich kann den kühlen, dünnen Stiel des Weinglases in
meiner Hand fast schon fühlen und werde zunehmend hysterisch bei dem Gedanken, die Mädchen heute noch lange
um mich zu haben. Auf dem Weg nach draußen fangen die
beiden an, sich zu streiten. Ihr schrilles Gezänk und der
brausende Regen übertönen das andere Geräusch, und ich
höre es erst nach mehreren Schritten. Ich drehe mich um,
und da steht die Kassiererin, eine ältere, müde wirkende
Frau mit grauen Löckchen und einem Pullover, auf dem
»Happy Halloween« zu lesen ist. Sie ruft meinen Namen
durch den strömenden Regen und winkt mich zurück. Das
ist so typisch – sicher hat eines der Mädchen etwas vergessen.
»Cecilia, oder?«, fragt die Frau, als ich völlig durchnässt
wieder in die Eingangshalle trete. Ich bemerke den kleinen
Jungen, der mir schon am Schwimmbecken aufgefallen ist.
Er sitzt auf einer Bank und starrt zu Boden. Aus seinen
Haaren tropft es auf die braunen Fliesen.
»Ja?«
»Ich … ich wollte Sie bitten, ob Sie vielleicht den Jungen hier mit nach Hause nehmen können. Er ist nicht abgeholt worden.«
»Was soll das heißen, mit nach Hause nehmen?«
Die Kassiererin kommt zu mir an die Tür, senkt die
Stimme fast zu einem Flüstern und deutet auf den kleinen
Jungen auf seiner Bank.
»Das war vielleicht missverständlich… Zu ihm nach
 
Hause. Er wohnt drüben in Østerøya. Ich habe auf die
Liste gesehen, es scheint nicht allzu weit von Ihnen entfernt zu sein.«
»Tut mir leid, das passt ganz schlecht«, erwidere ich und
blicke  – jetzt allerdings sehnsüchtig  – hinaus in den
schwarzen dunklen Abend. »Kann ihn nicht irgendwer anders mitnehmen? In der Halle war eine Frau, von der ich
dachte, sie wäre seine Mutter.«
»Ich fürchte, das war sie nicht; es ist sonst niemand
hier.« Verdammt, nur wegen Hermine und ihrem Föhn.
»Haben Sie die Eltern angerufen?«
»Ja, unter der Nummer, die der Junge mir gegeben hat,
meldet sich sofort die Mailbox.«
»Kann er nicht mit dem Bus oder so fahren?«
Die Kassiererin wirft mir einen etwas frostigen Blick zu
und sieht dann vielsagend an mir vorbei in den strömenden Regen.
Nicoline und Hermine starren mit offenem Mund erst
mich an, dann den Jungen, die Kassiererin und wieder
mich. Von einer Veranstaltung nicht abgeholt zu werden,
ist für sie sichtlich unvorstellbar, und das sollte es auch
sein. Was sind denn das für Eltern, die ihr Kind nicht
abholen? Manche Menschen sollte man wirklich davon abhalten, sich fortzupflanzen.
»Na gut«, sage ich. »Natürlich nehme ich ihn mit.« Ich
schaue den Jungen an und erwarte, dass er aufsteht und
uns zum Auto folgt, aber er bleibt sitzen und starrt weiter
auf den Boden.
»Ich habe ihn vorher noch nie hier gesehen«, sage ich zu
der Kassiererin. »Wie heißt er?«
 
»Tobias«, antwortet sie. »Er ist erst seit ein paar Wochen
dabei. Er ist acht, aber ziemlich klein für sein Alter und ist
noch nicht viel geschwommen. Deshalb haben wir ihn zu
den Siebenjährigen gesteckt.«
»Verstehe.« Ich versuche, nicht an die halbe Stunde zu
denken, die mich die Schlamperei seiner Eltern kosten
wird, oder an meinen Plan, vor dem Kamin ein riesiges
Glas Chablis zu trinken, bevor Johan zu Hause erscheint.
Ich gehe auf den Jungen zu.
»Komm mit.« Ich merke selbst, wie schroff ich klinge.
Erst als ich mich neben ihn knie, sieht der Kleine mich an.
Mit seinem nervösen, unruhigen Blick erinnert er mich an
einen Spatzen, aber er hat ein weiches, liebes Gesicht und
dichte, dunkle Augenbrauen. Winzig, wie er ist, kann man
kaum glauben, dass er ein Jahr älter als meine kräftige, große Hermine sein soll. Der Junge hat etwas Ernstes, kaum
noch Kindliches an sich, was mich im ersten Moment ins
Schleudern bringt. Aber dann versuche ich, mich in ihn
hineinzuversetzen – das kommt sicher von einer Familie,
die an einem beißend kalten, nassen Oktoberabend vergisst, einen Achtjährigen vom Schwimmen abzuholen.
»Na, komm«, wiederhole ich, dieses Mal sanfter. Ohne
meine ausgestreckte Hand zu ergreifen, steht er auf und
nimmt seine Sachen.
Im Auto sind die Mädchen ausnahmsweise mucksmäuschenstill; das einzige Geräusch ist das stetige, schnelle Säuseln der Scheibenwischer. Nicoline sitzt vorne neben mir
und betrachtet die funkelnden Lichter des Hafens, während wir durch die Stadt nach Østerøya fahren. Im Spiegel
bemerke ich, dass Hermine selbstvergessen Tobias anstarrt.
 
Der Junge wendet das blasse Gesichtchen dem Fenster zu.
Hermine fängt an, auf das beschlagene Fenster neben sich
zu malen, Herzen mit Pfeilen darin, ihre Initialen H.W.,
kleine, lächelnde Häschen.
»Mama?«, fragt Nicoline.
»Ja?«
»Kannst du uns zu Hause absetzen, bevor du den Jungen
wegbringst?« Der Umweg würde mich nur zwei Minuten
kosten, und es wäre gut, wenn die Mädchen sich bettfertig
machen könnten.
»Klar. Papa ist aber noch nicht zu Hause. Er landet um
zehn.«
»Macht nichts.«
»In zwanzig Minuten bin ich wieder da, ihr könnt eure
Schlafanzüge anziehen und euch die Zähne putzen.« Ich
biege in unsere Auffahrt ein und sehe kurz zu dem Jungen,
als unser Haus auftaucht. Es bietet einen ziemlich beeindruckenden Anblick mit seinem glänzenden schwarzen
Dach, den vielen sanft erleuchteten Fenstern, einer Dreifachgarage, dem Schwimmbecken, das durch die Hecken
zu erahnen ist, dem Panoramablick aufs Meer und der einladenden roten Tür. Ich frage mich, ob der Junge schon
mal in einem solchen Haus war, aber sein neutraler Gesichtsausdruck verrät nichts. Als wir wieder auf die Straße
biegen, versuche ich, mich mit ihm zu unterhalten.
»Und, welche Schule besuchst du?«
Schweigen.
»Tobias?«
Schweigen.
»Bist du in … ähm, der zweiten Klasse? Der dritten?«
 
Schweigen. Ich gebe auf.
Endlich erreichen wir die Adresse, die mir die Kassiererin auf die Rückseite einer Visitenkarte des Sandefjord
Svømmeklubb geschrieben hat: Østerøysving 8. Doch da
scheint nichts zu sein. Ich sehe nach hinten zu Tobias,
der so unbeweglich dasitzt, als wäre er noch nie hier gewesen.
»Tobias? Wohnst du hier?« Er nickt knapp, und schließlich kann ich im verregneten Dunkel ein Gebäude ausmachen. Es steht ein Stück von der Straße entfernt auf einer
felsigen Anhöhe. »Na gut, dann tschüss«, sage ich, doch
der Junge rührt sich nicht.
»Ähm, möchtest du, dass ich dich zur Tür bringe?«
Langsam hebt der Junge den Kopf und blickt mich an,
und bei dem Ausdruck in seinen Augen wird mir unbehaglich zumute. Er nickt.
Ich betrachte das kleine, gedrungene Holzhaus und verfluche diesen Abend. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Ich könnte jetzt zu Hause sitzen, die Füße auf dem neuen
Schemel von InDesign, in der Hand ein Glas trockenen
Weißwein, und mit meiner Kaschmirdecke von Missoni
über den Beinen in Scandinavian Homes blättern. Ich würde auf das knisternde Feuer im Kamin und den heulenden
Wind vor den Fenstern lauschen. Stattdessen bin ich hier
im donnernden Regen mit einem stummen, seltsamen
Kind unterwegs, um seine Eltern zu finden. Ich laufe
schnell vom Auto einen steilen Kiesweg hinauf zur Tür des
Häuschens. Der Junge folgt mir, ohne den eisigen Tropfen
Beachtung zu schenken. Ich klopfe an die klapprige Tür,
deren blaue Farbe schon abblättert. Dabei öffnet sie sich
 
einen Spaltbreit, als wäre sie gar nicht richtig geschlossen
gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses dröhnende Geräusch, das den hämmernden Regen übertönt, mein Herz
ist oder etwas im Haus.
»Hallo?«, rufe ich mit falscher Zuversicht und drücke
die Tür ganz auf. Sie führt direkt in ein Wohnzimmer, aber
offensichtlich wohnt in diesem Haus niemand – das Zimmer ist komplett leer bis auf das hölzerne Gerippe eines
Sofas. Überall liegen kleine Häufchen Unrat, Spinnweben
hängen aus dunklen, feuchten Ecken herab, und auf dem
Boden ist Mäusekot verstreut. Ich drehe mich abrupt zu
dem Jungen um, der noch in der Tür steht. Jetzt bin ich
mir sicher. Dieses Dröhnen ist tatsächlich mein Herz.
»Tobias«, sage ich und lege ihm die Hände auf die knochigen Schultern. »Wohnst du hier?« Er nickt.
»Wo sind deine Eltern?« Keine Reaktion.
»Tobias, sieh mich an. Du musst mir erklären, was hier
los ist! Wohnst du in diesem Haus? Es wirkt nicht so, als
würde hier irgendjemand leben.«
Der Junge antwortet immer noch nicht, aber sein Blick
gleitet zu einer schmalen Treppe. Ich laufe hinauf, meine
Schritte hallen durch das leere Gebäude. Bei dem Gedanken, dass der Kleine unten allein im Dunkeln steht, überläuft mich ein Schauder. Einen kurzen Moment lang bin
ich für meine beiden Töchter dankbar. Bei all ihren Unzulänglichkeiten und dem ständigen Ärger darüber, sich ihre
endlosen Streitereien anhören zu müssen, sind sie bei Weitem nicht so seltsam wie dieses Kind.
Am oberen Ende der Treppe steht eine weiße saubere
Ikea-Lampe. Ihr Stromkabel ist nicht eingesteckt, aber
 
offenbar wurde sie erst vor Kurzem in den dicken Staub
gestellt. Ich schiebe den Stecker in die Steckdose und sehe
mich im Schein der Lampe um. Ich erkenne zwei Zimmer,
auf jeder Seite der Treppe eines, und ein kleines Spülbecken. In einem der Zimmer lehnt eine verdreckte Matratze
an der Wand, und in der Ecke befindet sich eine Mülltüte,
vollgestopft mit Kleidung. In dem anderen Zimmer wurde
eine kleinere Matratze vor das Fenster gestellt, und an einem Nagel hängt eine Postkarte – Krakau. Ich drehe sie
um, aber die Rückseite ist leer.
Unten wartet Tobias da, wo ich ihn zurückgelassen
habe. Er steht reglos in der Tür, ohne sich im Zimmer umzusehen. Ich knie mich vor ihn, fest entschlossen, ihn zum
Sprechen zu bewegen.
»Tobias, du musst mir erklären, was hier los ist, und
zwar jetzt. Wohnst du in diesem Haus?«
Er nickt.
»Wo sind deine Eltern, Tobias?«
Keine Reaktion.
»Hör mal, ich muss die Polizei anrufen.«
»Nein!«, schreit er, und ich bin überrascht, wie kräftig
seine Stimme ist – angesichts seiner Erscheinung hätte ich
mit einem schwächlichen Maunzen gerechnet.
»Das muss sein, Tobias. Ich kann dich ja nicht hier in
diesem … in diesem leeren Haus allein lassen. Wo sind
deine Eltern, Schätzchen?« Ich will mein iPhone aus der
Tasche ziehen und muss feststellen, dass Nicoline es immer
noch hat.
»Pass auf, wir fahren zurück zu mir und telefonieren
etwas herum. Du musst keine Angst haben, Tobias. Du
 
bist ein Kind, und du hast nichts falsch gemacht. Das ist
wahrscheinlich nur ein Missverständnis. In Ordnung?«
Er schüttelt kurz den Kopf, und sein gleichgültiger
Gesichtsausdruck von vorhin wird finster.
Ich stehe auf und greife nach seiner Hand, die kalt und
nass ist. »Na komm, Schätzchen. Alles wird gut. Ich helfe
dir.«
Mit trauriger, verschlossener Miene sieht er mir direkt
in die Augen und nickt leicht.
Zu Hause parke ich vorsichtshalber vor der Garage. Ich
darf wohl den restlichen Abend damit zubringen, diesen
verlorenen kleinen Jungen herumzufahren. Wenn die Polizei herausfindet, wo sich seine Eltern herumtreiben; in ihrer Bruchbude sind sie nämlich verdammt sicher nicht. Ich
schalte den Motor aus und greife nach dem Türöffner.
Dann werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Ich erstarre.
Tobias weint lautlos. Dicke Tränen strömen aus seinen
Augen und hängen einen Moment an seinem Kinn, bevor
sie auf seine ohnehin durchnässte Jeans fallen.
»Hey…«, sage ich. »Schon gut… Geh mit mir rein. Ich
mache dir einen heißen Kakao, und dann kannst du dir
mit meinen Mädels einen Film ansehen, bis wir was herausgefunden haben, ja?« Ich glaube, der Junge schüttelt
den Kopf, aber er schluchzt so heftig, dass ich nicht sicher
bin, ob er nicht einfach am ganzen Körper bebt.
»Bitte«, flüstert er schließlich. »Kann ich heute Nacht
bitte hierbleiben? Nur heute Nacht? Morgen kommen sie
zurück. Versprochen. Versprochen! Nur heute Nacht! Bitte
rufen Sie nicht die Polizei!«
»Aber Tobias, wo sind sie? Wer sind sie? Deine Eltern?«
 
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